Panorama

Die Hölle auf dem HügelStaatsanwalt fehlt die Leiche

19.10.2011, 18:26 Uhr

Das Leben im Kinderheim Wilhelminenberg in Wien war die Hölle: Die Mädchen mussten Erbrochenes essen, wurden geschlagen und vergewaltigt. Eine Schülerin soll sogar getötet worden sein. Eine Zeugin will zwar die Identität des Opfers wissen - doch der Staatsanwalt tappt noch im Dunkeln.

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Über den Dächern von Wien: Schloss Wilhelminenberg. (Foto: REUTERS)

Im Wiener Kinderheim-Skandal ermittelt die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben nicht wegen möglicher Todesfälle, aber wegen Missbrauchs. Zur Tötung eines Kindes in dem städtischen Heim Schloss Wilhelminenberg habe es bisher keine Anzeige gegeben, sagte der Behördensprecher Thomas Vecsey.

Ein ehemaliges Heimkind hatte sich über einen Anwalt - der auch andere Opfer vertritt - an die Öffentlichkeit gewandt: Sie will in den 1950er Jahren mit eigenen Augen gesehen haben, wie eine Lehrerin des inzwischen geschlossenen Heims eine Mitschülerin zu Tode prügelte und sprach auch von möglichen weiteren Fällen. Damit gab die Frau im Rentenalter dem Skandal um mögliche schwere Misshandlungen über Jahrzehnte in Wilhelminenberg eine neue Dimension.

Die Frau habe im vergangenen Jahr wegen ihrer eigenen Misshandlungen in dem Heim Anzeige erstattet, sagte Vecsey. Dieses Verfahren sei wegen Verjährung eingestellt worden. Ob das ehemalige Heimkind damals gegenüber den Behörden auch den vermeintlichen Tod einer Mitschülerin erwähnte, könne er nicht sagen. Ermittlungen dazu habe es nicht gegeben: "Wir wissen nach wie vor nicht, wer dieses Mädchen ist."

Die Staatsanwaltschaft könne erst tätig werden, wenn eine Anzeige oder ein begründeter Anfangsverdacht vorliege. "Üblicherweise beginnen Mordermittlungen mit einer Leiche", sagte Vecsey. Der Anwalt der Zeugin, Johannes Öhlböck, sagte, dass er die Identität des Opfers kenne. Einen Todesnachweis habe er aber nicht: "Es ist nicht mein Job, zu ermitteln." Ob er den Fall bei der Staatsanwaltschaft anzeigen werde, müsse er erst mit der Frau besprechen.

Beim "Kurier" melden sich nach eigenen Angaben laufend neue Opfer. Die Zeitung hatte die grausamen Zustände in dem Ende 1970 geschlossenen städtischen Heim mit publik gemacht. Den Vorwürfen nach sollen in Wilhelminenberg Kinder über Jahrzehnte sexuell missbraucht, brutal misshandelt und gedemütigt worden sein. Ehemalige Zöglinge berichteten von regelmäßigen Gruppenvergewaltigungen von Kindern im Grundschulalter in den Schlafsälen, die Erzieher hätten sie regelrecht an fremde Männer "verkauft". Die Staatsanwaltschaft ermittelt in mehreren Fällen.

Quelle: dpa