Panorama

Regierung: Bis zu 140.000 Tote auf HaitiHilfe kommt quälend langsam an

15.01.2010, 22:26 Uhr

Haitis Regierung befürchtet nach dem verheerenden Erdbeben noch 100.000 Tote unter den Trümmern. Bislang sind etwa 40.000 Leichen bestattet. Die größte Sorge der Regierung ist ein Anstieg der Gewalt. Immer mehr Straßenbanden ziehen durch die verwüstete Hauptstadt, während Hilfsgüter und Rettungsteams nur langsam bei den Opfern ankommen.

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(Foto: REUTERS)

Bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti sind offiziellen Angaben zufolge bis zu 140.000 Menschen ums Leben gekommen. Dies teilte die Regierung in Port-au-Prince mit. Etwa 40.000 Leichen seien bereits bestattet worden. Weitere 100.000 Tote würden unter den Trümmern befürchtet.

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Über ganz Port-au-Prinze liegt Leichengeruch. (Foto: AP)

Hilfsgüter und Rettungsteams aus aller Welt kamen auch drei Tage nach dem Beben nur quälend langsam bei den Opfern an. Aufgebrachte Überlebende türmten unterdessen in der Hauptstadt Leichen zu Barrikaden auf und plünderten vereinzelt Lagerhäuser. Im Fernsehen beklagten sich verzweifelte Erdbebenopfer bitterlich über die ausbleibende Hilfe.

Als Nadelöhr für die Helfer erwies sich erneut der völlig überlastete Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince, wo einige Flugzeuge mit Helfern und Hilfsgütern abgewiesen werden mussten. So musste unter anderem eine mexikanische Maschine mit einer Trinkwasseraufbereitungsanlage wieder umkehren.

Unterdessen kam die von US-Präsident Barack Obama angekündigte massive Hilfsaktion langsam in Fahrt. Am Freitag trafen weitere US-Soldaten in Port-au-Prince ein, wo sie seit dem Vortag den Flughafen kontrollieren. Diese Truppen könnten im Notfall auch für die Aufrechterhaltung der Sicherheit eingesetzt werden, hieß es.

US-Flugzeugträger eingetroffen

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Der Flugzeugträger "Carl Vinson" hat Haiti erreicht. (Foto: dpa)

Zugleich erreichte der riesige US-Flugzeugträger "Carl Vinson" Haiti. Das Kriegsschiff hat 5700 Mann Besatzung, 19 Hubschrauber, eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und tonnenweise Versorgungsgüter an Bord. Die USA wollen außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienboote mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Am Wochenende sollen schon mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte in Haiti oder zumindest in Küstennähe sein.

"Es gibt so viele Menschen, die Hilfe brauchen", sagte Obama in Washington. Der Hafen von Port-au-Prince sei weiterhin geschlossen, die Straßen seien beschädigt. "Die Nahrung ist knapp, wie auch das Wasser", ergänzte der Präsident. Am Samstag will er seine Amtsvorgänger George W. Bush und Bill Clinton im Weißen Haus empfangen, die für die Koordinierung der US-Hilfen für Haiti verantwortlich sind.

THW reinigt Trinkwasser

Inzwischen sind auch Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) in der verwüsteten Hauptstadt eingetroffen. Die Einsatzkräfte würden nun Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung aufbauen und das gesäuberte Wasser an die Bevölkerung verteilen, teilte das THW mit. Mit den Anlagen könnten rund 6000 Liter Trinkwasser in der Stunde produziert werden, womit etwa 30.000 Menschen versorgt werden könnten. Die Teams hätten auch mobile Labore für Wasseranalysen und Ausstattung für die Reparatur der Wasserinfrastruktur dabei.

Verzweiflung schlägt in Wut um

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Verzweifelte Menschen kämpfen um Waren aus den Trümmern. (Foto: AP)

Auf Haiti ist die Verzweiflung der Menschen über die schleppend anlaufende Hilfe inzwischen in offene Wut umgeschlagen. Die größte Sorge der Regierung ist ein Anstieg der Gewalt. Es würden immer mehr Straßenbanden durch die verwüstete Hauptstadt ziehen.

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Überall warten Verletzte auf medizinische Hilfe. (Foto: dpa)

Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist nach wie vor nicht überschaubar. Hilfsorganisationen gehen von drei Millionen Verletzten und Obdachlosen aus. Da die ohnehin schwache Infrastruktur Haitis nun weitgehend zerstört ist, können die Hilfsorganisationen aus 30 Ländern ihre Arbeit nur allmählich aufnehmen. Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten, selbst in unmittelbarer Nähe des Flughafens seien immer noch traumatisierte Menschen ohne Nahrung, Wasser oder medizinische Hilfe. Über die Lage außerhalb von Port-au-Prince gab es keine verlässlichen Angaben. Vor allem aus dem Süden des Landes wurden schwere Zerstörungen gemeldet.

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Rettungsteams, hier erschöpfte französische Helfer, kommen nur langsam in das zerstörte Land. (Foto: AP)

Helfer befürchten wachsende Spannungen und Ausschreitungen, sollten Trinkwasser, Lebensmittel und Medikamente nicht unverzüglich die verzweifelten Überlebenden erreichen. Nach Berichten des US- Senders CNN wurden massenweise Tote von den Straßen gesammelt und mit Radladern in große Lastwagen gekippt. Auch der Leiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Haiti, Stefano Zannini, sprach von dramatischen Szenen. Derzeit bestehe zwar noch keine akute Seuchengefahr. Den Verletzten müsse aber dringend geholfen werden. Sie suchten zu Tausenden medizinische Hilfe, sagte Zannini. Da es an Lebensmitteln mangele und auch Benzin für den Transport fehle, verschlimmere sich die Lage.

Angst vor Seuchenausbruch

Insbesondere Kinder sind nach Angaben von UNICEF von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht. "Drei Tage und noch immer keine Hilfe. Ich verstehe einfach nicht, was da los ist", sagte ein aufgebrachter Mann im Fernsehen.

Nach UN-Angaben werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Leichensäcke dringend benötigt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte einen dringenden Aufruf der Vereinten Nationen an die Staatengemeinschaft für die Bereitstellung von 550 Millionen Dollar Soforthilfe an.

Nach Angaben der EU-Kommission sind rund 4000 Gebäude bei dem Beben der Stärke 7 zerstört worden. Die Vereinten Nationen, die eine Friedensmission in Haiti mit 9000 Soldaten und Polizisten sowie 3000 zivilen, überwiegend einheimischen Mitarbeitern in Haiti unterhält, wurden selbst schwer getroffen. Die UN bestätigten den Tod von 37 ihrer Mitarbeiter, weitere etwa 330 würden noch vermisst.

23 Menschen lebend geborgen

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Es grenzt an ein Wunder: Nach drei Tagen werden Verletzte lebend aus den Trümmern des Hotels "Montana" geborgen. (Foto: AP)

Allerdings gab es inmitten der Apokalypse auch einzelne Lichtblicke: Internationale Suchtrupps hätten 23 Menschen lebend aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen, sagte der chilenische Entsandte Juan Gabriel Valdés. In dem Hotel hatten viele Ausländer gewohnt.

Das bei Touristen und Hilfsorganisation beliebte Hotel war bei dem Beben eingestürzt und hatte nach Angaben des französischen Entwicklungsstaatssekretärs rund 200 Menschen unter sich begraben. Rettungskräfte aus Frankreich und den USA konnten bereits zuvor ein dutzend Menschen aus den Trümmern befreien.

Eile ist geboten

Um die zahlreichen Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett umwandeln. Höchste Eile sei geboten: "Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen", sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes.

Für viele Verschüttete dürfte jedoch inzwischen jede Hilfe zu spät kommen. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti herrschen Tagestemperaturen um 30 Grad. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port- au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Schicksal der meisten Deutschen unbekannt

Über das Schicksal der etwa 100 Deutschen in Haiti war nur wenig bekannt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Deutschen sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Auch drei 16, 22 und 27 Jahre alte Flensburger, die bei einem kirchlichen Austauschprojekt am Aufbau eines Waisenhauses beteiligt waren, blieben unverletzt.

"Marshallplan" für Haiti notwendig

Related contentDie gigantische Welle der Hilfsbereitschaft hielt weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die USA sagten jeweils 100 Millionen Dollar zu, die UN 550 Millionen Dollar. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Aktionen. Die USA, Frankreich und andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren.

Quelle: dpa