Politik
Anne Will hat wieder den Sonntagabend zum Talken. Für den Sendeplatz wirkte die Besetzung eher beliebig.
Anne Will hat wieder den Sonntagabend zum Talken. Für den Sendeplatz wirkte die Besetzung eher beliebig.(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Obergrenzentalk bei Anne Will: An der Untergrenze des Erkenntnisgewinns

Von Nora Schareika

Ja, es dürften so langsam alle interessanten Gesprächspartner verbraucht sein, wenn beinahe jede Talkshow nur ein Thema kennt. Das zeigt sich auch bei Anne Will, die sich redlich um eine aufschlussreiche Debatte müht, aber an der Besetzung scheitert.

Was erwartet man von einer politischen Talkshow am Sonntagabend? Bestenfalls sollte sie neue Erkenntnisse bringen, den Zuschauer interessieren und fordern. So, dass man am nächsten Tag Lust hat, sich mit Kollegen oder Bekannten darüber zu unterhalten. Von der zweiten Folge "Anne Will" nach der Ära Jauch bleibt vor allem hängen, dass es in gewissen Kreisen offenbar Gerüchte gibt, dass Kanzlerin Angela Merkel bald abdanken und ins Exil nach Chile gehen werde. Zum Besten gab dies die Europaabgeordnete der AfD, Beatrix von Storch, die sich ansonsten bemühte, sachlich und seriös zu erscheinen.

Video

Aber zunächst zum Thema. Das war natürlich Flüchtlingspolitik, dieses Mal mit dem Fokus auf das "Vorbild Österreich" und der Frage "Braucht Deutschland eine nationale Obergrenze?" Eine gewinnbringende Talkshow zum Thema Obergrenze müsste mit Gästen aufwarten, die dem Zuschauer neue Perspektiven zeigen. Das konnte mit dieser Besetzung nicht gelingen: Auf den Talkstühlen saßen Armin Laschet von der CDU in der Rolle des Merkel-Anwalts, Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich als bayerischer Bedenkenträger und Warner, die bereits genannte Beatrix von Storch als Verfechterin einer Grenzen-dicht-Politik, sowie, zuständig für die ethisch-moralische Perspektive, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm.

Statt neuer Erkenntnisse gab es eine weitere Ausgabe der inzwischen symptomatisch gewordenen, typischen Flüchtlingsdebatte in Deutschland. Bedford-Strohm warnte gleich zu Beginn der Sendung vor einer "Chaotisierung" Europas, wenn nun immer mehr Staaten über Obergrenzen und Grenzschließungen nachdächten. Zwar sei es wichtig, zu überlegen, wie der Zuzug nach Deutschland reduziert werden könne. Aber die nationalen Grenzen zu schließen, sei keine Lösung. Mit der Frage an die Runde, was eigentlich mit den Menschen passiere, die im Falle des Falles an einer verschlossenen Grenze stünden, stürzte sich Bedford-Strohm selbst in tiefe Verzweiflung, weil er keine Antwort erhielt. Hans-Peter Friedrich sagte später in einem Nebensatz, die blieben dann halt in der Türkei.

Was eigentlich interessiert hätte

Video

Beatrix von Storch versuchte, mit einer ganz einfachen Lösung zu bestechen. Die Debatte um eine Obergrenze für Flüchtlinge gäbe es ihrer Meinung nach nicht, wenn die Regel mit den sicheren Drittstaaten gälte. "Wer aus Österreich kommt, ist kein Flüchtling", sagte von Storch. Außerdem müsse Merkel "die Willkommenskultur für beendet erklären" und die Grenzen schließen. "Sie hat den Magnet angeschaltet", warf die AfD-Politikerin der Kanzlerin vor, und beklagte Rechtsbruch an deutschen Grenzen. Weiterhin bräuchte man sich nach Storch auch gar nicht so einen Stress mit der Integration der Flüchtlinge machen: "Flüchtlinge müssen nicht integriert werden, sie gehen ja in ihre Heimat zurück." Funktionieren würde das ohnehin nicht, denn "wir können die 1,1 Millionen ja nicht einmal menschenwürdig unterbringen".

Erkenntnisgewinn für den Zuschauer der TV-Debatte? Fehlanzeige. Dabei ging Bedford-Strohms Frage eine gute Richtung. Es wäre in der Tat interessant gewesen, seriös skizziert zu bekommen, wie sich die Befürworter einer deutschen Grenzschließung dies in der Praxis vorstellen – und zwar ungeachtet dessen, wie sie die vergangenen Monate einschätzen und wer nun "schuld" an dem ganzen Dilemma ist. Wenn "Angela Merkel den Magnet ausschaltet" (von Storch) und das "Signal in die Welt sendet" (Friedrich), dass die meisten Migranten nicht mehr aufgenommen werden könnten – welche Konsequenzen hätte das für die Flüchtlinge? Was würde mit den Menschen geschehen, die jetzt auf Lesbos, in Mazedonien oder in Slowenien auf dem Weg sind? Was wäre mit denen, die in diesem Moment in Booten nach Europa übersetzen? An diese Kernfrage traut sich offenbar niemand ernsthaft heran.

Hans-Peter Friedrich forderte zwar, alle Transitstaaten müssten am selben Tag die Grenzen schließen und die Griechen müssten das dann einfach irgendwie hinkriegen. "Sonst hat doch Europa schon kapituliert." Genauer wurde Friedrich aber nicht. Mit Bezug auf die Bedford-Strohmschen Appelle an die christliche Nächstenliebe fiel Friedrich ein, dass unerfüllbare Hoffnungen zu nähren ja auch unchristlich sei.

"Vorbild Österreich" - warum ist kein Österreicher dabei?

Besonders in Rage brachte AfD-Frau von Storch den nordrhein-westfälischen CDU-Mann Laschet. Es sei doch selbst unter dem Niveau der AfD, "zu sagen, Merkel würde Menschen einladen". Und überhaupt habe von Storch die "Untergrenze" des Niveaus mit den während der Sendung eingeblendeten Facebook-Posts erreicht, die nicht mehr ganz so nüchtern und seriös daherkamen. Souveräner ging Hans-Peter Friedrich mit der AfD-Politikerin um. Ihre Facebook-Posts interessierten ihn überhaupt nicht, sagte er. Und übrigens werde Merkel demnächst eine neue Flüchtlingspolitik formulieren. Ein Kompromiss schien sich abzuzeichnen mit dem jüngsten Vorschlag der rheinland-pfälzischen CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner eines "Plan A2". Da kamen die über lange Strecken uneinigen Unionspolitiker Friedrich und Laschet zusammen.

Gastgeberin Anne Will hatte ihre Gäste insgesamt ganz gut im Griff und schaffte es, auch den sich immer wieder echauffierenden Armin Laschet sowie den moralisierenden Heinrich Bedford-Strohm sanft zu stoppen. Laschet schweifte mehrfach ab, zu den wirtschaftlichen Nachteilen von Grenzkontrollen im Schengenraum, über die Syrienpolitik Russlands und Realpolitik mit Recep Tayyip Erdogan in der Türkei, einmal durch ganz Europa und in den Nahen Osten ("Wir brauchen europäische Standards in den Flüchtlingslagern nahe der syrischen Grenze").

Talkshows jenseits des Flüchtlingsthemas gibt es zurzeit wenige. Wenn man das Thema auf einem der prominentesten Sendeplätze im deutschen Fernsehen setzt, muss noch genauer eingegrenzt werden, worüber die Gäste sprechen sollen. Die Qualität der Debatte steht und fällt zudem mit den Gästen. Die Auswahl bei Anne Will wirkte eher beliebig und zufällig. Wenn schon so viel über den Klöckner-Vorschlag gesprochen wird, hätte man sie gerne selbst dort sitzen sehen. Und wenn von "Vorbild Österreich" im Titel die Rede ist, warum war dann kein kompetenter Gesprächspartner aus Österreich dabei?

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen