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"Umweltfreundliche Alternativen" nutzen: Streusalz belastet die Umwelt

Höhere Rutschgefahr für Auto, salzgeschädigte Bäume, materialgeschädigte Straßen und Brücken: Streusalz verursacht Schäden in Milliardenhöhe.

Jährlich werden circa 1,59 Millionen Tonnen Salz auf deutsche Straßen gestreut.
Jährlich werden circa 1,59 Millionen Tonnen Salz auf deutsche Straßen gestreut.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

"Salz gehört auf das Frühstücksei und nicht auf den Bürgersteig", sagt Martin Ittershagen vom Umweltbundesamt mit Blick auf die weißen Salzschlieren, die sich derzeit wieder bundesweit über unzählige Gehwege ziehen. Kaum zeigt das Thermometer auf unter Null, streuen übereifrige Bürger trotz aller Bedenken und kommunaler Verbote nach dem Motto "Viel hilft viel" wieder tonnenweise Salz vor die Haustüren. Wie viele es von jenen 1,59 Millionen Tonnen Salz sind, die durchschnittlich jedes Jahr auf öffentlichen Verkehrswegen landen, vermag der Verband der Kali- und Salzindustrie nicht zu sagen. Geht es nach Umweltschutzverbänden, ist jedes Gramm zu viel.

Auch Ittershagen empfiehlt "umweltfreundliche Alternativen" wie das Schneeschieben und zusätzlich salzfreie, abstumpfende Streumittel mit dem Umweltzeichen "Blauer Engel". Solche salzfreien Streumittel wie Split, Kies, Granulat und Sand verminderten ebenso die Rutschgefahr und hätten nicht die schädlichen Wirkungen von Salz. Die Folgen des Salzstreuens zeigen sich oft erst Monate später: Salzgeschädigte Straßenbäume können nicht mehr genügend Wasser aufnehmen. Im Boden verdrängt das Salz zudem wichtige Pflanzennährstoffe und beeinträchtigt Mirkoorganismen. Vor allem die Baumarten, die die Alleen zieren, reagieren empfindlich auf Salz, etwa Ahorn, Linden, Kastanien.

Kommunen ordern "just in time"

Räumen ist besser als Salz streuen.
Räumen ist besser als Salz streuen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dieter Krüger, Sprecher des Verbands der Kali- und Salzindustrie, weist diese Mahnungen zurück. "Die Umweltschäden sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, weil viel weniger und besser gestreut wird", sagt er. Stimmt zumindest teilweise: Nach den Milliardenschäden an Straßen, Brücken, Autos und der Natur durch exzessives Salzstreuen in den 1960ern und 1970ern Jahren setzte ein Umdenken ein. Kommunen und Straßenmeistereien streuen weniger. Zudem wird das Salz vor dem Streuen angefeuchtet, um sogenannte Wehverluste zu vermeiden. Damit lässt sich die nötige Salzmenge um immerhin 40 Prozent verringern.

Unterdessen freut sich die Salzindustrie über den schneereichen Winter. Allerdings hat sie auch dieses Jahr wieder mit einem aus ihrer Sicht ärgerlichen Problem zu kämpfen: Immer mehr Kommunen ordern ihren Salzbedarf nicht Monate im Voraus, sondern hoffen auf einen milden Winter oder wollen Lagerkosten sparen. "Just in time", heißt offenbar die Devise: "Bei etlichen Kommunen gehen die Vorräte nun zur Neige und bei unseren Mitgliedern laufen die Telefone heiß", sagt Verbandssprecher Krüger.

Stilles Schweigen über Aufschlagung der Bergwerke

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Das Zocken der Stadtkämmerer wie bei Warentermingeschäften lassen sich die Bergwerksbetreiber indes teuer bezahlen. Über die Aufschläge herrscht in der Branche allerdings eisernes Schweigen. Welche Dimensionen die Salzindustrie wegen der unvorhersehbaren Nachfrage bei Produktion und Lagerung zu bewältigen haben, verdeutlichen zwei Abweichungen von jenen 1,59 Millionen Tonnen Salz, die seit 1989 im Jahresdurchschnitt verkauft wurden: "1990 setzten wir wegen des mildesten Winters seit langem nur 400.000 Tonnen Salz um, 2005 waren es dagegen 3,5 Millionen Tonnen", berichtet Krüger.

Angesichts leerer Kassen gehen mittlerweile immer mehr Kommunen dazu über, nur noch an gefährlichen Straßenabschnitten mit Salz zu streuen. Ansonsten gilt der sogenannte weiße Winterdienst: Es wird kaum geräumt und nicht gestreut. Das schützt nicht nur die Umwelt, sondern senkt tatsächlich auch die Unfallhäufigkeit.

Salz verdoppelt Bremswege

Studien belegen, dass Autofahrer auf abgetauten schwarzen Straßen deutlich zu schnell fahren. Sie übersehen, dass das Salz häufig eine dünne Schmierschicht auf der Straße sowie den Bremsbelägen des Autos ausbildet und Bremsewege sich deshalb verdoppeln können. Auf nicht behandelten Strecken werde wesentlich vorsichtiger gefahren. Finnland, die Slowakei und Österreich haben deshalb die Konsequenz gezogen und kommen auf vielen Straßen bereits ohne Salz durch den Winter.

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Quelle: n-tv.de

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