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Auch an den Tagen nach Silvester kontrollierte die Kölner Polizei Verdächtige im Umfeld des Kölner Hauptbahnhofs.
Auch an den Tagen nach Silvester kontrollierte die Kölner Polizei Verdächtige im Umfeld des Kölner Hauptbahnhofs.(Foto: dpa)

Nach den Pannen der Ermittler: "Bei der Kölner Polizei ist die Hölle los"

Die Kölner Polizei steht unter Druck. Kritiker werfen der Behörde vor, nach den Ereignissen in der Silvesternacht Dinge bewusst vertuscht zu haben. Dirk Reuter arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Polizei- und Gerichtsreporter in Nordrhein-Westfalen und verfügt über beste Kontakte zur Kölner Polizei. Im Interview spricht der RTL-Journalist über die Stimmung bei der Kölner Polizei, Sprechverbote und die Folgen.

n-tv.de: Wie ist die Stimmung bei der Kölner Polizei nach den Ereignissen in der Silvesternacht?

Dirk Reuter: Da ist die Hölle los. Ich habe mit vielen Polizisten sowohl aus der unteren als auch aus der Führungsebene gesprochen. Es gibt eine große Verunsicherung. Bei den kleinen Streifenbeamten ist der Frust groß, sie wissen gar nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen und wünschen sich, dass Ross und Reiter endlich genannt werden.

Gibt es denn Sprechverbote, wie das kolportiert wird?

Ansagen von oben sind nicht ungewöhnlich. Dass die Nationalität von Tätergruppen verschwiegen wird, hat den Zweck, die rechte Ecke nicht zu munitionieren. Es wird viel Wert auf politische Korrektheit gelegt. Die Entscheidung, die Nationalitäten bekannt zu geben, trifft der Einsatzleiter in Absprache mit dem zuständigen Chef vom Dienst. Ob es in diesem Fall von ganz oben einen Maulkorb gab, ist noch nicht ganz klar. Dass man Informationen über Täter nicht an die Öffentlichkeit gibt, liegt jedoch auch daran, dass es noch keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Was die Silvesternacht in Köln betrifft, ist eben noch nicht klar, ob die Täter Flüchtlinge sind.

Was weiß man über die Täter?

Es gibt bisher mehr als 30 Tatverdächtige und zwei Festnahmen. Einige Hinweise lassen darauf schließen, dass es sich bei den Tätern auch um Flüchtlinge gehandelt hat. Bevor es zu den Ausschreitungen gekommen ist, wurden auf dem Bahnhofsvorplatz Personalien aufgenommen. Dabei wurden auch Papiere gezeigt, die vom Bundesamt für Migration ausgestellt worden sind. Ob diese Personen auch zu denen gehören, die später Frauen angegangen sind, ist noch nicht klar, die Vermutung liegt jedoch nah. Es ist jedoch schwer, diese Taten nachzuweisen. Die Opfer können die Täter nicht genau beschreiben, es war dunkel und durch das Feuerwerk wurde die Sicht zusätzlich erschwert.

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Die Kölner Polizei steht heftig in der Kritik. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Ermittler im Hinblick auf die Silvesternacht und die Folgen?

Die Kommunikation der Polizei ist eine absolute Katastrophe. Ich frage mich auch: Wenn sich da über 1000 Araber und Afrikaner versammeln, passiert das ja nicht zufällig. Womöglich gab es da Verabredungen über soziale Medien oder Whatsapp-Gruppen. Dafür spricht auch, dass es in so vielen Städten zu Übergriffen gekommen ist. In Polizeikreisen kursiert auch das Gerücht, dass ein Szenario wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo nachgeahmt werden sollte, wo es in der Vergangenheit ja ebenfalls Massenvergewaltigungen gab.

Was steht in den internen Berichten der Polizei?

Darin steht viel, was die Wahrnehmung der Beamten wiedergibt, die an dem Abend im Einsatz waren. Dass die Polizisten überfordert waren und zu wenig Personal vorhanden war. In den unteren Hierarchien gibt es darüber große Verärgerung. Der Einsatzleiter hätte Verstärkung anfordern können und müssen, aber er hat es nicht getan. Warum hat der Chef vom Dienst verschwiegen, dass dort offenbar viele ausländische Personen waren? Geschah das aus Unwissenheit oder weil es einen Maulkorb gab?

Kann die Polizei überhaupt so schnell auf eine solche Situation zu reagieren?

Grundsätzlich ist das kein Problem. Eine Hundertschaft kann in einer Großstadt wie Köln in 30 bis 40 Minuten an Ort und Stelle sein. Im Vorfeld wurde eine komplette Hundertschaft für die Silvesternacht angefordert. Doch dann wurde sie von der Führungsebene wieder abbestellt. Mit der Ansage: Es gibt keine Veranlassung, aufgrund der Lageeinschätzung und den Erfahrungen der zurückliegenden Silvesternächte genügt die ursprünglich vorgesehene Personalstärke.

Die Polizei steht unter dem Vorwurf, bei der Aufklärung der Ereignisse viel unter den Teppich gekehrt zu haben. Gibt es in der kommenden Woche, wenn ein Bericht veröffentlicht werden soll, die große Flucht nach vorn?

Der öffentliche Druck ist groß, die Landesregierung macht Druck, die erhält wiederum Druck von der Bundesregierung, die Kanzlerin hat sich eingeschaltet. Die Streifenpolizisten, die die Drecksarbeit machen müssen, fühlen sich von ihrer Führung und der Polizei im Stich gelassen. Man muss hoffen, dass die Strategie des Unter-den-Teppich-Kehrens gescheitert ist. Wir sehen jetzt, was dabei herauskommen kann. Alles, was verheimlicht wurde, kommt wieder zum Vorschein. Wenn sich so viel Dreck sammelt, fliegt einem das irgendwann um die Ohren.

Mit Dirk Reuter sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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