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Larry Silverstein will noch die Errichtung aller Hochhäuser erleben.
Larry Silverstein will noch die Errichtung aller Hochhäuser erleben.(Foto: REUTERS)

WTC-Investor Larry Silverstein: Der Mann, der Zeit nicht kaufen kann

von Sebastian Schöbel

Er steht für den Wiederaufbau des World Trade Centers: Larry Silverstein. Der Pächter des WTC liefert sich nach den Anschlägen von 2001 einen jahrelangen Rechtsstreit mit Versicherungsfirmen – und gewinnt. Inzwischen hat der ehrgeizige Investor ein größeres Problem: Ihm läuft die Zeit davon.

Larry Silverstein kann von seinem Büro aus die Bauarbeiten am Ground Zero genau verfolgen. Er sitzt im 38. Stock eines Hochhauses an der Greenwich Street, besser bekannt als "7 WTC". Die Abkürzung steht für "World Trade Center". Das Gebäude ist nagelneu, es steht an der Stelle, wo am 11. September 2001 das alte 7 WTC durch die Anschläge auf die beiden Türme des World Trade Centers zerstört wurde.

Das 7 WTC steht schon seit 2006. Hier arbeitet und regiert Silverstein.
Das 7 WTC steht schon seit 2006. Hier arbeitet und regiert Silverstein.(Foto: REUTERS)

Silverstein dürfte jede Veränderung auf Amerikas wichtigster Baustelle genau kennen: Seit den Anschlägen von 2001 ist er eine der treibenden Kräfte hinter dem Wiederaufbau. Mit dem 7 WTC ist bereits das erste der zerstörten Gebäude am Ground Zero wieder hergestellt. Für Silverstein ist die Arbeit am neuen World Trade Center auch der Kampf um sein Lebenswerk - doch damit hat sich der milliardenschwere Investor nicht nur Freunde gemacht in New York. Allen voran bei den vielen Verschwörungstheoretikern: Die sehen in Silverstein einen der Profiteure von "9/11".

Der im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Silverstein war Pächter des zerstörten World Trade Centers. Den über 99 Jahre laufenden Vertrag unterschrieb Silverstein im Juli 2001 – sechs Wochen vor den Terroranschlägen. Es war das erste Mal seit dem Bau in den 70er Jahren, dass im World Trade Center der Pächter wechselte. Und es war gleichzeitig der größte Immobiliendeal in der New Yorker Geschichte. Für manche Verschwörungstheoretiker sind das bis heute zu viele Zufälle.

Larry Silverstein und Bürgermeister Michael Bloomberg auf einer Pressekonferenz zu 9/11.
Larry Silverstein und Bürgermeister Michael Bloomberg auf einer Pressekonferenz zu 9/11.(Foto: AP)

Sie werfen Silverstein vor, Profit aus den Anschlägen gezogen zu haben. Er sei Teil des geheimen Plans von amerikanischem und israelischem Geheimdienst, die in Wahrheit für die Anschläge verantwortlich seien. So sollen die beiden WTC-Türme angeblich renovierungsbedürftig und asbestverseucht gewesen sein, die Kosten sollen sich auf 200 Millionen Dollar belaufen haben. Der Einsturz habe dieses Problem für Silverstein gelöst, heißt es auf den Internetseiten der 9/11-Verschwörungstheoretiker. Außerdem habe Silverstein Milliarden von den Versicherungsunternehmen bekommen, die er nach dem 11. September verklagt hatte. Es ist ein bunter Strauß an Vorwürfen – nicht selten garniert mit krudem Antisemitismus, denn Silverstein ist Jude.

Rechtsstreit mit 20 Versicherungen

Silverstein zog tatsächlich vor Gericht nach den Anschlägen, zunächst gegen mehr als 20 Versicherungsfirmen, bei denen Policen auf das World Trade Center liefen. Der Streit dauerte viele Jahre, nicht zuletzt wegen Grundsatzfragen. So behaupteten die Versicherer, dass die Anschläge auf die beiden Türme als ein einzelner Schadensfall zu betrachten seien. Sie waren nur bereit, eine Summe von rund 3,4 Milliarden Dollar zu zahlen. Silverstein hielt dagegen: Zwei Flugzeuge, zwei zerstörte Türme, er wollte die doppelte Summe haben. Man einigte sich am Ende auf fast 5 Milliarden Dollar. Auch gegen die von den Anschlägen betroffenen Fluggesellschaften, diverse Sicherheitsfirmen und sogar den Hersteller der bei dem Anschlag entführten Flugzeuge, Boeing, hat Silverstein Klage eingereicht. Er fordert über 12 Milliarden Dollar an Schadenersatz.

Blick auf die Baustelle. Rechts neben 1 WTC steht das neue 7 WTC.
Blick auf die Baustelle. Rechts neben 1 WTC steht das neue 7 WTC.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Geld kann Silverstein auch gut gebrauchen: Der Wiederaufbau des World Trade Centers gestaltet sich schwieriger und kostspieliger als erwartet. Laut Pachtvertrag ist er jedoch für den Wiederaufbau der Gebäude verantwortlich. Die über 100 Millionen Dollar Miete pro Jahr musste er auch nach den Anschlägen zahlen. Silverstein will nun aus dem neuen WTC das neue Wirtschaftszentrum New Yorks machen: Wohnungen, Einkaufszentren und vor allem Büros sollen hier entstehen.

Mit 7 WTC, wo er heute arbeitet, ist ein erster Meilenstein bereits erreicht. Für Silverstein könnte das auch eine persönliche Genugtuung sein, schließlich konzentrieren sich bis heute viele Verschwörungstheoretiker ausgerechnet auf den Vorgänger dieses Gebäudes.

Gab Silverstein den Befehl zum Abriss?

Beim Einsturz der Zwillingstürme wurden auch alle anderen Gebäude des World Trade Center zerstört.
Beim Einsturz der Zwillingstürme wurden auch alle anderen Gebäude des World Trade Center zerstört.(Foto: picture alliance / dpa)

Das alte 7 WTC, so die Theorie, sei auf Geheiß Silversteins gesprengt worden. Ein Telefonanruf zwischen Silverstein und der New Yorker Feuerwehr soll das angeblich bestätigen. Das Gebäude war von Trümmerteilen getroffen worden und brannte von innen aus - es drohte einzustürzen. "Pull it", hatte Silverstein am Telefon zum Einsatzleiter des Löschtrupps gesagt: Verschwörungstheoretiker behaupten, Silverstein habe damit das Gebäude selbst gemeint, also ein Befehl zum Abriss. Doch tatsächlich war mit "pull it" wohl der Löschtrupp selbst gemeint, wie in "to pull out", sich zurückziehen. Die Feuerwehrleute brachen ihre Arbeit ab und räumten 7 WTC. Wenig später stürzte das Hochhaus zusammen. 2006 öffnete das neue 7 WTC seine Türen, seitdem arbeitet Silverstein wieder hier.

Das Herzstück des neuen World Trade Centers aber, den so genannten Freedom Tower, baut Larry Silverstein inzwischen nicht mehr, sondern die New Yorker Hafenbehörde. Auch mit der hat Silverstein lange gestritten, am Ende trennte er sich von seinem Pachtrecht, so dass nun vor allem die Stadt New York das wirtschaftliche Risiko trägt.

Erst 2016 soll alles fertig sein

Die Vision: Links neben 1 WTC steht das von Silverstein erträumte 2 WTC. 7 WTC steht ganz rechts im Schatten.
Die Vision: Links neben 1 WTC steht das von Silverstein erträumte 2 WTC. 7 WTC steht ganz rechts im Schatten.(Foto: picture alliance / dpa)

Graue Haare hatte Silverstein schon vor dem 11. September, ein paar mehr sind seitdem dazugekommen. Nicht nur wegen des vielen Ärgers, von dem es reichlich gab. Silverstein ist über 80 Jahre alt. Sein einziger Wunsch ist es, die Fertigstellung aller Gebäude des World Trade Centers noch mitzuerleben. Vier Hochhäuser sind bereits fest eingeplant, darunter der 541,3 Meter hohe "Freedom Tower". Ein fünftes Hochhaus soll folgen, wenn die Wirtschaftskrise überstanden ist.

So lange will er noch durchhalten. 2016, so optimistische Schätzungen, könnte alles fertig sein. "Ich bleibe einfach noch ein Weilchen da", sagt Silverstein.

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Quelle: n-tv.de