Politik
Berlusconi hat viel verloren - nicht nur den Ehrentitel "Cavaliere".
Berlusconi hat viel verloren - nicht nur den Ehrentitel "Cavaliere".(Foto: REUTERS)

Teure Huren, kaum noch Freunde: Berlusconi wird zur tragischen Figur

Von Udo Gümpel, Rom

Es sieht schlecht aus für Silvio Berlusconi: Zwar endet nun sein Sozialdienst. Doch seine Partei ist am Ende, die Geschäftspartner wenden sich ab, die Gespielinnen kosten Millionen. Und der nächste Prozess droht - und der könnte böse enden.

Es war ganz großer Bahnhof am 9. Mai des vergangenen Jahres, als Silvio Berlusconi bei der "Stiftung zur Heiligen Familie" zum ersten Mal vorfuhr und seinen Dienst in der Betreuung von Alzheimer-Patienten aufnahm. Anstelle von Haft die Betreuung von Kranken. So hatte es das Gericht verfügt. Die Journalisten standen hinter den Absperrgittern, aber der ehemalige Ministerpräsident Italiens winkte nicht einmal herüber, nicht ein Scherzchen, auch nicht zu den Reporterinnen seiner eigenen TV-Gruppe Mediaset. Eine seltsame Atmosphäre. Im Pavillon nebenan sprachen andere Patienten laut und unartikuliert, von Berlusconi konnte man gerade noch sehen, wie er sich einen weißen Kittel anzog.

Berlusconi am ersten Tag seines Sozialdienstes.
Berlusconi am ersten Tag seines Sozialdienstes.(Foto: dpa)

Es hieß, er wolle AC Mailand-Abzeichen verteilen. Er werde bestimmt den ganzen Pavillon Sankt Peter zu Mitgliedern von Forza Italia machen, vermuteten wohlmeinende Freunde, und dann, wenn der Milliardär diese demütigende Strafe abgedient habe, würde er wie ein Phönix aus der Asche wieder auftauchen - stärker als je zuvor. Ein knappes Jahr einmal pro Woche Sozialdienst im Altersheim, als Strafe für "fortgesetzte Steuerhinterziehung, umgesetzt mit enormer krimineller Energie", wie es die Richter geschrieben hatten. Dank der für Berlusconi so immens günstigen Verjährungsregeln Italiens ging es am Ende nicht mehr um die anfängliche Anklage wegen 350 Millionen Euro hinterzogener Einkünfte, sondern nur noch um knapp 10 Millionen. Peanuts für Berlusconi. So schien es.

Jetzt ist die Strafe abgearbeitet, sogar um 45 Tage verkürzt, wegen guter Führung. Aber von wegen Phönix aus der Asche. Alles hat sich zum Schlimmsten gewendet, für den 78-jährigen Mailänder.

Seine Partei ist am Ende. Als er das erste Mal zur "Heiligen Familie" anrückte, und alle auf ihn warteten, pendelte das Wahlbarometer von Forza Italia noch bei 25 Prozent, heute ist es schon unter 15 Prozent. Den Ehrentitel "Cavaliere" - das ist so etwas wie der Held der Arbeit in Italien, eigentlich ein "Ritter der Arbeit" wegen der vielen Arbeitsplätze, die er geschaffen hat - ist er los. Dazu muss man nämlich unbescholten, nicht vorbestraft sein, und das ist er ja nun nicht mehr.

Die Geschäftspartner sagen sich allmählich los. Sein ewiger Partner Ennio Doris hat just in diesen Tagen vor dem Ende des Sozialdienstes mal schnell das Symbol der gemeinsam mit Berlusconi gegründeten Versicherungsgruppe Mediolanum geändert und das Berlusconi-Symbol der Schlange (Il Biscione) aus dem Firmenlogo entfernt. Auch darf Berlusconi wegen der verloren gegangen Unbescholtenheit keinen wesentlichen Aktienanteil mehr dort halten. Ein Steuerbetrüger ist keine zuverlässige Adresse mehr.

Rund 225 Millionen Euro für Orgien

So macht Berlusconi jetzt Kasse. Schnell wurde für eine halbe Milliarde Euro wieder ein Anteil an der Kernfirma seines Imperiums verkauft, Mediaset. Geld braucht er auch, denn noch immer hängen die Edelnutten seiner heißen Nächte am finanziellen Tropf des Medienmoguls. Jeden Monat etwa bekommt die Gespielin Ruby 25.000 Euro überwiesen, desgleichen die anderen gut 20 Mädchen. Da läppert sich einiges zusammen. Geschätzt 225 Millionen hat Berlusconi bei den "eleganten Abendessen", wie er sie nannte - Zeugen sprachen von Orgien unter Beteiligung Dutzender nackter Frauen - schon bis heute gekostet.

Bilderserie

Er mag sie verfluchen, diese lustigen Jahre, die nicht nur finanziell eine offene Wunde sind, weil er immer noch zahlt und zahlt und zahlt. Die Staatsanwaltschaft von Mailand schließt demnächst die neuesten Ermittlungen gegen ihn ab, und dabei geht es eben nicht mehr um Amtsmissbrauch und Anstiftung zur Prostitution, von der Berlusconi im Appellationsprozess freigesprochen worden war. Der Vorwurf wegen Amtsmissbrauch beruhte auf der Tatsache, dass Berlusconi eine ganz Nacht lang Druck auf die Polizei von Mailand ausgeübt hatte, damit seine Gespielin Ruby aus dem Polizeigewahrsam wieder entlassen würde: Er befürchtete, dass sie über die sexy Nächte bei Berlusconi reden könnte, schließlich war sie zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig.

Das Gericht aber sah die Schuld eher bei den Polizisten, die dem Drängen von Berlusconi nicht hätten nachgeben dürfen. Die Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen sei ihm ebenfalls nicht anzulasten, sie sei schon vorher Prostituierte gewesen, auch als Minderjährige.

Der neue Prozess ist ungleich gefährlicher. Denn die Beweislage ist hier viel besser. Es geht nicht um die Nächte als solche, sondern um das, was danach passiert ist. Und das hat es in sich. Da trafen sich die zwei Dutzend leichte Damen mit den Anwälten Berlusconis und sprachen alle Aussagen miteinander ab, dafür hat die Staatsanwaltschaft reichlich Belege.

Vorwurf der Zeugenbestechung

Und dann ist da das Geld, das seit drei Jahren von Berlusconi an die Damen fließt. Vom Angeklagten zu den Zeuginnen. Das nennt man dann in Italien Zeugenbestechung, oder auch Justizkorruption, dafür geht die Strafe dann gleich in die 10-Jahre-Größenordnung. Noch während Berlusconi seine letzten Alzheimer-Patienten im kleinen abgezäunten Garten des Pavillons Sankt Peter herumfuhr, beschlagnahmte die Polizei bei den Damen des Harems Hundertausende Euro Bargeld, Konten, räumte Tresore in den Superluxusvillen aus, in denen die Damen seit den lustigen Nächten wohnen.

Um die Partei Forza Italia mag Berlusconi sich nun gar nicht mehr kümmern. Das Severini-Gesetz verhindert seine Kandidatur für de nächsten 6 Jahre, er wäre 85, wenn er wieder dürfte. Die Parteidiadochen streiten sich derweil ums Erbe, aber ohne sein Fernsehen, sein Geld - er bezahlt den ganzen Parteiapparat - ist die Partei schnell verdampft. Auf der rechten Seite zieht ihm der krasse Ausländer-Europa-Deutschland-Feind Matteo Salvini die Wähler ab, die Liga Nord ist heute genauso stark wie er, in der Mitte sind viele Wähler zum Demokraten-Regierungschef Matteo Renzi abgewandert, nur jeder dritte Wähler der guten Tage ist geblieben.

Die Zeit spielt jetzt gegen Berlusconi. Der nächste Prozess droht, wieder einmal in Mailand. Bei dem Urteil dann dürfte er nicht mehr so glimpflich davonkommen. Abgesehen davon: Auch der Ruby-Prozess ist noch keineswegs überstanden. Der Oberste Gerichtshof Cassazione könnte den Freispruch vielleicht teilweise aufheben und ihn doch noch für den Amtsmissbrauch verurteilen.

Berlusconi bleibt uneinsichtig

Wenn Berlusconi sich einen Gefallen tun wollte, würde er seine Partei auflösen, sich aufs Altenteil zurückziehen, seine junge Verlobte heiraten und die 6 Milliarden Euro Vermögen genießen. Am besten würde er gleich ins Ausland ziehen, in die Schweiz. Dann wäre er seinem Geld näher und könnte einen Deal mit der Staatsanwaltschaft wegen der lustigen Nächte machen.

Nur leider ist Berlusconi nicht einsichtig. Über so viele Jahre hat er es sich angewöhnt, an die eigenen Lügen so fest zu glauben, dass sie für ihn wahr geworden sind. Immer noch glaubt Berlusconi ganz fest an sich, an seine erlösende Kraft als Erretter Italiens. Es ist also eher wahrscheinlich, dass er den Staat noch einmal richtig herausfordern will, in zwei, drei Jahren, wenn das nächste definitive Urteil droht, und man ihn dann als mehr als 80-Jährigen doch noch ins Gefängnis San Vittore schicken möchte. Dann könnte er es noch ein letztes Mal bringen, die ganz große Berlusconi-Nummer des von Richter und Kommunisten Verfolgten. Und dann würden die Italiener es bereuen, sich von ihm abgewandt zu haben und ihm wieder alle zujubeln, wie 1994, als alles losging.

Es wird Zeit, dass ihm irgendjemand einmal die Wahrheit sagt, dass er eine tragische Figur ist, an dem Italien schon längst vorbeigegangen ist. Dessen Zeit zu Ende ist.

Quelle: n-tv.de

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