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Fukushima-GAU nimmt seinen Lauf: Tepco räumt Kernschmelzen ein

Die Betreibergesellschaft des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima muss nun auch eine partielle Kernschmelze in zwei weiteren Reaktoren eingestehen. Experten waren schon lange davon ausgegangen. Greenpeace wirft der japanischen Regierung vor, "die ganze Zeit gelogen zu haben".

Nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat die Betreibergesellschaft Tepco eingestanden, dass es wie auch in Reaktor 1 in den Reaktoren 2 und 3 "sehr wahrscheinlich" zu Kernschmelzen gekommen ist. Experten waren bereits seit langer Zeit davon ausgegangen, dass es in den drei Reaktoren Kernschmelzen gegeben hatte.

"Überrascht hat uns das nicht", sagte Christoph von Lieven, Greenpeace-Energieexperte. im Gespräch mit n-tv. "Es zeigt noch einmal ganz deutlich, dass die Einschätzung von unabhängigen Atomenergieexperten richtig war und dass die japanische Regierung die ganze Zeit gelogen hat. Das ist allerdings wirklich ein Riesenskandal."

Die Regierung in Tokio beschloss jetzt die Gründung einer unabhängigen Expertenkommission zur Klärung der Ursachen der Katastrophe.

Satellitenaufnahme nach der Explosion am Reaktor 2 vom 14. März 2011.
Satellitenaufnahme nach der Explosion am Reaktor 2 vom 14. März 2011.(Foto: dpa)

Der Großteil der Brennstäbe in den Reaktoren 2 und 3 sei vermutlich auf den Grund des Druckbehälters gefallen, wie es auch in Reaktor 1 geschehen sei, sagte ein Tepco-Sprecher. Nach Unternehmensangaben geht dies aus neuen Messungen an den Reaktoren hervor. Die Reaktorbehälter würden aber gekühlt und seien "stabil". Relativ niedrige Temperaturen würden darauf deuten, dass das Brennmaterial zum Großteil von Wasser bedeckt sei.

Bislang hatte Tepco lediglich eine Kernschmelze im Reaktor 1 eingeräumt. Zuletzt hatte das Unternehmen dann angedeutet, dass auch die Reaktoren 2 und 3 betroffen sein könnten; erst jetzt wurde dies aber mit aller Deutlichkeit mitgeteilt. Die Reaktoren 4, 5 und 6 von Fukushima befanden sich zum Zeitpunkt des schweren Erdbebens und der folgenden Tsunamiwelle vom 11. März, welche die Atomkatastrophe ausgelöst hatten, in Wartung.

Situation jetzt nicht gefährlicher

Hans-Josef Allelein: Schlimmer wird's nimmer.
Hans-Josef Allelein: Schlimmer wird's nimmer.(Foto: dpa)

"Die Situation in Fukushima wird dadurch nicht gefährlicher", sagte der Reaktorexperte Prof. Hans-Josef Allelein. Generell verbessere sich die Lage von Tag zu Tag durch "das Abnehmen der Nachwärmeleistung" - also dadurch, dass der Kernbrennstoff allmählich abkühle. Allerdings werde es nach einer Kernschmelze schwieriger, die deformierten Elemente aus den Reaktoren zu bergen - falls dies jemals geschehen werde. "Das Rausholen der Brennelemente ist deutlich komplizierter und birgt auch ein erhöhtes Gefahrenpotenzial", sagte der Leiter des Lehrstuhls für Reaktorsicherheit und -technik der Universität Aachen.

Große Probleme sieht von Lieven indes bei der Beseitigung des hochradioaktiv verseuchten Kühlwassers. "Die Tanks sind voll. Man weiß nicht wohin mit dem radioaktiven Wasser. Ganz offensichtlich sind Druckbehälter und Sicherheitsbehälter in den Anlagen 1 bis 3 undicht. Auch sind die Sicherungsarbeiten an der Anlage gefährdet, weil die Menschen, die dort arbeiten, permanent mit hoch radioaktivem Material konfrontiert sind."

Japan setzt Untersuchungskommission ein

Eine nun ins Leben gerufene unabhängige Untersuchungskommission soll Dokumente im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe einsehen und Tepco-Techniker und Regierungs- sowie Behördenmitarbeiter befragen. Sie steht unter Leitung des emeritierten Professors Yotaro Hatamura, der sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit menschlichem Fehlverhalten auseinandersetzte. Die Kommission soll im Dezember einen Zwischenbericht und dann im Sommer kommenden Jahres einen Abschlussbericht vorlegen, wie die japanische Regierung mitteilte.

Die Experten sollen zudem Vorschläge unterbreiten, wie ähnliche Katastrophen in Zukunft verhindert werden können. Sie sollen auch Empfehlungen darüber aussprechen, wie die Auswirkungen der Atomkatastrophe auf die Menschen gemildert werden können, welche die Evakuierungszone um das havarierte Kraftwerk verlassen mussten. Seit dem Beginn der Atomkatastrophe mussten rund 85.000 Menschen in der Region ihre Häuser verlassen.

Rund 20 Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sind zudem seit Wochenbeginn in Japan. Sie sollen bis Anfang Juli Daten zur Nuklearkatastrophe in Fukushima erheben.

Die Naturkatastrophe hatte die Kühlsysteme der Reaktoren lahmgelegt. Die Überhitzung der Reaktoren löste dann die schwerste Atomkatastrophe seit Tschernobyl vor 25 Jahren aus. Tepco wird wegen seiner Informationspolitik in Japan heftig kritisiert. Immer wieder machte das Unternehmen verharmlosende, widersprüchliche oder falsche Aussagen zu den Schäden in Fukushima.

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Quelle: n-tv.de

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