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Siert Bruins vor dem Landgericht Hagen.
Siert Bruins vor dem Landgericht Hagen.(Foto: dpa)

Prozess gegen Siert Bruins eingestellt: "Bestie von Appingedam" bleibt frei

Von Hubertus Volmer

1944 war Siert Bruins an der Erschießung eines Widerstandskämpfers beteiligt. Bis in die 1970er Jahre galt eine solche Tat in der deutschen Justiz allenfalls als Totschlag. Das ist heute anders. Verurteilt wird der SS-Mann dennoch nicht.

Der Kriegsverbrecherprozess gegen den früheren SS-Mann Siert Bruins ist eingestellt worden. Der heute 92-Jährige war am Landgericht Hagen angeklagt, 1944 an der Ermordung eines niederländischen Widerstandskämpfers beteiligt gewesen zu sein. In der Zeit, die seither vergangen sei, seien Beweise verloren gegangen, begründete Richterin Heike Hartmann-Garschagen ihre Entscheidung.

Bruins alias Bruns verließ das Gericht als freier Mann.
Bruins alias Bruns verließ das Gericht als freier Mann.(Foto: dpa)

Vor allem die Befragung von Zeugen sei weitgehend nicht mehr möglich gewesen, so die Richterin. "Die Kammer hatte nur die Indizien in der Hand, die nach 69 Jahren noch vorlagen." So sei ein Mordmerkmal jedoch nicht mehr feststellbar gewesen. Gegen das Urteil gibt es die Möglichkeit zur Revision beim Bundesgerichtshof. Oberstaatsanwaltschaft Andreas Brendel kündigte an, dies zu erwägen. Der Anwalt der 97 Jahre alten Schwester des Opfers, die im Prozess als Nebenklägerin aufgetreten war, will zunächst seine Mandantin über den Ausgang informieren. Die Urteilsbegründung nannte er "nicht stichhaltig".

Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten eine Verurteilung wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe beantragt. Bruins' Verteidiger argumentierte dagegen, ein strafbares Verbrechen sei dem Angeklagten auf der Basis der vorliegenden Beweise nicht nachgewiesen.

"Ich hörte einen Schuss und habe mich erschrocken"

Siert Bruins hatte sich nach der deutschen Besetzung der Niederlande freiwillig zur "Germanischen SS in den Niederlanden" gemeldet. Unstrittig ist, dass er in der Nacht vom 21. auf den 22. September 1944 an der Ermordung des friesisch-niederländischen Widerstandskämpfers Aldert Klaas Dijkema beteiligt war. Nachdem Dijkema auf einem Bauernhof nahe der Ortschaft Delfzijl festgenommen worden war, erhielten Bruins und sein direkter Vorgesetzter August Neuhäuser den Befehl, Dijkema "beim Fluchtversuch" zu erschießen.

Dies geschah auf einem verlassenen Fabrikgelände an der Straße von Delfzijl ins nahe gelegene Appingedam. Im Juli 2012 schilderte Bruins im NDR, was dort geschah: "Unterwegs blieb das Auto stehen und Neuhäuser sagte: 'Hier müssen wir hin. Dann sind wir ausgestiegen und die Straße entlang gelaufen. Und dann hörte ich auf einmal einen Schuss und habe mich erschrocken. Und der Mann fiel um." In Bruins' Darstellung war demnach Neuhäuser der Täter. Der ist allerdings seit 1985 tot.

Nach dem Krieg war Bruins aus den Niederlanden nach Deutschland geflohen. Als ehemaliges Mitglied der niederländischen Waffen-SS hatte er Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft: 1943 hatte Hitler verfügt, dass alle niederländischen Freiwilligen der Waffen-SS automatisch deutsche Staatsbürger seien.

Sieben Jahre für Beihilfe zum Mord an zwei Juden

In den Niederlanden ist der Fall sehr viel bekannter als in Deutschland. Dort ist Bruins als "die Bestie von Appingedam" bekannt. 1949 wurde er hier in Abwesenheit zum Tode verurteilt, ein Urteil, das später in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Vor einer Auslieferung schützte ihn der Hitler-Erlass von 1943: Artikel 16 des deutschen Grundgesetztes legt fest, dass kein Deutscher "an das Ausland ausgeliefert" werden darf.

In Deutschland lebte Bruins unter dem Namen Siegfried Bruns jahrzehntelang unbehelligt in der Ortschaft Breckerfeld am südlichen Rande des Ruhrgebiets. Dort profitierte er nicht nur von seiner Staatsbürgerschaft, sondern auch von den geringen Ambitionen der deutschen Justiz, NS-Täter zu verfolgen.

Erst Ende der 1970er Jahre wurde Bruins vom Landgericht Hagen angeklagt. Dabei ging es nicht um den Fall Dijkema, sondern um die Ermordung der jüdischen Brüder Mejer und Lazarus Sleutelberg, die im April 1945 erschossen worden waren. Auch an dieser Tat waren Bruins und Neuhäuser beteiligt, auch hier blieb unklar, wer Täter und wer Mittäter war. Anfang 1980 wurden beide wegen Beihilfe zum Mord zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Bruins erhielt sieben Jahre.

Erschießung von Widerstandskämpfern galt 1980 nicht als Mord

Um den Mord an Dijkema ging es damals nur am Rande: Erschießungen von Widerstandskämpfern wurden von der deutschen Justiz zu dieser Zeit noch nicht als Mord gewertet. "Damals war man der Ansicht, dass von Mord keine Rede war, da die Tat nicht heimtückisch gewesen sei", erläuterte Oberstaatsanwalt Brendel. Mit Blick auf Dijkema hätte Bruins nur wegen Totschlags angeklagt werden können. Dies war 1980 allerdings wegen der Verjährungsfrist nicht mehr möglich.

Im Prozess argumentierte Brendel, zwar stehe nicht sicher fest, dass Bruins selbst geschossen habe. Bruins habe den Tod des Widerstandskämpfers aber ebenso wie sein Vorgesetzter gewollt und die Erschießung jedenfalls mit ermöglicht. Damit sei er zumindest Mittäter bei dem Mord gewesen. Dieser Argumentation folgte die Richterin nicht. Ohne Mordmerkmale gilt die Tat allerdings wie schon 1980 als Totschlag und ist damit verjährt.

Die neuerliche Anklage gegen Bruins hatte ein niederländischer Journalist angestoßen, der für das niederländische Fernsehen eine Serie über "die letzten Nazis" drehte. Seine Recherchen führten dazu, dass Brendel Ermittlungen gegen Bruins aufnahm.

Quelle: n-tv.de

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