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"Schuldig macht sich auch jeder, der wegsieht", sagen Tsokos und Guddat.
"Schuldig macht sich auch jeder, der wegsieht", sagen Tsokos und Guddat.(Foto: picture alliance / dpa)

Getretene, gebissene, totgeschlagene Kinder: Rechtsmediziner schlagen Alarm

Von Solveig Bach

Im Dezember verblutet die dreijährige Yagmur nach Misshandlungen durch ihre Eltern. Das Mädchen ist die letzte auf einer langen Liste. Woche für Woche werden in Deutschland Kinder krankenhausreif geschlagen oder sterben gar.

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Eine winzige Hand mit schweren Verbrennungen an der Handfläche und den Fingerkuppen, "Verbrennung an einer Herdplatte", kommentiert der Rechtsmediziner Michael Tsokos das Bild kurz. Es folgen weitere Bilder, ein beinahe kreisförmiges rotes Mal in einem Kindergesicht: "Bissmarke im Gesicht", ein riesiger blauer Fleck: "Tritte und Schläge aufs Gesäß", ein grün und blau gefärbtes und völlig verquollenes Kindergesicht: "Hämatome nach heftigen Schlägen, die Narbe an der Lippe stammt von einer Verletzung, die beim Füttern entstanden sein muss". Als endlich wieder das Buchcover von "Deutschland misshandelt seine Kinder" gezeigt wird, geht ein leises Aufatmen durch den Raum, in dem Tsokos und seine seine Kollegin Saskia Guddat das Buch vorstellen.

Was Tsokos und Guddat für dieses Buch zusammengetragen haben, würde man am liebsten verdrängen. Und tatsächlich tut man das meist auch. Mütter und Väter, die ihre Kinder schlagen, beißen, treten, verbrühen, hungern, dursten und frieren lassen, schütteln - oft über Jahre hinweg, das will sich niemand vorstellen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist die Angst vor dem "fremden Mann" tief verankert, doch aus der Sicht der Gerichtsmediziner sind die gefährlichsten Menschen im Leben eines Kindes Mutter, Vater und Lebensgefährte.

Im Durchschnitt sterben in jeder Woche drei Kinder in Deutschland an den Folgen schwerer Misshandlungen, das sind die belegten Fälle. Die Rechtsmediziner schätzen, dass es für jeden erwiesenen mindestens einen nicht entdeckten Fall gibt. Bei Misshandlungsfällen ohne Todesfolge sind die Dunkelziffern noch höher: Auf einen erfassten Misshandlungsfall kommen je nach Schätzung fünf bis 400 Fälle, die in keiner Statistik erscheinen.

Skandal öffentlich machen

Tsokos und Guddat arbeiten gemeinsam am Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité.
Tsokos und Guddat arbeiten gemeinsam am Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité.(Foto: dpa)

Nach Jahren, in denen Tsokos und seine auf junge Opfer spezialisierte Kollegin Guddat immer wieder schwerstverletzte Kinder begutachtet haben, ist für die beiden Ärzte ein Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr hinter den Kulissen arbeiten wollen. Tsokos betont sichtlich aufgeregt, es gehe hier nicht um den Klaps, bei dem einer übermüdeten Mutter nach dem dritten umgefallenen Glas Saft die Hand ausrutscht. Sondern es gehe um Kinder, die schwerste körperliche Schäden davontragen, nie wieder richtig laufen oder sehen können, Kinder, die keine normale Schulbildung mehr erhalten können, obwohl sie vor gar nicht so langer Zeit gesund zur Welt gekommen waren. Und natürlich geht es um Kinder, die nie das Erwachsenenalter erreichen, niemals ein Teenager sein werden, weil sie das Martyrium in ihrem eigenen Zuhause nicht überleben.

Dabei werden immer wieder Menschen auf die Schicksale dieser Kinder aufmerksam. Was dann jedoch passiert, bezeichnen Tsokos und Guddat als totalen Fehler im System. Zunächst einmal trauen sich viele Erzieher, Nachbarn oder Ärzte nicht, ihren Verdacht, ein Kind werde misshandelt, überhaupt zu äußern. Sie hören die Schreie, sie sehen die blauen Flecken und unternehmen nichts. Doch selbst wenn ein Kind nach schweren Übergriffen im Krankenhaus landet, ist es nur für den Moment in Sicherheit. Den polizeilichen Ermittlungen folgt selten ein Strafprozess und noch seltener wird ein Erwachsener für die Verletzungen bestraft, die er einem Kind zugefügt hat. Denn nur wenn zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, wer das Kind geschlagen hat, kann es zu einem Urteil kommen. Das ist aber schwierig, vor allem dann, wenn die Mutter und ihr Lebensgefährte einfach schweigen.

Doch dieses juristische Ergebnis enthält für Saskia Guddat eine Wahrheit, die nach dem Verfahren gar nicht mehr wahrgenommen werde. Ihr Gutachten belege in diesen Fällen ja trotzdem, dass das Kind von einem Elternteil misshandelt wurde und der andere es nicht beschützt habe. Das in der Folge oft tagende Familiengericht, das darüber entscheiden muss, ob das Kind auch künftig in der Familie leben soll, beurteilt dies jedoch meist anders. Da die Eltern nicht verurteilt worden seien, muss das Kind zurückkehren. In den allermeisten Fällen setzt sich die häusliche Gewalt danach fort.

Kinder werden allein gelassen

Guddat und Tsokos haben die Fälle analysiert, die sie in Berlin behandelt haben. Ihr Fazit: Staatliches Versagen beim Kinderschutz sei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Fast alle Fälle der letzten Jahre, in denen Kinder in ihren Familien ums Leben gekommen sind, waren den Jugendämtern bekannt oder wurden von der Jugendhilfe bereits betreut. Die kleine Yagmur, die im Dezember in Hamburg nach einem Leberriss verblutete, den sie bei Schlägen durch ihren Vater erlitten hatte, wurde seit ihrer Geburt vom Jugendamt begleitet. Der Hamburger Gerichtsmediziner Klaus Püschel hatte nach der Begutachtung einer früheren Verletzung gewarnt, das Kind befinde sich bei Mutter und Vater in akuter Lebensgefahr. Doch Yagmur kam zurück zu ihren leiblichen Eltern. Kurz darauf war sie tot.

Dabei waren in diesem Fall die Misshandlungsspuren noch nicht einmal falsch gedeutet worden, aus irgendeinem Grund wollte man Yagmur einfach nicht aus der Familie nehmen. Ein Grund könnte Geld gewesen sein, denn die Betreuung bei den Eltern durch einen freien Träger kostet nur einen Bruchteil dessen, was für eine Pflegefamilie fällig wird. Die finanziellen Abhängigkeiten der Helfer von staatlichen Institutionen nennen die Ärzte denn auch als echtes Hemmnis für einen wirksamen Kinderschutz.

Es gibt jedoch noch weitere. Tsokos und Guddat berichten von Schuldirektoren, die den Versuch einer Lehrerin untersagen, die Verletzungen eines ihrer Schülers bei der Polizei anzuzeigen. Und die Rechtsmediziner erleben immer wieder Richter, Anwälte und Jugendamtsmitarbeiter, die sich weigern, Fotos, wie die oben beschriebenen, anzusehen. Ginge es nach den beiden Ärzten, würden Risikofamilien häufiger und besser kontrolliert und gefährdete Kinder schneller im Heim oder bei Pflegefamilien untergebracht. Menschen, die mit Kindern arbeiten, würden so geschult, dass sie Verletzungen durch Misshandlungen erkennen. Jedes in Deutschland verstorbene Kind würde einer Leichenschau unterzogen und Familienrichter würden mit Hilfe der Gutachten aus der Rechtsmedizin mehr Eltern das Sorgerecht entziehen. Er könne es nicht mehr aushalten, sagt Tsokos, wenn auf seinem Sektionstisch ein totes Kind liege und von den zuständigen Behörden nur die Information komme, es sei nichts falsch gemacht worden.

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Quelle: n-tv.de

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