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Hunderttausende bejubeln auf dem Tahrir-Platz den Machtwechsel.
Hunderttausende bejubeln auf dem Tahrir-Platz den Machtwechsel.(Foto: REUTERS)

"Zum Wohle des Landes": Ägyptisches Militär setzt Mursi ab

Das ägyptische Militär stürzt "zum Wohl des Landes den gewählten Präsidenten". Die Ankündigung im Fernsehen wird von der Bevölkerung auf dem Tahrir-Platz mit großem Jubel aufgenommen. Jetzt sollen nach einer kurzen Übergangsphase Präsidenten- und Parlamentswahlen stattfinden. Die Armee will nicht an der Macht bleiben. Ziel ist eine Technokratenregierung.

Er gilt als der neue starke Mann des Landes: General Abdel Fattah al-Sisi.
Er gilt als der neue starke Mann des Landes: General Abdel Fattah al-Sisi.(Foto: AP)

Die ägyptische Armee hat den Präsidenten des Landes, den Islamisten Mohammed Mursi, entmachtet. Der Präsident des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, soll vorläufig die Geschicke des Landes lenken, sagte Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi in einer Fernsehansprache. Er kündigte zudem neue Präsidentschaftswahlen und die Aufhebung der im Vorjahr beschlossenen, von den Islamisten ausgearbeiteten Verfassung an. "Die Armee will nicht an der Macht bleiben", versicherte Al-Sisi.

In Kairo wurde die Ankündigung mit Freudenkundgebungen begrüßt. Feuerwerksraketen stiegen in den Himmel, hupende Autokorsos kreuzten durch die Stadt. Auf dem Tahrir-Platz, wo sich Zehntausende Mursi-Gegner versammelt hatten, feierten die Menschen den Abgang des Präsidenten. Die Islamisten wollen hingegen seine Entmachtung nicht hinnehmen. Der Sprecher der Muslimbruderschaft, Gehad al-Haddad, bekräftigte den Widerstand der Islamisten gegen eine Entmachtung Mursis.

Islamistensender abgeschaltet

Mursi will nicht aufgeben und ruft seine Anhänger zum Widerstand auf.
Mursi will nicht aufgeben und ruft seine Anhänger zum Widerstand auf.(Foto: dpa)

Vorsichtshalber waren die Fernsehsender der Islamisten abgeschaltet worden. Beim Sender "Misr25" der Muslimbruderschaft wurde die Ausstrahlung schlagartig unterbrochen, berichteten Augenzeugen. Auch der Islamistensender "Al-Hafes" und der Salafistensender "Al-Nas" seien betroffen.

In einer ersten Reaktion nach der Erklärung der Streitkräfte rief der entmachtete Präsident seine Anhänger zum friedlichen Widerstand auf. Sie sollten mit friedlichen Mitteln gegen den "Staatsstreich" des Militärs aufbegehren, sagte ein enger Vertrauter Mursis.

Der Ankündigung des Armeechefs war ein Krisentreffen der Militärführung mit den Spitzen der Opposition und hohen kirchlichen Würdenträgern vorausgegangen. Unter ihnen waren der Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei, Vertreter der Protestbewegung "Tamarud", der Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tajjib, und der koptisch-orthodoxe Papst Tawadros II. Sie waren mit im Bild zu sehen.

Mursis Anhänger wollen nicht weichen

Nach dem Ablauf des Ultimatums der ägyptischen Armee an Mursi hatte sich die Staatskrise extrem zugespitzt. In der Nähe von Demonstrationen der Mursi-Anhänger fuhren Dutzende Panzer auf. Aus Militärkreisen verlautete zudem, es gebe ein massives Truppenaufgebot in den Vierteln Nasr City, Heliopolis und in der Nähe der Universität.

Mursis Sicherheitsberater Essam al-Haddad sprach von einem "Putsch". "Im Interesse Ägyptens und für die historische Genauigkeit, lasst uns das, was passiert, beim Namen nennen: ein Militärputsch", erklärte al-Haddad bei Facebook. Hunderttausende Ägypter hätten sich zur Unterstützung ihres Präsidenten versammelt und würden nicht weichen, teilte al-Haddad weiter mit. "Um sie wegzubewegen, wird Gewalt nötig sein." In jedem Falle werde es "beträchtliches Blutvergießen" geben, warnte er.

Gegen Mursi sowie gegen mehrere führende Mitglieder der islamistischen Muslimbruderschaft ist zudem ein Ausreiseverbot verhängt worden. Zugleich wurden alle Inlandsflüge eingestellt.

Muslimbrüder verweigern Dialog

Die Armee hatte noch am Nachmittag einen letzten Versuch unternommen, die dramatische Lage zu entschärfen. Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi hatte die Konfliktparteien in Kairo zu einem Krisentreffen eingeladen, an dem auch Oppositionsführer Mohammed ElBaradei sowie Vertreter der Protestbewegung "Tamarud", der Salafisten und der Geistlichkeit teilgenommen hatten. Die Muslimbruderschaft blieb dem Treffen trotz Einladung demonstrativ fern.

Die ägyptische Zentralbank ordnete die Schließung aller Geldinstitute im Land an. Am Donnerstag sollen sie aber mehrere Stunden wieder öffnen. Auch sollten Einschränkungen bei Geldtransfers ins Ausland aufrechterhalten bleiben, die seit dem Arabischen Frühling und dem Sturz von Langzeitpräsident Husni Mubarak im Februar 2011 bestehen.

Seit mehreren Tagen erschüttern massive Proteste für und gegen Mursi das Land. Bei Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern des Staatsoberhaupts starben Dutzende Menschen, allein in der Nacht zum Mittwoch gab es in Kairo mindestens 22 Tote. Die Armee kündigte über Facebook an, sie kämpfe gegen die, die das Volk verängstigten. Sie werde Terroristen und Extremisten bekämpfen und ihr Blut für Ägypten opfern.

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Quelle: n-tv.de

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