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Montag, 04. November 2013

Nazi-Kunstschatz in Wohnung gehortet: Wem gehört die Raubkunst?

Es ist der wohl sensationellste Nazi-Raubkunstfund der vergangenen Jahre: Der Sohn eines der Kunsthändler Hitlers lagert verschollen geglaubte Meisterwerke in seiner Wohnung. Womöglich darf der Mann viele der Bilder behalten.

Initiator der Schau "Entartete Kunst" war Propagandaminister Joseph Goebbels (M.)
Initiator der Schau "Entartete Kunst" war Propagandaminister Joseph Goebbels (M.)(Foto: Wikipedia/Cropbot)

Schier unfassbar ist der Fund, den Zollfahnder in der Münchner Wohnung des betagten Cornelius Gurlitt machten: Zahlreiche Bilder der Avantgarde von Picasso und Chagall bis Beckmann und Nolde, lagerten dort - angeblich im Wert von einer Milliarde Euro. Der Vater Gurlitts, Hildebrand, war einer der vier Kunsthändler Hitlers. Sie hatten den Auftrag, von den Nazis als "entartet" diffamierte Kunst im Ausland zu verkaufen oder eintauschen. Zuvor wurden 1937 in der Propaganda-Schau "Entartete Kunst" viele dieser Werke gezeigt. Nur ein Teil der Schätze konnte später vor der Zerstörung und dem Verkauf gerettet werden.

Julian Radcliffe, Gründer des Londoner Art Loss Register und Experte für Kunstkriminalität, sagt: "Ich glaube, dies ist der größte Einzelfund von Nazi-Raubkunst seit vielen Jahren." Wenn die Herkunft der Werke geklärt ist, dürfte ein Streit ausbrechen, wem sie gehören. Dabei ist noch gar nicht klar, ob Cornelius Gurlitt die Bilder illegal hortete, auf die Fahnder bereits 2011 stießen. Die Suche nach Raubkunst landet mit dem Finden fast immer in einem Dilemma.

Beschlagnahme juristisch legitimiert?

"So moralisch unhaltbar die Verfolgung "entarteter Kunst" auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden", so der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit "Rechtsakte". Denn das "Dritte Reich" war Eigentümer der Kunstschätze deutscher Museen und konnte laut Heuer frei darüber entscheiden, was damit geschehen sollte. Juristisch legitimiert wurde die Beschlagnahme auch aus privaten Sammlungen zudem durch das Einziehungsgesetz von 1938. Nach Kriegsende hatten sich die Alliierten gegen die Aufhebung dieses Gesetz entschieden, um Erwerbern auf dem Kunstmarkt Rechtssicherheit zu geben.

Schwieriger ist die Lage beim einstigen Besitz verfolgter jüdischer Sammler und Galeristen. Um Werke aus den Sammlungen etwa von Alfred Flechtheim oder Max Stern werden heute erbitterte Rechtsstreitereien geführt. Immer öfter wird die NS-Raubkunstkommission der Bundesregierung zur Schlichtung angerufen. Denn sind die Restitutionsfragen rechtlich nicht mehr eindeutig zu klären, rückt die moralische Dimension in den Vordergrund. Zu "fairen und gerechten" Lösungen beim Umgang mit NS-Raubkunst hatten sich viele Staaten, auch die Bundesrepublik, 1998 verpflichtet.

Zu einigen beschlagnahmten Gemälden aus dem Schwabinger Gurlitt-Fund gibt es Herkunftshinweise. So soll laut "Focus" ein Frauenbildnis von Matisse dem jüdischen Sammler Paul Rosenberg gehört haben, Großvater der französischen Journalistin Anne Sinclair. Die langjährige Ehefrau von  Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn verdankt einen Großteil ihres Vermögens dem kunstliebenden Rossenberg. Enge Verbindungen zu Künstlern wie Pablo Picasso, Georges Braque oder Henri Matisse brachten ihm Exklusivrechte als Kunsthändler und eine einzigartige Privatsammlung ein.

1940 floh er vor den Nazis nach New York. Schon früh begeisterte sich Rosenberg für die expressionistische Kunst, während er zugleich weiter Impressionisten an das bürgerliche Publikum verkaufte.

Vor seiner Flucht aus Frankreich versuchte Rosenberg, seine rund 400 Kunstwerke in Sicherheit zu bringen. Doch die Nazis konnten einen großen Teil der Gemälde beschlagnahmen, die in Frankreich geblieben waren. Einige dieser Kunstwerke wurden in den vergangenen Jahren gefunden und der Familie zurückgegeben. Mehr als 60 Werke aus seinem Besitz gelten Medienberichten zufolge noch als verschollen.

Diskreter Kunsthandel

Dutzende der nun gefundenen Werke sollen aus dem Besitz eines jüdischen Sammlers aus Dresden stammen. Eine Spitzweg-Zeichnung habe dem in Auschwitz ermordeten Leipziger Verleger Henri Hinrichsen gehört. Und weit über 300 Werke seien als verschollen geglaubte Werke der Aktion "Entartete Kunst" identifiziert, schreibt der "Focus".

Während die Bundesregierung bereits seit längerem über den Fund informiert ist, war man in Kreisen der Provenienzforscher weitgehend ahnungslos. Offenbar aber wusste der diskrete Kunsthandel mehr. Der Fall zeige deutlich, dass "mehr als ein Händler" gewusst habe, dass Cornelius Gurlitt Bilder habe, heißt es in Wissenschaftler-Kreisen. Für den Kunsthandel sei die Gurlitt-Quelle nicht neu.

Denn Cornelius Gurlitt hatte in Auktionshäuser in der Schweiz und Deutschland nach Informationen des "Focus" bereits seit Jahren Avantgarde-Bilder eingeliefert. Noch nach der Beschlagnahmung der Werke habe er die Gouache-Arbeit "Löwenbändiger" von Max Beckmann in das Auktionshaus Lempertz gegeben. Es war nach Angaben des Hauses das einzige Mal, dass der Gurlitt-Sohn ein Werk bei Lempertz angeboten habe. Die Experten waren aufmerksam und fanden heraus, dass es aus dem Nachlass des legendären jüdischen Kunstsammlers Alfred Flechtheim stammte. Nach einer Einigung mit den Erben Flechtheims wurde der "Löwenbändiger" versteigert.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum die meisten Händler trotz des bekannten Namens von Gurlitt nicht nachhakten. "Je höher der Wert, umso höher muss die Erwartungshaltung an die Recherche sein", sagt Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham. "Da müssen die Alarmglocken schrillen." Jedes Bild aber habe auch eine individuelle Geschichte. Man könne den in München beschlagnahmten Bestand "nicht über einen Kamm scheren".

Offen ist nach der Versteigerung des "Löwenbändigers" aber auch, ob den Fahndern noch etwas entgangen sein könnte, ob noch an anderen Orten Werke aus dem Gurlitt-Bestand lagern. Im Fall Gurlitt will die Staatsanwaltschaft an diesem Dienstag erstmals öffentlich Stellung nehmen.

Bislang verweigerten die Ermittler die Angaben, weil es sich bei dem Verfahren gegen den Mann, der die Kunstwerke jahrzehntelang versteckt hatte, um ein Steuerdelikt handelt - und in solchen Fällen gilt wegen des Steuergeheimnisses die Schweigepflicht. Die Ermittler werden sich deshalb wohl ausschließlich zu den bereits im Frühjahr 2011 entdeckten Bildern äußern dürfen.

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Quelle: n-tv.de

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