Politik
Der Castor steht.
Der Castor steht.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 07. November 2010

"Neue Stufe der Gewalt": Castor-Zug bis Montagmorgen blockiert

Gleisbesetzungen, Treckerblockaden, massive Proteste und gewaltsame Ausschreitungen: Die größte Anti-Atom-Bewegung seit Jahrzehnten will die Ankunft der atomaren Fracht in Gorleben verhindern. Der Castor wird am Sonntag mehrfach von Aktivisten gestoppt. Die Polizisten seien am Ende ihrer Kräfte, heißt es.

Der Castor-Transport mit Atommüll ist nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft bis mindestens Montagmorgen lahmgelegt. Die Gleise sind blockiert und vor allem sind die Polizisten am Ende ihrer Kräfte. Der Zug steht in Dahlenburg, rund 30 Kilometer vor dem Verladebahnhof Dannenberg, von wo aus die elf Behälter die letzten Kilometer per Tieflader zurücklegen sollen.

Mehrere tausend Atomkraftgegner besetzen im niedersächsischen Harlingen die Castor-Fahrtstrecke.
Mehrere tausend Atomkraftgegner besetzen im niedersächsischen Harlingen die Castor-Fahrtstrecke.(Foto: dpa)

Der Zug wurde dort mit Stacheldraht eingezäunt, sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Rainer Wendt. Am Montag um 9 Uhr gebe es eine Einsatzbesprechung über das weitere Vorgehen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei bestätigte den Castor-Stopp. Eine offizielle Bestätigung der Polizei gab es zunächst nicht. Ein Sprecher sagte nur, dass es technische Sicherungsmaßnahmen am Zug in Dahlenburg gebe.

Am Ende ihrer Kräfte

"Die Polizei ist absolut am Ende ihrer Kräfte", sagte Wendt. Zuvor hatten Dutzende Polizisten auch über eine fehlende Essensversorgung geklagt, da die mobilen Küchen nicht überall durchkamen. Mittlerweile seien 20.000 Polizisten im Einsatz, sagte Wendt. Es seien bereits 1300 Kräfte nachgefordert worden, bundesweit könnten damit nur noch 1500 Polizisten angefordert werden.

Kompromisslos verfährt die Polizei mit Gleisbesetzern und "Schotterern"
Kompromisslos verfährt die Polizei mit Gleisbesetzern und "Schotterern"(Foto: dpa)

Mit einer Sitzblockade hatten tausende Demonstranten den Castor-Transport über Stunden an der Weiterfahrt zum Verladebahnhof in Dannenberg gehindert. Bei Harlingen im Wendland blockierten rund 2000 Atomkraftgegner die Gleise, wie ein Sprecher des Lagezentrums der Polizei in Lüneburg sagte. Ein Ende der Blockade sei nicht in Sicht. "Die Situation ist friedlich, es werden Gespräche geführt", sagte der Sprecher.

"Wir sind unräumbar"

Ein Sprecher der Initiative "WiderSetzen" dagegen erklärte in einer Pressemitteilung, es seien mehr als 3000 Demonstranten in Harlingen und über 5000 insgesamt an und auf den Schienen: "Die friedliche Sitzblockade überfordert die Polizei, wir sind unräumbar". Der Sprecher der Initiative appellierte an die Polizeiführung, wegen der Dunkelheit und der steilen Abhänge rechts und links des Gleises den Castor an diesem Abend stehen zu lassen: "Jetzt muss die Polizei besonnen bleiben, den Castor zurückfahren lassen".

Krawalle überschatten friedlichen Protest

Tausende Aktivisten hatten den Castor-Transport am Sonntag ins Zwischenlager Gorleben deutlich verzögert. Krawalle überschatteten im niedersächsischen Wendland die friedlich verlaufene Anti-Atom- Demonstration mit bis zu 50.000 Teilnehmern vom Vortag. Die Polizei setzte immer wieder Schlagstöcke, Pfefferspray und auch Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, die auf die Gleise stürmten. Mehrere Menschen wurden verletzt. Der Castor näherte sich nur langsam dem Ziel: Mit fast elf Stunden Verspätung erreichte der Castor schließlich das rund 50 Kilometer entfernte Lüneburg.

Aktivisten hatten sich in Dalle bei Eschede an die Schienen gekettet.
Aktivisten hatten sich in Dalle bei Eschede an die Schienen gekettet.(Foto: dapd)

Von Lüneburg musste der Zug über eine eingleisige Strecke durch teils unwegsames Gelände zur Umladestation Dannenberg weiterfahren. Wegen einer "kleineren Blockade" der Bahngleise musste der Zug am Abend erneut gestoppt werden. Nach Angaben der Castor-Gegner befanden sich im niedersächsischen Ort Dumstorf rund 70 Menschen auf den Gleisen.

Etwa zehn Kilometer vor der Umladestation hätten sich nach Polizeieinschätzung bis zu 2000 Demonstranten versammelt, die Organisatoren sprachen von 5000. Es gebe einzelne Versuche, das Gleisbett durch die Entnahme von Schotter auszuhöhlen, teilte die Polizei mit. Nach eigenen Angaben gingen die Beamten in Harlingen gegen einzelne Demonstranten auf den Gleisen mit Reizgas vor.

Lage ist "aggressiver als erhofft"

"Es beteiligen sich deutlich mehr Menschen, als wir gedacht haben", sagte ein Sprecher des Lagezentrums der Polizei in Lüneburg. Die Gesamtlage vor Ort sei "aggressiver als wir uns das erhofft haben". Über die Zahl der Verletzten konnte die Polizei zunächst nichts sagen. Beide Seiten bezichtigen sich gegenseitig, eine neue Stufe der Eskalation herbeigeführt zu haben. Atomkraftgegner versuchten im Wendland nahe Dannenberg ein gepanzertes Räumfahrzeug der Polizei anzuzünden. Das Feuer wurde aber rasch gelöscht. Bauern blockierten mit ihren Traktoren wichtige Zufahrtstraßen zum Castor-Verladebahnhof Dannenberg. Durch die Traktor-Blockaden sollte ein schnelles Verlegen von Polizeieinheiten verhindert werden.

An der Bahnstrecke bei Leitstade zwischen Lüneburg und Dannenberg wird einen Räumpanzer gelöscht.
An der Bahnstrecke bei Leitstade zwischen Lüneburg und Dannenberg wird einen Räumpanzer gelöscht.(Foto: dpa)

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, sprach mit Blick auf die versuchte Zerstörung eines Räumfahrzeugs von einer "neuen Stufe der Gewalt". Es sei kaum zu begreifen, dass Menschen Polizeifahrzeuge mit brennbarer Flüssigkeit übergössen und anzündeten, während die Beamten darin säßen. "Das muss geplant und vorbereitet worden sein", sagte Freiberg der "Rheinischen Post". Augenzeugen berichteten aber auch, dass die Polizei brutal gegen Demonstranten an den Gleisen vorgegangen sei.

Polizei: Ein anderes Level

Die Polizeiführung verteidigte unterdessen das gewaltsame Einschreiten gegen Castor-Gegner als notwendig. Der Lüneburger Polizeipräsident Friedrich Niehörster sagte: "Dieser Castor- Einsatz hat ein anderes Level als beim vorherigen Transport 2008." Atomkraftgegner hatten den Polizeieinsatz als unverhältnismäßig kritisiert. Die Polizei könne nicht zusehen, wie Atomkraftgegner Schienen verbögen und Steine aus den Gleisen räumten, sagte der Polizeipräsident. Straftaten könnten nicht geduldet werden.

Außerdem seien Einsatzkräfte von Demonstranten attackiert und unter anderem mit Steinen beworfen worden. Es seien auch deutlich mehr Menschen auf die Schienen gelangt, sagte Niehörster. "Aber wir sind überhaupt nicht aufgeregt. Das ist das übliche Spiel, aber mit mehr Menschen und mehr Aggressivität."

Katz-und-Maus-Spiel

Der am Freitag nahe der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gestartete zwölfte Atommüll-Transport mit elf Castor-Behältern für Gorleben erlebte auf seiner Fahrt eine wahre Odyssee. Umleitungen wegen Blockaden, von einer Brücke bei Kassel abgeseilte Greenpeace- Aktivisten und zuletzt drei an Gleise gekettete Atomkraftgegner bei Celle ließen den Zug am Sonntagnachmittag viel später in Lüneburg eintreffen als geplant.

Die Castor-Demonstranten begründen ihren Protest auch mit der Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Atomkraftwerke. Dadurch fällt weiterer Atommüll an. Zum Protest-Auftakt am Samstag hatten in Dannenberg zehntausende Menschen aus ganz Deutschland friedlich auf einem Maisacker gegen die schwarz-gelbe Atompolitik demonstriert - so groß war der Protest im Wendland noch nie. Die Veranstalter sprachen von 50.000, die Polizei zählte rund 25.000 Teilnehmer.

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Quelle: n-tv.de

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