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Der Koran in der Übersetzung der Salafisten kann auch über das Internet bestellt werden.
Der Koran in der Übersetzung der Salafisten kann auch über das Internet bestellt werden.(Foto: dpa)

Rechtspopulisten ärgern Salafisten: Behörden erwarten Streit

Die Debatte um die Koran-Verteilung der Salafisten heizt sich auf. Eine rechtspopulistische Splitterpartei startet einen "islamkritischen Karikaturenwettbewerb". Die Aktion erinnert an die Mohammed-Karikaturen, deren Veröffentlichung 2005 einen Flächenbrand in der islamischen Welt ausgelöst hatte. Die Sicherheitsbehörden sind besorgt.

Die umstrittene Koran-Verteilung radikalislamischer Salafisten wird zunehmend zum Politikum. Sicherheitsexperten rechnen mit einer Eskalation und befürchten, dass sich das politisch-religiöse Klima gerade vor Moscheen aufheizen könnte. Derweil rief die rechtspopulistische Splitterpartei Pro NRW zur Landtagswahl im Mai zu einem "islamkritischen Karikaturenwettbewerb" auf. Die Ergebnisse sollen zudem vor Moscheen ausgestellt werden.

NRW-Innenminister Ralf Jäger kündigte umgehend an, das Vorhaben der Partei – wenn möglich – zu verhindern. Die Veröffentlichung von zwölf dänischen Mohammed-Karikaturen hatte 2005 in der islamischen Welt zu teils gewalttätigen Protesten geführt.

Die Salafisten wollen an diesem Wochenende in mehr als 30 deutschen Städten Koran-Exemplare kostenlos verteilen. Die angeblich geplanten rund 25 Millionen Bücher sollen auch in der Schweiz und Österreich sowie über das Internet verteilt werden.

Verfassungsschutz ist alarmiert

Die Aktion "Lies!" hat Ibrahim Abu Nagie gestartet.
Die Aktion "Lies!" hat Ibrahim Abu Nagie gestartet.(Foto: Screenshot Youtube)

Die Bundesregierung reagierte besorgt. "Das Bundesinnenministerium nimmt die aktuellen salafistischen Bestrebungen sehr ernst", sagte ein Ministeriumssprecher. Die Salafisten seien seit geraumer Zeit im Visier der Verfassungsschutzbehörden und würden seit Ende 2010 unter anderem auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln beobachtet. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte vor der Aktion. "Es geht hier um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. Der Koran ist nur ein Vehikel", sagte Behördensprecher Bodo W. Becker dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Sicherheitsbehörden wollen die Koran-Aktionen beobachten. Sie könnten aber nur verhindert werden, wenn sie im Zusammenhang mit Straftaten stünden oder Ordnungswidrigkeiten vorlägen, wenn also etwa die Aktionen nicht behördlich genehmigt seien. Anders gebe es keine Handhabe, dagegen vorzugehen, hieß es aus Berliner Sicherheitskreisen. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte, bislang lägen keine Hinweise auf mögliche Proteste gegen die Aktionen vor.

Kirche warnt vor dem Buch an sich

Das Buch auf den Boden legen, bringt Ärger.
Das Buch auf den Boden legen, bringt Ärger.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wies darauf hin, dass im Islam jedes Koran-Exemplar eine extrem große Bedeutung habe. Das Buch dürfe also nach der Annahme nicht einfach auf den Boden gelegt werden. "Das ist für Muslime völlig undenkbar. Das sollten die Leute wissen, die das annehmen."

Salafisten bekommen Aufmerksamkeit

Eines ihrer Ziele haben die Salafisten nach Experten-Ansicht bereits erreicht: Aufmerksamkeit. "Jeder spricht jetzt über Salafisten", sagte der Religionssoziologe Rauf Ceylan der Universität Osnabrück. "Ihre Attraktivität für junge Menschen liegt in der Vereinfachung der Religion durch klare Verbote und Gebote. Man hat nach ihrem theologischen Verständnis zu leben, sonst kommt man nicht ins Paradies."

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann rief dazu auf, die Salafisten zu isolieren. "Wir sollten all jene Muslime unterstützen und bestärken, die einen modernen und weltoffenen Islam wollen." Der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, forderte, auch die islamischen Verbände und die Moscheen sollten vor den Salafisten warnen. Der integrationspolitische Sprecher der FDP, Serkan Tören, verlangte die Ausweisung radikaler Islamisten. "Nichtdeutsche Salafisten, die gegen die Verfassung verstoßen, müssen ausgewiesen werden", sagte der Politiker, der selbst Muslim ist, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der kirchenpolitischen Sprecher der Grünenfraktion, Josef Winkler, sagte der "Mainzer Allgemeinen Zeitung", die Koran-Verteilung sei eine Provokation. Die Salafisten wollten den Religionsfrieden stören.

Übersetzung im Sinne der Salafisten

Der Arabistik-Professor Thomas Bauer rechnet jedoch nicht damit, dass ein durch Salafisten übersetzter Koran viele Deutsche überzeugen wird. "Es gibt sehr schöne Übersetzungen. Aber die schönen sind in der Regel nicht die salafistischen", sagte der Wissenschaftler vom Forschungsverbund Religion und Politik an der Universität Münster.

Bei den Verteilexemplaren handelt es sich um die Übersetzung zweier Muslime namens Abu ar-Ridaa und Ahmad ibn Rassul. "Die Übersetzer stehen der Pierre-Vogel-Gruppe nahe", sagt Dirk Hartwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arabistik der Freien Universität Berlin, im Gespräch mit n-tv.de. Pierre Vogel ist ein deutscher Konvertit, der den Namen Abu Hamza angenommen hat. Er wird seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Die verschiedenen Lesarten des Koran und sich daraus ableitende Interpretationen sorgen auch in der islamischen Welt dafür, dass es zum Teil weit voneinander abweichende Meinungen gibt, welcher Islam der "wahre" Islam ist.

Quelle: n-tv.de

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