Panorama

Personal und Patienten verzweifelt: "Team Wallraff" zeigt den Klinik-Horror

In seiner jüngsten Reportage schaut sich das RTL-Team Wallraff deutsche Krankenhäuser an. Die Undercover-Aufnahmen zeigen: Die Zustände sind erschreckend. Patienten bleiben unversorgt, Schwestern und Ärzte verzweifeln an der Arbeitsbelastung. Doch die Klinikbetreiber schreiben schwarze Zahlen.

14 Monate lang hat das Team Wallraff für RTL undercover in drei großen Krankenhäusern in drei großen deutschen Städten recherchiert und gedreht. Immer mehr Post hatten Günter Wallraff und seine Kollegen von Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern bekommen, die unhaltbare Zustände an ihren Arbeitsplätzen beschrieben. Nun wollten die Reporter herausfinden, wie es wirklich ist. Als Pflegepraktikantin bewirbt sich Reporterin Pia Osterhaus bei mehreren Kliniken, um einen Einblick in den Alltag von Patienten und Personal zu bekommen.

Es ist für Beschäftigte wie für Kranke gleichermaßen furchtbar.
Es ist für Beschäftigte wie für Kranke gleichermaßen furchtbar.(Foto: imago/epd)

Die Bilder, die sie zu sehen bekommt, sind erschütternd. Egal ob in München, Wiesbaden oder Berlin: Nirgends sind die Stationen personell ausreichend besetzt. In München erfährt ein schwer diabeteskranker Patient "im Vorbeihuschen" von zwei Ärzten, dass ihm nach dem bereits amputierten Unterschenkel zwei weitere "Zehen abgeschnitten werden" sollen. Ein anderer Patient möchte auf die Toilette gebracht werden, wird aber aufgefordert, sich in die Windel zu entleeren. Für einen Toilettengang hat das Pflegepersonal keine Zeit.

In Wiesbaden versuchen die Mitarbeiter der Notaufnahme verzweifelt, für eine Frau ein Bett auf einer Intensivstation zu finden. Die 45-Jährige soll demnächst nach einem schweren Schlaganfall oder einer Gehirnblutung, so genau kann das noch niemand sagen, bei ihnen eingeliefert werden. Obwohl die Notaufnahme für diesen Fall nicht eingerichtet ist, sieht es für eine halbe Ewigkeit so aus, als müsse die Frau in einem Schockraum notversorgt werden, obwohl sie sofort neurologische Hilfe braucht. Erst unmittelbar vor ihrem Eintreffen kann die Intensivstation doch noch ein Bett frei machen. Der Super-Gau ist wieder einmal knapp abgewendet worden.

In Berlin werden Patienten mit multiresistenten Keimen ohne jede Schutzkleidung transportiert. Die Frau, die die Betten der infizierten Patienten reinigt, gibt wenig später in der gleichen Kleidung das Essen an andere Patienten aus.  

Fehler im System

Es sind Stichproben, die das Team Wallraff zeigt, aber Pflegeexperte Claus Fussek, Wirtschaftswissenschaftler Stefan Sell und Hygieneexperte Walter Popp bestätigen, dass dies der Alltag in deutschen Krankenhäusern ist. Wie so oft, hängen die Dinge miteinander zusammen. In Deutschland ist eine Pflegekraft im Durchschnitt für zehn Patienten zuständig. Zum Vergleich: In Norwegen ist das Verhältnis 1:4. In Deutschland sind auch die Ansteckungsraten mit multiresistenten Keimen wie MRSA und ESBL höher als in Norwegen. Denn wo eine Krankenschwester so viele Patienten versorgen muss, bleibt kaum Zeit für die wichtigsten Hygienemaßnahmen. Statt 30 Sekunden Händedesinfektion schaffen die beobachteten Schwestern gerade mal 10.   

Es ist nicht so, dass das Pflegepersonal nicht will, viele Ärzte und Krankenschwestern können einfach nicht mehr. Wer versucht, mitfühlend und fürsorglich zu sein, verliert Zeit. In der Notaufnahme in den Wiesbadener Dr. Horst Schmidt-Kliniken wird die Personaleinteilung im Mai 2015 von vorherein so gemacht, dass große Mengen Überstunden anfallen müssen. "Es wird über die Kraftreserven hinaus gearbeitet", sagt eine Mitarbeiterin, die nicht erkannt werden will, der Reporterin. Dabei passieren Fehler, falsch beschriftete Proben oder Aufnahmen, falsch verstandene Medikamentennamen oder -dosen. Eine andere Krankenschwester bezeichnet dies als "Sterbehilfe".

Oder die Anspannung entlädt sich an Patienten, die krank, oft mit Schmerzen und voller Angst auf Zuspruch und Heilung hoffen. Pflegeforscher Fussek  nennt den Umgangston gegenüber Wehrlosen, Kranken, Verängstigten "unterirdisch". Mit versteckter Kamera filmt Reporterin Osterhaus eine Krankenschwester, die zu einem Patienten sagt: "Ich fick Dich, Du Tauber." Der Patient hatte ihr nicht geantwortet.

Geld verdienen um jeden Preis?

Den oft unhaltbaren Zuständen in den Krankenhäusern stellt das Team Wallraff die Zahlen der betreibenden Gesundheitskonzerne gegenüber. Als Aktionär kann man damit zufrieden sein, als Patient oder Arbeitnehmer sieht es hingegen düster aus. Die billigen Handschuhe reißen, die preiswerteren Kanülen bewirken, dass Adern platzen. Der externe Reinigungsdienst kommt zu selten, blutiges Material liegt auf dem Boden, in einer Ecke verschimmelt eine Wurst. Oder wie es eine Krankenschwester formuliert, deren Identität geschützt wurde: "Wenn man mit Gesundheit versucht, Geld zu verdienen, wird es einfach Sch..."

Gesundheitsminister Hermann Gröhe konnte sich aus Termingründen zu der Reportage nicht äußern. So richten die Reporter am Ende ihres Höllentrips einen Appell an die Politik: Es brauche mehr Personal und eine gesetzliche Regelung für die Bemessung. Die Krankenhauskonzerne sollen sich wieder ihren Patienten verpflichtet fühlen, statt den Aktionären.   

Quelle: n-tv.de

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