Desaster beim U-Bahnbau"Köln ist wie Neapel"
Die Kölner haben ein Problem mit ihrer U-Bahn. Beinahe täglich ein neuer Skandal. Irgendwas läuft da schief. Mit Klüngel allein nicht zu erklären. n-tv.de hat jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Der Kabarettist Konrad Beikircher sagt: "Köln ist wie Neapel".
Die Kölner haben ein Problem mit ihrer U-Bahn, die sie gerade bauen. Das Stadtarchiv ist eingestürzt, zwei Menschen starben. Das war im März. Doch auch jetzt kommt beinahe täglich ein neuer Skandal ans Licht. Irgendwas läuft da gewaltig schief. Mit dem kölschen Klüngel allein ist das nicht zu erklären. Oder etwa doch? Wir haben jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Der Kabarettist Konrad Beikircher sagt: "Köln ist wie Neapel". Und erzählt im Gespräch mit n-tv.de von den rheinischen Grundgesetzen.
n.tv.de: Der Kölner sagt: "Et hätt noch immer jot jejange." Beim Bau der U-Bahn eher nicht. Oder?
Konrad Beikircher: Selbstverständlich wird das gut gehen. Überhaupt keine Frage. Das ist Artikel drei des rheinischen Grundgesetzes. Artikel eins: "Et is wie et is". Artikel zwei: "Et kütt wie et kütt". Und eben: "Et hätt noch immer jot jejange." Natürlich schlagen da manchmal die Wellen hoch. Aber man darf eines nie vergessen: Köln ist wie Neapel. Da kann sich die Welt drumherum aufregen wie sie will – irgendwie kriegen das die Kölschen immer hin.
Wie, da regt sich niemand drüber auf?
Um Gottes Willen, das natürlich nicht. Das ist eine Biesterei, wie der Kölsche gerne sagt. Aber: Was willste machen? Es ist immer einer dazwischen, der halt ein Drecksack ist. Da müssen wir gucken, wer das ist – und dann aber hallo! Dass da jahrelang alle geschludert haben, niemand kontrolliert hat, dass alle die Augen zugemacht oder in andere Richtungen geguckt haben, spielt da keine Rolle.
Wobei wir beim Kölschen Klüngel sind. Klingt in diesem Fall arg harmlos.
Das wäre schon eine Verniedlichung. Es ist unglaublich, was da passiert. Aber das mit dem Klüngel wird gerne missverstanden. Der Klüngel kommt danach. Zuerst sind da Kriminelle am Werk gewesen. Da haben sich Leute im ganz großen Stil bereichert - auf Kosten aller, die möglicherweise mit der U-Bahn noch fahren werden. Das ist die Biesterei, ein Verbrechen. Nun fliegt das auf. Und sofort geht die Suche nach dem Schuldigen los. Und dann fängt der Klüngel an: Wer hat das denn gemacht? Ja, der Franz vom Baudingensamt. Der Franz? Ja, wenn das der Franz war – der ist ja an und für sich in Ordnung. So schützt der Klüngel alle Beteiligten. Da wird mit Sicherheit keine wichtige Kölner Persönlichkeit, kein wichtiger Kölner Politiker, letztlich vor Gericht stehen. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen.
Beispiel Griechenland: Korruption, Skandale, Vetternwirtschaft sollen auch dort die Ursachen allen Übels sein. Sind die Kölner die Griechen Deutschlands?
Aber selbstverständlich. Wobei: Da muss man tückisch aufpassen mit diesen preußischen Begriffen wie Korruption oder irgendetwas. Das hört sich für deutsche Ohren fürchterlich an. Was in Köln passiert, ist nicht diese schnöde Bestechlichkeit mit einem Umschlag voll Geld. Der Klüngel funktioniert auf der Basis von Freundschaft. Aber was bei der U-Bahn passiert ist, einfach Beton nicht zu verbauen, ist ein Verbrechen. Da setzt der Klüngel im Nachhinein ein, um die Freunde zu schützen. Du kannst nur Teil des Klüngels werden, wenn Du zum inneren Kölner Kreis gehörst. Und dann ist es nicht mehr wichtig, ob Du Oberbürgermeister oder nur Sachbearbeiter in irgendeinem Amt bist.
Aber ist der Kölner nicht erschüttert über seine dilettantischen Hobby-Politiker?
Absolut stinksauer. Es bleibt eine kleine Gruppe übrig, die wird auch noch in fünf Jahren stinksauer sein. Aber im Großen und Ganzen wird sich das legen. Im Moment ist es so, dass die Kölner entrüstet sind. Es ist ja nun für jeden ein ganz persönliches Risiko, wenn er sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen will.
Ist dieses Thema noch mit Humor zu nehmen?
Da warten wir den nächsten Rosenmontagszug ab, der mit Sicherheit dieses Thema ansprechen wird. Da greift der typische rheinische Fatalismus – wat willste machen? Das ist eine Eigenschaft, die hat der Preuße nicht.
Und wie reagiert der Kölner auf Spott? Die Düsseldorfer haben sich ja auf ihrem Rosenmontagszug schon über die U-Bahn lustig gemacht.
Das tut ihm weh. Da duckt der Kölner sich, da hält er die Luft an – weil er darauf hofft, in einer Woche ist das alles vorbei. Der Kölner ist sehr empfindlich. Verspottet zu werden ist das Schlimmste, was ihm passieren kann. Und in der Hinsicht versucht er, das Phänomen zu isolieren. Das ist nicht Köln. Und das war kein Kölner, der da zugeschlagen hat, sondern das sind Verbrecher. Das sieht man auch an den Stellungnahmen: Da ist kein Funken von Selbstkritik.
Was kann der Kölner mit dem Spruch von der Krise als Chance anfangen?
Ach, Köln lebt doch, wenn man die Kölner fragt, schon seit 50 Jahren in der Krise. Da ist immer irgendwas, und wenn es nur der Karneval ist, der nicht funktioniert. Der Karneval war ja auch in der Krise und hat sich wieder gefangen. Da sind die Kölner von einer Überlebensfähigkeit, die ist geradezu unglaublich. Er sieht das gar nicht so als isolierte Krise. Das ist eine Biesterei, das kommt vor. Das ist nicht ein hereinbrechendes Ereignis, das in seiner Außergewöhnlichkeit die Menschen erschüttert. Das wäre vielleicht in Hannover so, wo die Mentalität eine andere ist. Köln ist Neapel. Der Kölner rechnet im Prinzip mit allem. Deshalb überrascht ihn auch nicht wirklich was.
Dann ist er ja gut gewappnet …
Eigentlich schon. Wie in Neapel: Och ja, wird schon nicht so schlimm. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. So eine Philosophie ist natürlich nicht wirklich geeignet, wenn es um die reflexive Bewältigung solcher Ereignisse geht. Sie kommt so was von dem Wunsch, dass da Gras drüber wachse, entgegen, dass selbst ein integerer Mensch wie der neue Oberbürgermeister Jürgen Roters Schwierigkeiten haben wird, Licht ins Dunkle zu bringen. Wie weit das Licht reicht, hängt von der Batterie ab. Und wenn die ihm eine schlechte Batterie verkauft haben …
Mit Konrad Beikircher sprach Stefan Giannakoulis