Panorama

"Kein Grund für Panik"Zahl der Grippe-Toten steigt

30.04.2009, 22:28 Uhr

Angesichts weltweit weiter steigender Zahlen von sogenannten Schweinegrippe-Fällen haben viele Länder den Kampf gegen das Virus intensiviert.

Angesichts weltweit steigender Zahlen von sogenannten Schweinegrippe-Fällen haben viele Länder den Kampf gegen das Virus intensiviert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die zweithöchste Pandemie-Warnstufe ausgerufen. Die Zahl der Erkrankten stieg rund um den Erdball deutlich, insgesamt wurden bisher 13 Todesfälle registriert: Wie die Gesundheitsbehörden Mexikos mitteilten, starben dort inzwischen zwölf Menschen, die sich mit dem neuen Virus A(H1N1) infiziert hatten. Ein mexikanisches Kind war in den USA gestorben. Die WHO gab am Abend weltweit 236 Patienten an, nach 148 am Vortag. Allerdings könnten einige neue Fälle auch von der besseren Datenerfassung herrühren. Mindestens 27 Infizierte leben in Ländern der Europäischen Union.

In Deutschland gibt weiterhin drei bestätigte Fälle von Schweinegrippe und zwar in Hamburg sowie den bayerischen Städten Regensburg und Kulmbach. Bis Donnerstag waren nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) keine weiteren Fälle bestätigt worden. Derzeit würden am Nationalen Referenzzentrum für Influenza einige weitere Proben untersucht, berichtete RKI-Präsident Jörg Hacker. Alle bisherigen Verdachtsfälle stünden mit Mexikoreisen im Zusammenhang. Die Risikoeinschätzung für Deutschland habe sich durch die Hochstufung der WHO auf Warnphase fünf nicht geändert. Die Regierung bietet eine kostenlose Grippe-Hotline unter der Nummer 0800-4400550 an.

Der 37 Jahre alte Mann, der im Universitätsklinikum Regensburg behandelt wird, könnte zwei weitere Menschen angesteckt haben. Dabei handelt es sich um einen Zimmernachbarn aus dem Kreiskrankenhaus im niederbayerischen Mallersdorf und eine Krankenschwester dieser Klinik. Der Mann war dort wegen einer Grippe behandelt worden, bevor der Verdacht auf Schweinegrippe bestand und er nach Regensburg kam. Den drei nachweislich infizierten Menschen in Deutschland geht es nach Auskunft ihrer Ärzte den Umständen entsprechend gut.

Sieben Todesfälle in Mexiko

Auch in der Schweiz und den Niederlanden wurden erste Fälle von Schweinegrippe bestätigt. Im Schweizer Ort Baden war ein Mann voreilig aus der Klinik entlassen worden, erst später kam das überraschende Ergebnis des Schweinegrippe-Tests zutage. Er liegt inzwischen wieder auf einer Isolierstation. In Spanien, wo 13 Menschen infiziert sind und 84 Verdachtsfällen nachgegangen wird, war der erste Schweinegrippe-Fall bei einem Patienten nachgewiesen worden, der nicht zuvor in Mexiko war. Er hat sich vermutlich bei seiner Lebensgefährtin angesteckt, die aus Mexiko gekommen war. In Großbritannien stieg die Zahl der nachgewiesenen Fälle auf 8.

Der erste mexikanische Fall einer nachgewiesenen Infektion mit dem neuen Virus sei Anfang April in der Ortschaft Perote im Staat Veracruz aufgetreten, teilte das Nationale Epidemiologische Zentrum mit. Der kranke fünfjährige Edgar Enrique Hernandez habe sich ohne ärztliche Behandlung vollständig erholt, berichteten die Zeitungen am Mittwoch (Ortszeit). Die Zahl der Toten, die einwandfrei auf die Schweinegrippe zurückzuführen sind, erhöhte sich in Mexiko auf sieben. Ein weiterer Todesfall wurde in den USA registriert; es handelt sich um ein mexikanisches Kind.

"Menschen werden dadurch sterben"

Auch in Europa wird mit Todesopfern durch die Schweinegrippe gerechnet. "Es ist nicht die Frage, ob Menschen sterben werden, sondern wie viele", sagte der EU-Generaldirektor für Gesundheit, Robert Madelin. "Werden es Hunderte, Tausende oder Zehntausende sein?", fragte der EU-Beamte. Zugleich bemühte sich die Kommission um Beruhigung: "Wir kennen nicht das Ausmaß der Pandemie. Aber Europa ist besser vorbereitet als jemals zuvor", sagte Madelin. Ein Impfstoff könne innerhalb von 100 Tagen in Europa zur Verfügung stehen.

Gesundheitsexperten warnten aber vor Überreaktionen aus Angst vor der sogenannten Schweinegrippe. "Momentan gibt es keinen Grund für Aktionismus und Panik", sagte der Präsident des Robert Koch- Institutes, Prof. Jörg Hacker. Alle am Nationalen Referenzzentrum des Instituts untersuchten Fälle stünden mit Mexikoreisen in Zusammenhang. Das Risiko, an Schweinegrippe zu sterben, sei deutlich geringer als etwa bei der Vogelgrippe, sagte der Berliner Immunologe Michael Schmidt dem RBB-Inforadio.

Kein EU-Reiseverbot

Die EU-Länder verzichten im Kampf gegen die Schweinegrippe auf drastische Maßnahmen wie Reiseverbote. Einen solchen Schritt habe letztlich kein Land in Betracht gezogen, erklärte die tschechische Gesundheitsministerin und Vertreterin der EU-Ratspräsidentschaft, Daniela Filipiova, nach einem Krisentreffen der EU-Minister in Luxemburg. "Europa ist weltweit am besten vorbereitet, es besteht kein Anlass zur Panik." Deutschland, Großbritannien, Spanien, Österreich und einige andere Staaten lehnten Frankreichs Vorschlag ab, Flüge nach Mexiko zu untersagen, wo der Virus ausgebrochen war.

Alle EU-Länder rieten von Reisen in die mittelamerikanische Region ab, betonte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. "Aber wenn jemand sagt, ich möchte trotzdem reisen, hat ein Staat nicht die Macht zu sagen, du darfst das nicht machen." Die EU wolle stattdessen gemeinsame Informationen an den Flughäfen ausgeben. Ärztliche Untersuchungen sollten freiwillig bleiben.

Italien scheiterte mit dem Vorschlag, einen gemeinsamen Vorrat an Medikamenten und Impfstoffen aufzubauen. EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou sagte, die Lagerbestände an Grippe-Medikamenten seien beachtlich. "Wenn die Krise in einem Land eskaliert, werden die Mitgliedstaaten mit größeren Beständen helfen.

Schutzmaßnahmen gegen Ausbreitung

Die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, forderte alle internationalen Organisationen, darunter die Weltbank, und die Pharmaindustrie sowie Forschungseinrichtungen auf, alle Kapazitäten bereitzustellen, um eine Pandemie zu vermeiden. Andererseits warnte sie vor Panik. "Wir sollten es nicht übertreiben. Wir brauchen eine gewisse Ebene der Ruhe, damit wir das auf rationale Weise bewältigen können."

In vielen Ländern liefen unterdessen Schutzmaßnahmen an, um die Ausbreitung der Grippeviren zu verhindern. Australien stattet alle Flughäfen mit Infrarot-Scannern aus. Dabei sollen alle Passagiere mit erhöhter Körpertemperatur erkannt werden. In Singapur sollen alle Ankömmlinge aus Mexiko eine Woche unter Quarantäne gestellt werden. Die Philippinen reaktivierten ihren Notfallplan aus der Sars-Krise, in Thailand wurden Schutzmasken an Taxifahrer verteilt.

Mexikos Staatspräsident Felipe Caldern rief seine Landsleute auf, über die Maifeiertage zu Hause zu bleiben. In Großbritannien legte das Gesundheitsministerium eine groß angelegte Werbekampagne zur Aufklärung auf, auch China ordnete eine Aufklärungskampagne an.