Politik

Gazprom-Media dezimiert AufsichtsratAngriff auf kritischen Radiosender

14.02.2012, 16:18 Uhr
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Wladimir Putin lässt das kritische Info-Radio gewähren, um zu erfahren, was im Land wirklich gedacht wird. (Foto: REUTERS)

Kein russischer Radiosender wagt so offen Kritik an der Machtführung wie Echo Moskwy. Drei Wochen vor der Präsidentenwahl feuert der staatlich kontrollierte Haupteigentümer Gazprom-Media gleich mehrere kremlkritische Direktoren aus dem Aufsichtsrat. Der Sender muss sich nun um seine Existenz sorgen.

Frontalangriff auf Russlands regierungskritischsten Radiosender Echo Moskwy: Knapp drei Wochen vor der Präsidentenwahl feuert die staatlich kontrollierte Holding Gazprom-Media als Hauptaktionär den prominenten Chefredakteur Alexej Wenediktow sowie drei weitere kritische Direktoren aus dem Aufsichtsrat. Zwar bleibt Wenediktow weiter Chefredakteur, wie er mitteilte. Aber der Sender fürchtet um seine Zukunft. Die Opposition, Menschenrechtler und Politologen sprechen von einem sogar für russische Verhältnisse einmaligen Vorgang.

Präsidentenkandidat und Regierungschef Wladimir Putin ließ vor der Wahl am 4. März rasch von seinem Sprecher mitteilen, dass die kritische Haltung des Senders nicht der Grund für die Rochade sei. Allerdings verlas Wenediktow eine Erklärung von Gazprom-Media, wonach die Personalentscheidung mit der "erhöhten Aufmerksamkeit von verschiedenen Seiten" zusammenhänge. Echo Moskwy gilt als eine der letzten Bastionen freier Meinungsäußerung in Russland.

Derbe Äußerungen Putins

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Chefredakteur Alexej Wenediktow gehört nicht mehr dem Aufsichtsrat des Radiosenders an. (Foto: dpa)

Putin hatte sich bei einem Treffen mit Wenediktow im Januar ungewöhnlich derb über den Sender geäußert. "Bin ich etwa sauer auf Sie, wenn Sie mich von morgens bis abends mit Durchfall übergießen", hatte der Regierungschef gesagt. Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte, dass "leider festgestellt werden muss, dass diese Kritik oft dominierend sei bei Echo Moskwy". Gleichwohl sei dies nie ein Hindernis für ein sachliches Verhältnis zwischen dem Regierungschef und der Leitung des Senders gewesen.

"Jeder weiß, dass Putin und Wenediktow immer äußerst offen Meinungen austauschen in verschiedenen Formaten zu allen aktuellen Problemen", sagte Peskow. Nach Einschätzung von Wenediktow hat Putin selbst nicht den Befehl zur Jagd auf die Leitung des Senders gegeben. Aber sein Umfeld habe dies wohl so verstanden.

Gazprom-Media ließ den Wechsel im Aufsichtsrat als normalen geschäftlichen Vorgang darstellen. Ihre Posten räumen mussten demnach auch Vize-Chefredakteur Wladimir Warfolomejew sowie die unabhängigen Direktoren Jewgeni Jassin und Alexander Makowski. Das sei eine ungerechte und unehrliche Entscheidung gewesen, kritisierte Wenediktow.

Gazprom-Media hält 66 Prozent von Echo Moskwy

Gazprom-Media, eine Firma der vom staatlichen Energieriesen Gazprom kontrollierten Gazprombank, ist mit 66 Prozent Hauptaktionär des Senders, der ansonsten den Journalisten und Wenediktow gehört. Der Chefredakteur bedauerte, dass alle Versuche der vergangenen Jahre gescheitert seien, Gazprom-Media die Anteile abzukaufen. Es handele sich um eine geschlossene Aktionärsgesellschaft.

Der Sender Echo Moskwy teilte mit, an seiner redaktionellen Linie festhalten zu wollen. Das Info-Radio gilt als eine der wichtigsten politischen Informationsquellen überhaupt in Russland. Medienexperten erklären das bisherige "Überleben" des kremlkritischen Senders damit, dass auch die Staatsführung wissen wolle, was im Land tatsächlich gedacht werde.

Quelle: dpa