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Auf Twitter begleitet Hintjens seine Behandlung.
Auf Twitter begleitet Hintjens seine Behandlung.(Foto: Twitter/@hintjens)
Montag, 02. Mai 2016

"Keine Schande, kein Versagen": Wie man mit Sterbenden sprechen sollte

Angesichts des herannahenden Todes fehlen vielen Menschen die Worte. Peter Hintjens erlebt das am eigenen Sterbebett. Um die Sprachlosigkeit zu beenden, formuliert der 53-Jährige ein paar Gedanken dazu.

Peter Hintjens ist ein bekannter Softwareentwickler, seit kurzem weiß er, dass er bald sterben wird. Der 53-Jährige hat einen sehr aggressiven Gallengangkrebs, der bereits Metastasen in beiden Lungenflügeln gebildet hat. In einem Blogeintrag hat er sich damit beschäftigt, wie schwer es Menschen fällt, mit einer sterbenden Person zu sprechen.

Weil er selbst gerade genau diese Gespräche erlebt, hat Hintjens ein paar Sätze zusammengetragen, von denen er glaubt, dass sie besser nicht gesagt würden. Einer dieser Sätze ist: "Du musst kämpfen." Hintjens schreibt dazu, dass man sicher davon ausgehen könne, dass jeder schwer Erkrankte so hart kämpft, wie ihm das nur möglich ist. Und wenn nicht, sei das auch seine Wahl.

Ein anderer Satz ist: "Du sollst nicht sterben." Hintjens hörte ihn offenbar von seiner Tochter. Doch selbst ihr habe er sagen müssen, dass man gegen Fakten schlecht argumentieren könne. "Der Tod ist keine Meinung. Wütend oder traurig über Tatsachen zu sein, ist Zeitverschwendung." Schwierig seien auch die formulierten Hoffnungen der Besucher, vielleicht könnte der Kranke doch noch den Krebs besiegen. "Falsche Hoffnung ist keine Medizin. Eine gute Chemotherapie oder ein entspannendes schmerzstillendes Mittel, das ist Medizin", schreibt Hintjens dazu.

Auch mit Berichten über alternative Heilmethoden oder gar religiösen Ratschlägen möchte der dreifache Vater verschont werden, ebenso wie mit albernen Gesprächen. Es sei unwahrscheinlich, dass er in der Stimmung für banales Geplauder sei, stellt er dazu fest.

Themen gibt es genug

Es gebe jedoch durchaus Themen, über die er auch in den letzten Tagen seines Lebens gern spreche. So liebe er es, wenn jemand ihn noch einmal an die fantastischen alten Zeiten erinnere. Außerdem interessiere ihn alles, was mit seiner Pflege und den Medikamentengaben zusammen hänge. Das wolle er alles wissen.

So traurig es klingt, das Ende eines Lebens in Angriff zu nehmen, brauche viele Hände und Köpfe. Davon nimmt sich Hintjens selbst nicht aus. Er gebe sich Mühe, glücklich zu sein, realistisch, aber auch ehrlich mit seiner Familie und seinen drei Kindern. Trauer brauche Zeit und es sei weitaus einfacher den Tod zu verarbeiten, wenn man darüber mit dem Sterbenden sprechen könne. "Sterben ist keine Schande, kein Fehler."

Er sei dankbar, nicht plötzlich gestorben zu sein. Jeder müsse lernen, was es bedeutet zu sterben. "Die Umarmung der eigenen Sterblichkeit ist ein Kernbestandteil des menschlichen Seins. Natürlich kämpfen wir darum zu leben. Und wenn es vorbei ist, umarmen wir das Ende. Ich bin glücklich, dass ich diese Lektion meinen Kindern beibringen kann."

Hintjens Blogeintrag wird seit Tagen intensiv kommentiert, Medien aus aller Welt übernahmen ihn oder berichteten darüber.

Quelle: n-tv.de

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