Panorama
Die neuen Hochwasserschutzanlagen bewahren Eilenburg vor einem Hochwasser wie 2002.
Die neuen Hochwasserschutzanlagen bewahren Eilenburg vor einem Hochwasser wie 2002.(Foto: Simone Gleißner)
Donnerstag, 06. Juni 2013

Die Festung Eilenburg: Wie eine Stadt das Hochwasser besiegte

Von Christian Rothenberg

Mit Fluten kennen sie sich aus in Eilenburg. 2002 überschwemmt das Hochwasser die ganze Stadt und richtet einen Schaden von 250 Millionen Euro an. Und 2013? Während die Nachbarschaft im Wasser versinkt, trotzt Eilenburg den Naturgewalten – mit scheinbar einfachen Mitteln.

Das Stadtfest haben sie dann doch lieber abgesagt in Eilenburg. Aus moralischen Gründen. Man kann ja nicht feiern, wenn ringsum alle Städte und Dörfer untergehen. Also blies Oberbürgermeister Hubertus Wacker die Veranstaltung kurzerhand ab. Dabei hätte man in der nordsächsischen Kleinstadt in diesen Tagen allen Grund zum Feiern.

Das Hochwasserschutzsystem in Eilenburg
Das Hochwasserschutzsystem in Eilenburg

Während sämtliche Städte entlang der Mulde in den vergangenen Tagen von den Fluten überrascht wurden, blieb Eilenburg verhältnismäßig trocken. Dessau, Grimma und Zschepplin versanken im Hochwasser, aber die 15.000-Einwohner-Stadt hielt dem Ansturm stand. Dass die Stadt sich als eine der ersten Kommunen mit modernen Hochwasserschutzanlagen ausrüstete, hat sich offenbar bezahlt gemacht. Die Geschichte der brutalen Hochwasser von 1953, 1974 und 2002 prägten hier Generationen, aber im Jahr 2013 ist alles anders. Eilenburg, die Festung, die Insel inmitten der Brandung - ausgerechnet diese Stadt gilt plötzlich als Vorbild in Sachen Hochwasserschutz.

Vor elf Jahren hatte die Stadt noch für ganz andere Schlagzeilen gesorgt. Bundesweit wurde Eilenburg im August 2002 bekannt, weil es dem Hochwasser so hoffnungslos ausgeliefert war. Die Fluten durchbrachen die Deiche, viele der vorhandenen Schutzmauern rissen sie einfach um. Sie verwandelten den Marktplatz in einen See, in der Innenstadt stand das Wasser mit Pegelständen von bis zu zwei Metern in den Häusern, fast 10.000 Haushalte waren betroffen. Tagelang herrschte in der Muldenstadt der Ausnahmezustand. Der Schaden betrug über 250 Millionen Euro.

Mehr Platz für die Mulde

Gefördert durch den Freistaat Sachsen steckte Eilenburg seit 2002 über 35 Millionen Euro in insgesamt 13 Kilometer neue Deiche und Hochwasserschutzmauern. Die Mulde und ein weiterer Seitenarm, der Mühlgraben, teilen die Stadt in drei Abschnitte. Um dem Elbe-Nebenfluss mehr Überflutungsflächen zu geben, um Strömungsgeschwindigkeit und Wasserstände zu reduzieren, verlegte man Deichanlagen und Mauern zurück und opferte sogar Teile von Gewerbegebieten.

Nördlich von Eilenburg sind nicht alle Gemeinden gegen das Hochwasser gewappnet.
Nördlich von Eilenburg sind nicht alle Gemeinden gegen das Hochwasser gewappnet.(Foto: picture alliance / dpa)

Widerstand, etwa durch Bürgerinitiativen, die den Bau der Schutzwände verhindern wollen, gab es kaum. "Auch wenn man durch die neuen Mauern vielleicht nicht mehr so leicht in die Auen schauen kann oder das Wasser plätschern sieht: Die Akzeptanz bei den Bürgern war da", sagt Stadtsprecher Heiko Leihe n-tv.de. In anderen Städten war es komplizierter. In Grimma stellten sich Einwohner quer, die beklagten, die Hochwassermauern würden den Blick auf die historische Stadtmauer erschweren. Eine Kompromisslösung musste entwickelt werden. Das kostete Zeit, der Bau des Flutschutzes begann viel später als geplant. Abgeschlossen ist er bis heute nicht.

Eilenburg preist seit einigen Monaten seinen fertig überarbeiteten Hochwasserschutz im Internet an. Die Muldestadt sei nun "nach menschlichem Ermessen vor einem Jahrhunderthochwasser" sicher, heißt es auf der Seite der Stadt. Dass die neuen Mauern schon so schnell auf eine ernste Probe gestellt werden würden, wusste man im Rathaus da noch nicht.

"Ein bisschen feuchte Füße"

Am ersten Juni-Wochenende 2013 wird in Golzern, 30 Kilometer südlich, ein Pegelstand von 7,80 Meter gemessen. Golzern ist maßgeblich für Eilenburg. Von dort benötigt das Wasser noch etwa sechs Stunden flussabwärts. Als man in Eilenburg von den Zahlen deutlich über der für Alarmstufe IV geltenden Marke von sechs Metern erfährt, wird ein Krisenstab einberufen. Es bleiben sechs Stunden: um sich auf das Hochwasser vorzubereiten, die Bevölkerung zu informieren, die Innenstadt zu evakuieren. Katastrophenalarm!

Die Bahn stellt den Zugverkehr ein, sogar eine Überflutung der Stadt wird nicht mehr ausgeschlossen. 7000 Bürger werden in Notquartiere gebracht. Plötzlich besteht höchste Gefahr. Halten die neuen Anlagen? Die Eilenburger erleben bange Stunden. Das Wasser steht 6,80 Meter hoch, bis zur Oberkante der neuen Schutzwände. "Es war eine Null-Zentimeter-Entscheidung", sagt Leihe, "wenn die Wände zehn Zentimeter niedriger gewesen wären, hätten wir sie nicht verteidigen können". Aber die Dämme halten, die Innenstadt bleibt trocken. Es gibt nur wenige überflutete Gebiete, etwa 20 Häuser und kleinere Gewerbegebiete sind betroffen.

Seit Mittwoch kehrt das gesellschaftliche Leben allmählich zurück. Die 7000 Menschen dürfen zurück in ihre Häuser. Noch immer gibt es Bereiche, in denen kein Strom verfügbar ist, weil Trafoanlagen im Wasser stehen. Ab und an kommt es auch zu kurzen Ausfällen bei der Wasser- und Stromversorgung. Aber damit können die Eilenburger gut leben: Im Vergleich zu 2002 ist das nichts.

Und auch, wenn es um Millimeter ging, der Krisenstab fühlt sich bestätigt: Die Stadt sei gewappnet gegen ein Jahrhunderthochwasser. Hundertprozentige Sicherheit bedeutet das nicht. "Wir sind mit einem blauen Auge und ein bisschen feuchten Füßen davongekommen", sagt Oberbürgermeister Wacker. "Die Bürger sind fast wunschlos glücklich und wahnsinnig dankbar."

Quelle: n-tv.de

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