Politik

100 Jahre Herero-Aufstand: Annäherung im Konjunktiv

Die Bundesregierung hat die vor 100 Jahren in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika begangenen Gräueltaten bedauert und die Nachfahren der Opfer um Vergebung gebeten.

Bei einer Gedenkveranstaltung in Okakarara am historischen Ort der Entscheidungsschlacht zur Niederschlagung des Herero-Aufstandes sagte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul: "Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen 'Vater unser' um Vergebung unserer Schuld."

Angst vor juristischen Folgen

Bundespräsident, Bundestag und Bundesregierung hatten eine förmliche Entschuldigung für den damaligen Völkermord bislang vermieden. Als Grund wurden dabei Entschädigungsforderungen von Herero angeführt.

Die Bundesregierung argumentiert, es gebe für eine Entschädigung keine rechtliche Grundlage, da zum Zeitpunkt des Konfliktes zwischen den Herero und den kaiserlichen Kolonialtruppen das Völkerrecht, das die Zivilbevölkerung im Krieg schützt, nicht existiert habe. Namibias deutschsprachige "Allgemeine Zeitung" kommentiert dies so: "Irgendwo hat das neue Berlin vor lauter Furcht vor juristischen Folgen die menschliche und die Ebene der politischen Ethik in dieser Frage verkannt."

Bei der Veranstaltung am Waterberg drückte Ministerin Wieczorek-Zeul sichtlich bewegt ihre Hochachtung für den Kampf der Herero aus. Vor den mehr als 10.000 Versammelten wies die Ministerin auf den "kolonialen Wahn" hin, der einst in deutschem Namen Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung Tür und Tor geöffnet habe. Die kaiserlich-deutsche Kolonialregierung habe Nama und Herereo von ihrem Land vertrieben und ihren Widerstand dagegen mit einem "Vernichtungskrieg" beantwortet.

Angst vor dem Wort "Völkermord"

Wieczorek-Zeul vermied es jedoch, diesen Vernichtungskrieg klar als Völkermord zu bezeichnen. Statt dessen sagte sie: "Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde." Der verantwortliche General würde sich dafür heute vor Gericht zu verantworten haben.

Auf Zwischenrufe, wo die Entschuldigung bleibe, antwortete Wieczorek-Zeul: "Alles, was ich in meiner Rede gesagt habe, war eine Entschuldigung für Verbrechen, die unter deutscher Kolonialherrschaft begangen wurden." Tausende Herero applaudierten ihr.

Der oberste Herero-Häuptling Munjuku Nguvauva II zeigte sich versöhnlich und plädierte für einen Neuanfang zwischen den einstigen Unterdrückern und ihren Opfern.

Er nehme die Entschuldigung an, sagte auch der Herero-Führer Kuaima Riruako. "Ich bin nicht hier, um die Entschuldigung zurückzuweisen. Jetzt muss es einen Dialog geben, um die unbeendete Angelegenheit zu beenden", sagte er mit Blick auf eine Entschädigung.

Zehntausende starben

Die deutsche Kolonialgeschichte im südlichen Afrika umfasste drei Jahrzehnte und ging 1918 mit der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg zu Ende. Nach der Schlacht am Waterberg waren Zehntausende Herero- und Nama mit Frauen und Kindern in die Wüste getrieben worden, wo sie meist verdursteten.

Unterschiedlichen Schätzungen zufolge fielen dem Vernichtungsfeldzug der Deutschen 35 bis 80 Prozent der damals 40.000 bis 100.000 Herero und bis zu 50 Prozent der damals 22.000 Nama zum Opfer. Dieser Teil der Geschichte Namibias ist für heutige Herero noch immer höchst aktuell, da die Vergangenheit erst seit der Unabhängigkeit von Südafrika im Jahre 1990 offen diskutiert werden kann. Heute leben 120.000 Herero und 60.000 Nama in Namibia

Quelle: n-tv.de

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