Tote bei Bränden und SchießereienChaotische Zustände in Chile
Die Lage in den chilenischen Erdbebengebiete droht völlig außer Kontrolle zu geraten. In Concepción dringen Plünderer mit Waffengewalt in Privathäuser ein. Einwohner errichten Straßensperren, es kommt zu Feuergefechten zwischen Bürgerwehren, Plünderern und dem Militär.
Trotz massiver Präsenz des Militärs haben sich im chilenischen Erdbebengebiet die Plünderungen ausgeweitet. In der stark verwüsteten Stadt Concepcion setzten Bürger einen Supermarkt in Brand. Dabei sollen nach unbestätigten Berichten bis zu 20 Menschen ums Leben gekommen sein. Flammen schlugen aus einem Kaufhaus, das zuvor von hunderten Menschen geplündert worden war.
Nach Angaben von Vize-Innenminister Patricio Rosende wurde ein Mensch getötet. Etwa 160 Personen seien festgenommen worden. Die Polizei drängte dutzende Einwohner zurück, als diese versuchten, sich in einem Supermarkt mit Lebensmitteln zu versorgen. Als die Beamten Tränengas einsetzten, zündeten die Plünderer das Gebäude an. Durch die Flammen stürzte ein Teil des Daches ein, ein Feuerwehrmann wurde verletzt. Auch ein Zivilist, dessen Kleidung in einem ebenfalls in Brand gesteckten Einkaufszentrum Feuer fing, wurde verletzt.
Gewalt statt Suche nach Vermissten
Außerdem sei es zu Schießereien zwischen bewaffneten Bürgerwehren, Plünderern und dem Militär gekommen, hieß es. Sogar die Suche nach Verschütteten musste deshalb vorübergehend eingestellt werden.
Allerdings sehen sich viele normale Bürger zu Einbrüchen und Plünderungen von Lebensmittelgeschäften gezwungen, da auch zwei Tage nach dem Beben noch immer kaum Wasser und Lebensmittel in der Stadt angekommen waren. Die Versorgung mit Wasser, Strom und Gas ist immer noch unterbrochen. Kriminelle nutzten das allgemeine Chaos für Plünderungen und Raubüberfälle. Mit vorgehaltener Pistole drangen sie sogar in Privathäuser ein und beraubten die Bewohner.
Bürgerwehren schießen auf Unbekannte
Bürger schlossen sich deshalb zusammen und blockierten ganze Straßenzüge. An Straßensperren wurden nur Bekannte und Anwohner durchgelassen. Auf Unbekannte, die sich trotz Warnungen den Absperrungen näherten, eröffneten die Bürger das Feuer. Marineinfanteristen versuchten, ein Abgleiten der Großstadt in die Anarchie zu verhindern.
In der Gemeinde San Pedro de la Paz seien zwei Menschen durch Schüsse getötet worden, sagte die Dozentin der Journalistenschule der Universität von Chile, Claudia Lagos. Die Behörden verhängten den Ausnahmezustand über die besonders betroffenen Regionen Maule und Bíobío. In Concepción wurden 55 Menschen wegen Verletzung der Ausgangssperre festgenommen.
5000 weitere Soldaten in Marsch gesetzt
Um Plünderungen und Gewalt zu verhindern, wurde über drei weitere Städte eine solche Sperre verhängt. Betroffen seien Talca, Cauquenes und Constitucion, teilte das Militär mit. Laut Anweisung von Chiles Präsidentin Michelle Bachelet machten sich zusätzliche 5000 Soldaten auf den Weg in die Erdbebengebiete: "Morgen werden dann insgesamt 7000 Soldaten vor Ort sein."
Das Erdbeben der Stärke 8,8 hatte Chile in der Nacht zum Samstag erschüttert; Concepción war von dem verheerenden Beben mit mehr als 700 Toten besonders schwer betroffen. Um gegen Plünderungen vorzugehen, hat die Regierung 10.000 Soldaten in das Katastrophengebiet entsendet. In der Nacht zum Montag waren schon hunderte Menschen durch Concepción gezogen, um sich Lebensmittel und andere Waren zu beschaffen. Auch in Teilen der Hauptstadt Santiago kam es zu ähnlichen Vorfällen.
Flugzeug abgestürzt
Auf dem Weg nach Concepción stürzte ein Propellerflugzeug ab. Die sechs Menschen an Bord seien dabei ums Leben gekommen, hieß es. Bei den Passagieren habe es sich um Helfer sowie um Mitarbeiter einer Universität gehandelt, die den Zustand von Studentenwohnheimen überprüfen wollten, teilte die Behörde für Zivilluftfahrt mit. Die Maschine sei kurz vor ihrem Ziel aus unbekannter Ursache abgestürzt.
Deutschland sagt Hilfe zu
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem südamerikanischen Land Hilfe beim Wiederaufbau zu. In einem Telefonat mit Präsidentin Michele Bachelet stellte Merkel über die Nothilfe hinaus Unterstützung in Aussicht, teilte Vize-Regierungssprecherin Sabine Heimbach in Berlin mit. "Die Bundesregierung steht bereit, bei der Bewältigung der Folgen zu helfen."
Drei Millionen Euro EU-Soforthilfe
Auch bei der EU in Brüssel ging eine Bitte um Hilfe aus Chile ein. Benötigt würden vor allem Unterstützung beim Bau von Brücken, medizinische Betreuung, Anlagen zur Wasseraufbereitung und Telekomverbindungen, sagte die EU- Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel.
Die EU-Kommission hatte bereits am Sonntag angekündigt, drei Millionen Euro als Soforthilfe für die Opfer des Erdbebens zur Verfügung zu stellen. Laut Ashton werden 13 Experten in das Krisengebiet entsandt, um Schäden festzustellen. "Ich bin sehr beeindruckt darüber, wie professionell die chilenischen Behörden handeln", sagte die Britin. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva als erster Staatschef Chile nach dem Beben einen Besuch ab. Er sagte jede erdenkliche Hilfe zu. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton wird am Dienstag in Chile erwartet.
Auch die internationale Hilfsorganisation Care betonte, Chile verfüge über ein großes Potenzial zur Selbsthilfe. Das weit reichere Land sei nicht mit dem sehr armen Haiti zu vergleichen. Allerdings seien die Nachrichten sehr besorgniserregend. "Was wir von dort hören, ist grauenhaft. Die Infrastruktur ist zusammengebrochen, der Transport schwierig, die Menschen betteln in den Straßen um Trinkwasser", sagte Care-Sprecher Thomas Schwarz.
Das südamerikanische Land sei sehr gut entwickelt und habe einen eigenen guten Katastrophenschutz, betonte auch ein Sprecher des Technischen Hilfswerkes (THW), das ein vierköpfiges Team aus Deutschland in die Erdbebenregion entsandt hatte. Dennoch stimmten Hilfsorganisationen darin überein, dass das Land trotz der großen Eigenmittel unbedingt ausländische Hilfe und Spenden benötige.
Minister: Zahl der Toten wird steigen
Die Zahl der registrierten Todesopfer wurde mit 711 angegeben. Die Zahl werde in Kürze weiter steigen, sagte Innenminister Edmundo Pérez Yoma. "In den Küstenregionen hat ein Tsunami ganze Ortschaften fortgerissen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schlechte Nachrichten werden wir bekommen." Vor allem in Maule und Bíobío gelten zahlreiche Menschen noch als vermisst. Die genaue Zahl der Obdachlosen war unbekannt. Chiles Präsidentin Bachelet hatte von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen. Das Erdbeben vom Samstag ist das fünfstärkste Beben gewesen, das jemals gemessen wurde.