Panorama
Der Fall Kalinka Bamberski beschäftigt die Justiz seit über drei Jahrzehnten.
Der Fall Kalinka Bamberski beschäftigt die Justiz seit über drei Jahrzehnten.(Foto: dpa)

Deutsch-französisches Justizdrama: Warum starb Kalinka?

Von Solveig Bach und Diana Sierpinski

Kalinka Bamberski ist 14 Jahre alt, als sie eines Morgens tot in ihrem Bett gefunden wird. Was genau passierte in jener Nacht im Sommer des Jahres 1982? Wollte der deutsche Arzt Dieter K. seine Stieftochter vergewaltigen?

Kalinka Bamberski ist schon viele Jahre tot, als der deutsche Arzt Dieter K., Kalinkas Stiefvater, wegen Körperverletzung mit Todesfolge der damals 14-jährigen Französin zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. Am 23. Oktober 2011 folgt das Pariser Schwurgericht der Argumentation der Staatsanwaltschaft, wonach er sie mit Schlafmitteln ruhigstellen wollte, um sie zu vergewaltigen.

Dieter K. beim Prozess in Paris im vergangenen Jahr.
Dieter K. beim Prozess in Paris im vergangenen Jahr.(Foto: dpa)

Doch mit dem Urteil nimmt der deutsch-französische Justizkrimi nur ein  vorläufiges  Ende. K., der vehement seine Unschuld beteuert hat, wehrt sich, legt Widerspruch ein. Ein Jahr nach seiner Verurteilung wird in dem über drei Jahrzehnte währendem Kriminalfall ein neues Kapitel aufgeschlagen. Gegen den mittlerweile 77-Jährigen Arzt hat der Berufungsprozess im Pariser Vorort Créteil begonnen. Erneut werden die lange zurückliegenden, verworrenen Umstände um Kalinkas mysteriösen Tod aufgerollt.

Ein Blick zurück zum Sommer 1982: Kalinka verbringt zusammen mit ihrem jüngeren Bruder die Ferien am Bodensee im Haus des neuen Lebensgefährten ihrer Mutter. Es ist das Haus von Dieter K. Kalinka ist eine fröhliche 14-Jährige, sie ist sportlich und kerngesund. Dennoch liegt sie eines Morgens tot in ihrem Bett. Am 10. Juli 1982 wird sie von ihrer Mutter leblos in ihrem Bett gefunden. Was genau in jener Nacht passierte, ist bis heute ungeklärt. Fest steht nur, dass Kalinka Bamberski zwischen 22.30 Uhr und 00.30 Uhr starb, nachdem ihr K. am Abend eine Spritze gegeben hatte.

Schlampige Ermittlungen

Die deutschen Behörden sehen zunächst keinen Grund, an ein Fremdverschulden zu glauben. Ein Sexualverbrechen oder ein Vertuschungsmord werden kaum für möglich gehalten und deshalb auch keine Ermittlungen in diese Richtung angestellt. In der Rückschau erscheint die Aufklärung der deutschen Behörden alles andere als professionell. Es gibt keine gesicherten Spuren vom Tatort, bis Kalinka obduziert wird vergehen Tage. Die Gerichtsmediziner notieren zahlreiche Einstiche und eine "ungewöhnlich fortgeschrittene Fäulnis" im Körper sowie weißliche Flüssigkeit an den Genitalien und eine Verletzung der Schamlippe, zudem Blutspuren in der Vagina. Sie konstatieren Verletzungen und Blutspuren im Intimbereich als "nach dem Tod eingetretene Verletzungen".

Doch sie verzichten auf weitere Untersuchungen und kommen zu keiner Aussage über die genaue Todesursache des Mädchens. Als möglicher Grund gilt, dass Kalinka nach einem Kollaps an Erbrochenem erstickt ist. Der Notarzt, der Kalinkas Tod feststellt, überlässt es Dieter K., die Polizei zu informieren. Der aber nimmt keinen Kontakt zu den Beamten auf. Erst ein hinzugezogener Bestattungsunternehmer ruft schließlich die Polizei.

Kalinkas leiblicher Vater, der Franzose André Bamberski, hat von diesem Tag an Zweifel am natürlichen Tod seiner Tochter und drängt immer wieder aufs Neue zu weiteren Untersuchungen. 1985 wird Kalinka im Zuge französischer Ermittlungen exhumiert und erneut obduziert, doch bis auf das Fehlen der Genitalien des Mädchens gewinnen die französischen Rechtsmediziner keine neuen Erkenntnisse.

Verwirrende Aussagen

Zwei mögliche Varianten stehen im Raum. Da ist zunächst die des Stiefvaters Dieter K. Er betont immer wieder seine Unschuld und gibt zu Protokoll, er habe Kalinka am Abend vor ihrem Tod lediglich ein Eisenpräparat gespritzt. Später habe er dem Mädchen, das den ganzen Tag im Strandbad verbracht hatte, noch eine Schlaftablette gegeben. Die Anämie, die K. mit dem Eisenpräparat behandeln wollte, war zuvor nie bei ihr diagnostiziert worden.

In anderen Erklärungen gibt K. das verabreichte Medikament als Bräunungsmittel für die hellhäutige Kalinka aus. Schließlich führt er zu erwartenden "hohen Blutverluste" durch Kalinkas beginnende Periode an. Überzeugend ist keine der Begründungen für die Injektion. André Bamberski geht indes von einem anderen Hergang aus. Er vermutet, dass K. Kalinka vergewaltigt hat und sie zur Vertuschung des sexuellen Übergriffs ermordete. Möglicherweise habe K. Kalinka auch nur betäubt, um sie vergewaltigen zu können.

Wachsende Zweifel

Danielle Gonnin (r.) glaubte lange an die Unschuld von Dieter K.
Danielle Gonnin (r.) glaubte lange an die Unschuld von Dieter K.(Foto: dpa)

Kalinkas Mutter Danielle Gonnin hält sich viele Jahre aus dem juristischen Tauziehen um den Tod ihrer Tochter heraus. Sie ist von 1977 bis 1984 mit Dieter K. zusammen. Die Trennung, so sagt sie, habe aber nichts mit Kalinkas Sterben zu tun gehabt, sondern damit, dass K. sie immer wieder betrogen habe. Sie habe nie geglaubt, dass K. ihre Tochter umgebracht habe.

Erst als sie im Prozess als Nebenklägerin auftritt und sie Einblick in die Akten erhält, ändert sich dies. Es heißt, sie sei geschockt. "Ich will dir in die Augen sehen und versuchen zu verstehen, was wirklich passiert ist" - auf ihre Erklärung hin gibt K. hilflos zurück, er sei unschuldig. Da ist wohl längst klar, dass die volle Wahrheit nie ans Licht kommen wird. Der Angeklagte gibt widersprüchliche Aussagen ab, aber keinerlei Schuldeingeständnis. Das gilt auch für die Vorwürfe anderer Zeuginnen, die berichten, wie er sie belästigt und missbraucht habe, als sie noch halbe Kinder waren: "Ich habe das alles gelesen, und es hat mich durcheinandergebracht."

Eine Anklage und mehrere Vorwürfe

1997 muss K. sich wegen des Verdachts der Vergewaltigung an einer 16-jährigen Patientin vor Gericht verantworten. Doch der Arzt, der das Mädchen mit einer Spritze betäubt und missbraucht hat, kommt glimpflich davon. Das Landgericht Kempten verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft und setzt die Strafe zur Bewährung aus. In einer Fernsehdokumentation spricht K. von einem unausgesprochenen Einverständnis, das er gefühlt habe, und zeigt sich keiner Schuld bewusst.

Im Pariser Prozess legt ein Polizist aus Lindau am Bodensee die Beschwerden von sieben Frauen vor, die K. in den 1990er Jahren belästigt haben soll. Der Beamte hatte die Unterlagen nach eigenen Angaben einer Akte entnommen, die die Lindauer Polizei zu Dieter K. angelegt hatte. Die Frauen gaben an, der Arzt sei zudringlich geworden, habe sie beleidigt oder versucht, sie zu berühren. Die Polizei verfolgt die Beschwerden damals nicht weiter.

Weitere Frauen melden sich, versichern, sie seien als Minderjährige von K. ebenfalls missbraucht worden. André Bamberski spricht in einem Interview 2010 davon, dass sich K. an drei Töchtern seiner jeweiligen Lebensgefährtinnen vergangen habe.

Juristischer Eiertanz

Das Oberlandesgericht München urteilt im September 1987 letztinstanzlich, dass K.s Spritze nicht ursächlich für den Tod der Jugendlichen verantwortlich war, und schließt die Ermittlungen ohne Anklageerhebung ab.

André Bamberski ist Kalinkas leiblicher Vater.
André Bamberski ist Kalinkas leiblicher Vater.(Foto: AP)

Doch Kalinka Bamberski war auch französische Staatsbürgerin und das Drängen ihres leiblichen Vaters führt zu eigenen französischen Ermittlungen. Die französische Justiz rollt den Fall 1995 noch einmal auf und verurteilt K. in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis. Doch Deutschland liefert ihn nicht aus - mit der Begründung, man habe die Ermittlungen gegen den Arzt eingestellt. Da er sich nicht verteidigen kann, verurteilt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Frankreich zu einer Entschädigungszahlung von 100.000 Franc. K. lebt weiter in Deutschland, unbehelligt von der Justiz, aber nicht von Bamberski.

Bamberski übt Selbstjustiz

Aus Angst, der Fall könnte verjähren, greift Kalinkas Vater 2009 zum höchst fraglichen Mittel der Selbstjustiz. Er beauftragt Unbekannte mit K.s Entführung. Die schlagen K. zusammen und legen ihn gefesselt und mit gebrochener Nase vor das Gericht in Mulhouse. Daraufhin nehmen französische Behörden K. in Haft und bringen den neuen Prozess auf den Weg.

Die Behörden ermitteln auch gegen Bamberski, der indirekt zugibt, dass er hinter der Entführungsaktion steckt. 2013 erwartet ihn ein Prozess - wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen Entführung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung.

Vergeblich beantragt K. die Auslieferung nach Deutschland. Vertreter der deutschen Botschaft in Paris verfolgen den Prozess genau. Dass er vor dem Hintergrund eines Aktes der Selbstjustiz einer Privatperson stattfindet, führt zu massiven Bedenken, nicht zuletzt durch die Sorge, einen Präzedenzfall zu schaffen. Auch wegen der Regel, eine Person könne nicht zweimal für dieselbe Tat verurteilt werden, ist der Prozess umstritten.

Während der erste Prozess 2011 aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes von K. über Monate unterbrochen wird und sein Fortgang zeitweise fraglich war, ist dies nun bei der Berufung im Interesse des Angeklagten selbst. K. hofft auf einen Freispruch. Aber auch Kalinkas leiblicher Vater, der einst am Grab seiner Tochter versprach, er werde ihren Mörder zur Verantwortung ziehen, zeigt sich zuversichtlich. Er hoffe einfach nur auf einen gerechten Prozess.

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Quelle: n-tv.de

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