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Tanzend in die zweite Amtszeit: Barack Obama und Ehefrau Michelle.
Tanzend in die zweite Amtszeit: Barack Obama und Ehefrau Michelle.(Foto: AP)

Obamas Rede zur zweiten Amtseinführung: Ansprüche eines Unvollendeten

Von Sebastian Schöbel

Seine zweite Amtszeit beginnt Präsident Obama mit dem Aufruf zu mehr gemeinsamen Anstrengungen. Von der optimistischen Fröhlichkeit seiner ersten Amtseinführung ist nicht viel geblieben. Obama weiß: Die nächsten vier Jahre entscheiden darüber, wie sich das Land an ihn erinnern wird.

Die Wahrheit von 1776: Barack Obama auf der großen Festtribüne in Washington.
Die Wahrheit von 1776: Barack Obama auf der großen Festtribüne in Washington.(Foto: picture alliance / dpa)

Er könnte sich selbst feiern, wenigstens ein bisschen. Vier harte Jahre im Weißen Haus und ein vergifteter Wahlkampf liegen hinter Barack Hussein Obama. In den Medien sagen sie, dass er alt geworden ist, zählen die Falten in seinem Gesicht, die grauen Haare auf seinem Kopf. Den Start in seine zweite Amtszeit könnte Obama nun für eine rhetorische Erfrischung nutzen, könnte die schwer erkämpften Erfolge der ersten Amtszeit noch einmal Revue passieren lassen. Seine Gesundheitsreform, die Tötung Osama bin Ladens, den Abzug aus dem Irak, die Gleichberechtigung homosexueller Soldaten und vieles mehr. Es ist die Chance für Argumente gegen den um sich greifenden Obama-Pessimismus, den nagenden Zweifel am einstigen Polit-Messias. Es wäre der Moment dafür. Doch er tut es nicht.

Stattdessen liefert Obama eine Rede ab, die weder als Kampfansage gegen das konservative Lager noch eine Motivationsspritze für die liberalen Kräfte taugen dürfte. Der 44. US-Präsident klingt eher wie ein grimmiger Trainer, der sein zerstrittenes Team in der Halbzeitpause ins Gebet nimmt: Es muss weitergehen, immer weiter.

"Wir" ist das mit Abstand am häufigsten gebrauchte Wort, entliehen aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Noch immer gelte die Wahrheit von 1776, sagt Obama zu Beginn seiner Ansprache, "dass alle Menschen gleich erschaffen wurden" und alle "unveräußerliche Rechte" besitzen. Wie schon bei seinem Amtsantritt 2009 nimmt Obama das US-amerikanische Volk in die historische Pflicht, an der nicht einmal seine schärfsten Gegner Zweifel anmelden würden: "Heute setzten wir unsere niemals endende Reise fort, die Bedeutung dieser Worte mit der Realität unserer Zeit zu verbinden."

Die Krisen sind bekannt

Major General Michael L. Linnington, umrahmt von den Ehepaaren Obama (li) und Biden (re).
Major General Michael L. Linnington, umrahmt von den Ehepaaren Obama (li) und Biden (re).(Foto: REUTERS)

Wie weit die USA von diesem Ideal entfernt sind, muss Obama gar nicht sagen. Schließlich steht er auf den Stufen des Kongresses, dem Epizentrum der ideologischen Spaltung des Landes. So verteilt er stattdessen erst einmal Streicheleinheiten. Sie alle seien Teil einer "krisenerprobten Generation", die ihren Durchhaltewillen bewiesen hat, lobt Obama. "Ein Jahrzehnt des Krieges geht nun zu Ende, eine wirtschaftliche Erholung beginnt." Als hätten die Zuschauer auf diese Worte gewartet, brandet erstmals Applaus auf. Details braucht diese verschworene Gemeinschaft nicht: den Truppenabzug aus dem Irak, das versprochene Ende des Krieges in Afghanistan, der langsame Aufstieg nach der Wirtschaftskrise, die steigenden Beschäftigungszahlen. All das erwähnt Obama gar nicht explizit. Jeder weiß, welche Krisen gemeint sind. Dass er nun ihr Ende verkündet, ist einer der wenigen Momente dieser Rede, in denen sich der Präsident auf die eigene Schultern klopft.

Dass Obama parteipolitisch keinen Zentimeter weiter auf seine Gegner zugehen will, daran lässt er freilich keinen Zweifel. Der Zusammenhalt, den Obama beschwört, ist der Gleiche, mit dem er noch im Wahlkampf Zugeständnisse der Reichen einforderte und für den ihn die Republikaner als Klassenkämpfer gescholten haben. "Wir verstehen, dass unser Land nur nicht gewinnen kann, wenn es einer immer kleiner werdenden Gruppe sehr gut geht", so Obama, "während es eine wachsende Anzahl von Menschen kaum noch durchs Leben schafft." Nur gemeinsam habe man in der Vergangenheit Wohlstand geschaffen, denn "kein Mensch kann allein alle Mathematiklehrer ausbilden, Straßen und Labore bauen, die neue Jobs schaffen."

Nur ein kleiner Seitenhieb auf Romney

Doch weiter geht er nicht, streckt stattdessen lieber die Hand Richtung Republikaner aus. Natürlich haben die US-Amerikaner nie "die Skepsis gegenüber Zentralgewalten aufgegeben". Dass aus dieser Abneigung bei seine konservativsten Gegner inzwischen ein irrationaler Hass auf die Regierung in Washington geworden ist, spart er aus, holt stattdessen den Olivenzweig hervor: Wo teure Programme der Regierung keine Wirkung zeigen, wolle er sparen. Den harten Entscheidungen zur Senkung des Staatsdefizites wolle er nicht aus dem Weg gehen. Obama weiß, dass er heute keine Brücken abbrechen darf. Schon bald wird man sich an gleicher Stelle auf dem Kapitol wiedersehen, um über neue Schulden und Einsparungen zu verhandeln.

Nur ein einziges Mal erlaubt sich Obama einen gezielten rhetorischen Tiefschlag, der die tiefen Zerwürfnisse des vergangenen Wahlkampfes in Erinnerung rufen soll. Die Armut früherer Zeiten ist nicht vergessen, sagt der Präsident. "Wir glauben nicht, dass Freiheit nur den wenigen Glücklichen vorbehalten ist." Deswegen wollen man das Sicherungsnetz aus Gesundheits- und Sozialversicherung erhalten. "Das macht uns nicht zu einer Nation der Selbstbediener", so Obama – und erinnert damit an den größten Ausrutscher seines millionenschweren Herausforderers Mitt Romney.

Es ist keine Ansammlung von ambitionierten Zielen, die Obama mit seiner zweiten Amtseinführungsrede ablegt. Dies ist 2013, nicht 2009: Damals machte er sich selbst zum Heilsversprechen einer ganzen Nation, seinen außergewöhnlichen und doch so ur-amerikanischen Aufstieg. Heute appelliert er mit strenger Entschlossenheit an die Selbstheilungskräfte seines Volkes. "Lasst uns den Ruf der Geschichte beantworten", fordert er zum Schluss.

Er hätte auch "den Ruf meiner Geschichte" sagen können.

Quelle: n-tv.de

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