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Bereits kurz nach der Eröffnung des Mahnmals waren an einigen Betonstelen Risse aufgetreten.
Bereits kurz nach der Eröffnung des Mahnmals waren an einigen Betonstelen Risse aufgetreten.(Foto: picture alliance / dpa)

Risse lenken vom Erinnern ab: Berlins Holocaust-Mahnmal zerbröselt

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist wohl nicht mehr zu retten. Die Betonstelen sind derart kaputt, dass nur noch Metallmanschetten sie zusammenhalten. Die Sorge um den Beton wiegt für viele Besucher schwerer als das Gedenken.

Metallmanschetten sollen die maroden Betonstelen zusammenhalten.
Metallmanschetten sollen die maroden Betonstelen zusammenhalten.(Foto: picture alliance / dpa)

Eine wesentliche Aufgabe des Holocaust-Mahnmals in Berlin ist die Arbeit wider das Vergessen. Das Mahnmal soll das Gedenken an die Opfer des Holocaust wach halten - so war das jedenfalls geplant bei der Eröffnung des gigantischen Stelenfeldes im Mai 2005. Doch das Mahnmal wird dem wohl nicht für alle Zeit gerecht werden können. Denn es zerfällt. Die Stelen zerbröseln, und viele von ihnen können nur noch mit Stahlmanschetten zusammengehalten werden.

Tausend Jahre mindestens sollte der Beton für die Stelen halten, bewunderte einst der Architekt der Anlage, Peter Eisenman, das Material für sein Kunstwerk. Für die Haltbarkeit des Materials wurden aber auch noch andere Daten der Geschichte bemüht, wie beispielsweise der Vergleich mit den Pyramiden von Gizeh - obgleich auch diese allmählich zerbröseln. Nur sind sie auch schon etwas älter als das gerade einmal neun Jahre alte Berliner Mahnmal.

Auch scheint kaum jemand zu wissen, dass seit Jahren eine Stele fehlt. Obgleich auf der Webseite des Museums noch immer von 2711 Stelen die Rede ist und dies auch allen Touristen so vermittelt wird, sind es seit Dezember 2010 nur noch 2710 Granitblöcke. Einer, der schon damals bedrohliche Risse aufwies, ist im Labor des Aachener Bauforschungsinstituts gelandet. Es geht schließlich um erhebliche Werte und mögliche Regressforderungen an den bauausführenden Betrieb. Das Mahnmal in Berlins Mitte hatte insgesamt 27,4 Millionen Euro gekostet.

Ein weiteres Erbe für Berlin

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Seit dreieinhalb Jahren findet nun schon ein Beweisaufnahmeverfahren statt. Die Sachverständigen sollen herausfinden, weshalb von den nunmehr 2710 Stelen bereits 2200 Risse aufweisen. Hunderte sind derart lädiert, dass für sie Stahlmanschetten angefertigt werden mussten - insgesamt 380 Stück. Fürs erste soll dadurch Gefahr von den Besuchern abgewendet werden. Schon fast 50 sind heute bandagiert.

In dem Verfahren muss auch geklärt werden, wer die Schuld an dem Missstand trägt. Ist es Architekt Peter Eisenman, der seinerzeit von der Oberflächenbeschaffenheit und der Farbe des Betons derart beeindruckt war, dass weitere Untersuchungen ausblieben? Ist es der Berliner Senat, der sich als Bauherr ebenfalls von den Probestelen blenden ließ? Oder ist es am Ende doch die Firma Geithner, die viel versprach aber nicht halten konnte?

Schätzer gehen davon aus, dass eine Sanierung der Stelen einen zweistelligen Millionenbetrag kosten würde. Geithner wäre ruiniert und Berlin der Besitzer eines gigantischen Trümmerhaufens von 2710 Stelen, von denen die schwersten rund 16 Tonnen wiegen.

Bis die Garantiefrage geklärt ist, dürfte es noch Jahre dauern. Jahre, in denen der Verfall weiter voranschreitet und auch das Erinnern Risse bekommt. Schon jetzt sorgen sich viele der jährlich 3,5 Millionen Besucher um die maroden Betonblöcke selbst. Das Warum gilt eher den Stahlmanschetten, als dem Mord an sechs Millionen Juden Europas.

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Quelle: n-tv.de

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