Politik
In Venezuela geht es bei den Parlamentswahlen um eine Richtungsentscheidung: Das Vermächtnis von Hugo Chávez steht auf dem Spiel.
In Venezuela geht es bei den Parlamentswahlen um eine Richtungsentscheidung: Das Vermächtnis von Hugo Chávez steht auf dem Spiel.(Foto: AP)

Wahlen in Venezuela: Chávez' Erben zittern um die Macht

Nach sechzehn Jahren Sozialismus ist Venezuela ein tief gespaltenes Land. Der Schatten von Hugo Chávez schwebt über den Wahlen, auch Jahre nach seinem Tod. Das Land kämpft mit massiver Inflation - nach dem Mord an einem Oppositionspolitiker ist die Lage äußerst angespannt.

Bei der Einfahrt nach Caracas prangt an einem Hochhaus ein unübersehbares Banner: "Am 6. Dezember gewinnt Chávez." Der Begründer der bolivarischen Revolution, Hugo Chávez, steht bei der Parlamentswahl in Venezuela aber gar nicht zur Wahl - er starb 2013.

Im Wahlkampf war sein Konterfei auf den Bannern der Sozialistischen Partei omnipräsent - denn es geht dieser Tage in Venezuela um sein Vermächtnis, um eine Richtungsentscheidung. "Socialismo o muerte", rief Kubas Revolutionsführer Fidel Castro gerne seinen Anhängern zu. Ganz so dramatisch ist es in Venezuela noch nicht, aber Chávez' Nachfolger Nicolás Maduro spricht vom "Abgrund", in den das Land stürzen werde, sollte der von Chávez eingeschlagene Weg einer Politik für ärmere Schichten gestoppt werden.

Seine Warnung: Das könnte der Fall sein, wenn die im Bündnis "Mesa de Unidad Democrática" vereinte Opposition gewinnt. Erste Ergebnisse werden erst für Montagmorgen (MEZ) erwartet. Die Lage ist angespannt, besonders nachdem der Oppositionspolitiker Luis Manuel Díaz (Acción Democrática) im Wahlkampf erschossen wurde und Leopoldo López (Voluntad Popular) wegen Gewalt nach von ihm initiierten Demonstrationen zu fast 14 Jahren Haft verurteilt wurde. Bekanntestes Gesicht der Opposition ist Enríque Capriles. "Wenn Maduro sich radikalisiert, wird er damit nur seinen Abgang beschleunigen", warnt Capriles vor undemokratischen Abenteuern.

Währung massiv entwertet

Die Venezolaner blicken mit Bangen auf die Tage nach der Wahl. Beide Seiten hatten sie zu einem Plebiszit überhöht. Vor der Wahl ließen sich die Sozialisten nicht lumpen. Laut "El Tiempo" wurden 3380 neue Taxis bereitgestellt, 37.643 Computer verteilt und 1192 Apartments übergeben. Eigentlich wissen aber alle, die Zukunft muss anders aussehen als die Gegenwart, die von großer Unsicherheit, Misswirtschaft, Geldentwertung gekennzeichnet ist.

An den Eingängen zu Cafés: Rote Warnschilder mit durchgestrichenen Pistolen: Waffen müssen draußen bleiben. Abgeriegelte Viertel, Angst vor Motorradbanden und Schießereien.
"Una locura", "Es ist verrückt", sagt Ricardo Vieira. Zu ihm kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse. Der Geldwechsler gibt einen Kurs von 750 Bolivar für einen Dollar. Der offizielle Regierungskurs lautet: 1:6,3 Bolivar. "Kaum ein Unternehmer exportiert noch was", sagt Vieira. "Denn die mit Dollar bezahlten Rechnungen laufen über die Zentralbank." Und die verrechne dann die an die Unternehmer fälligen Beträge mit dem 1:6,3-Kurs.

Touristen sollten ein Zahlen mit Kreditkarte vermeiden, sonst kann ein Essen für 1500 Bolivar statt zwei auch über 200 Dollar kosten, abgerechnet wird ein offizieller Kurs. Weil es kaum noch Devisen gibt und die Inflation im dreistelligen Bereich liegt, sind Dollars so gefragt und der Schwarzmarkt-Kurs so hoch. Das Rattern der Geldmaschinen ist so etwas wie der Alltagssound von Caracas. In Hotels in Caracas kommen Gäste mit einer Tüte, wenn 60.000 Bolivar (80 Dollar) zu zahlen sind - macht 600 Scheine.

"Kuba ist nicht so schlimm wie hier"

Die ärmeren Schichten trifft die hohe Inflation am stärksten im Tagestakt ziehen die Preise an. Der Mindestlohn im Monat liegt bei knapp 10.000 Bolivar, das sind derzeit nur noch 13 Dollar. Im Alltag ist die Krise omnipräsent, auch im Mittelschicht-Viertel Baruta in Caracas. Die Bewohner werfen der Regierung vor, sie systematisch bei der Wasserversorgung zu benachteiligen. Mal fließt es tagelang gar nicht, dann kommt es braun aus dem Hahn. "Vor Chávez gab es einen verlässlichen Service", meint Lizzett Hauer. Und Margerita Ramírez (65) klagt: "In Kuba ist es nicht so schlimm wie hier."

Luis Maita hat einen Beutel voll mit schwarzem Dreck mitgebracht. "Habe ich heute aus meiner Leitung gekratzt." Und dann ist da der Mangel an Lebensmitteln. Die Endnummer auf dem Ausweis entscheidet, wann im Supermarkt Grundnahrungsmittel wie Reis, Hühnchen und Eier gekauft werden dürfen. Schlangestehen ist Alltag. Aber oft gibt es die Sachen nicht mehr.

Aber egal wie tief die Krise noch werden mag, keinen Mangel gibt es an Benzin. Im Land mit den noch vor Saudi-Arabien größten Ölreserven kosten 25 Liter 2,50 Bolivar - 0,3 Euro-Cent. Ein Taxifahrer zeigt nach dem Tanken auf eine Wasserflasche: "Hat 100 Bolivar gekostet, 40 Mal so viel." Weil es aber nicht genug Raffinerien gibt, muss Venezuela sogar Benzin für viel Geld importieren. Ein weiteres Mosaiksteinchen zu einer Krise, die das Land zu zerreißen droht.

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Quelle: n-tv.de

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