Politik
Kermani berührte seine Zuhörer.
Kermani berührte seine Zuhörer.(Foto: dpa)

Tränen im Bundestag: "Danke, Deutschland"

Von Hubertus Volmer

Als Festredner bei der Feierstunde zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes spricht der Schriftsteller Navid Kermani über seine Liebe zu Deutschland. Am Ende ist Volker Kauder ein bisschen verärgert. Peer Steinbrück hat Tränen in den Augen.

Stehender Applaus für eine bewegende Rede.
Stehender Applaus für eine bewegende Rede.(Foto: dpa)

Was für eine Rede. Als Navid Kermani fertig ist, kämpft Peer Steinbrück mit den Tränen. Besser, angemessener kann man unmöglich auf diese Rede reagieren. Der Schriftsteller, Muslim und Orientalist Navid Kermani hatte zuvor im Bundestag die zentrale Ansprache bei der Feierstunde zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes gehalten. Und dabei das Grundgesetz und die Bundesrepublik in so hohen Tönen gelobt, dass einige Abgeordnete der Linkspartei gelegentlich Schwierigkeiten zu haben schienen, die Hände zum Applaus zusammenzuführen.

Auch für die andere Seite des Parlaments hat Kermani Botschaften, die dort nur mäßig gut ankommen. Die Reform des Artikel 16 Anfang der neunziger Jahre nennt er eine nicht nur sprachliche Entstellung - dieser Artikel regelt das Asylrecht. "Ein wundervoll bündiger Satz - 'Politisch Verfolgte genießen Asylrecht' - geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat." Unionsfraktionschef Volker Kauder lobt die Rede später zwar, merkt aber leicht missmutig an, Deutschland sei das Land, das am meisten Asylbewerber in ganz Europa aufnimmt.

Mehr Widerspruch kommt an diesem Tag nicht. Dabei hält Kermanis Rede für Konservative durchaus zahlreiche Zumutungen bereit, obwohl er über seine Liebe zu Deutschland spricht - zu einer Nation, "die über ihre Geschichte verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und hadert, zugleich am eigenen Versagen gereift ist, die nie mehr den Prunk benötigt, ihre Verfassung bescheiden Grundgesetz nennt und dem Fremden lieber eine Spur zu freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen".

Tränen des Stolzes

Kermani beschreibt den Kniefall von Warschau als das zentrale Ereignis, das die deutsche Identität zum Ausdruck bringe. Er neige vor Bildschirmen nicht zur Sentimentalität, doch könne er sich diese Geste von Bundeskanzler Willy Brandt nicht anschauen, ohne dass ihm Tränen in die Augen schießen. Dies seien Tränen der Rührung, aber auch Tränen des Stolzes. Denn Brandt habe mit seinem Kniefall nicht nur Scham zum Ausdruck gebracht, sondern auch Ehre, und wer sich heute diese Geste anschaue, der müsse einerseits an die deutsche Schuld denken, dürfe andererseits aber auch stolz sein.

Scham und Ehre, Schuld und Stolz - für Kermani ist es kein Problem, diese Widersprüche zusammenzubringen. Er wendet sich gegen die Forderung nach einem "normalen" und "unverkrampften" Verhältnis zu Deutschland. Eine solche Normalität habe es auch vor der Zeit des Nationalsozialismus nicht gegeben, es habe schon im 19. Jahrhundert einen übersteigerten, aggressiven Nationalismus in Deutschland gegeben. Einerseits.

Andererseits setzten sich Schriftsteller und Philosophen genau dagegen zur Wehr: "Goethe und Schiller, Kant und Schopenhauer, Hölderlin und Büchner, Heine und Nietzsche, Hesse und die Gebrüder Mann - sie alle haben mit Deutschland gehadert, haben sich als Weltbürger gesehen und an die europäische Einung geglaubt, lange bevor die Politik das Projekt entdeckte."

Das ist es, was Kermani an Deutschland liebt. Und was er an dem Land vermisst, dessen Pass er ebenfalls besitzt. Er wendet sich direkt an den iranischen Botschafter, der auf der Ehrentribüne sitzt: "Es wird keine 65 Jahre und nicht einmal 15 Jahre dauern, bis auch in Iran ein Christ, ein Jude, ein Zoroastrier oder ein Bahai wie selbstverständlich die Festrede in einem frei gewählten Parlament hält."

Gastarbeiter, die keine Gäste mehr sind

Am Schluss seiner Rede treibt Kermani den deutschen Widerspruch auf die Spitze. Er kündigt einen Dank an - jedoch nicht im Namen des Asylbewerbers Djamaa Isu, der sich vor einem Jahr in einem Erstaufnahmelager erhängte, weil er in ein "Drittland" abgeschoben werden sollte, nicht im Namen der Opfer der Terrorgruppe NSU, nicht im Namen der jüdischen Einwanderer nach Deutschland, die den Holocaust nie für bewältigt halten können. Aber "im Namen der Gastarbeiter, die längst keine Gäste mehr sind", will er sprechen, "im Namen ihrer Kinder und Kindeskinder, die wie selbstverständlich mit zwei Kulturen und endlich auch zwei Pässen aufwachsen, im Namen meiner Schriftstellerkollegen, denen die deutsche Sprache ebenfalls ein Geschenk ist, im Namen der Fußballer, die in Brasilien alles für Deutschland geben werden, auch wenn sie die Nationalhymne nicht singen, im Namen auch der weniger Erfolgreichen, der Hilfsbedürftigen und sogar der Straffälligen, die gleichwohl genauso zu Deutschland gehören, im Namen zumal der Muslime, die in Deutschland Rechte genießen, die zu unserer Beschämung Christen in vielen islamischen Ländern heute verwehrt sind, im Namen also auch meiner Eltern und einer inzwischen sechsundzwanzigköpfigen Einwandererfamilie" - in deren Namen sagt er: "Danke, Deutschland."

Am Ende dieses Tages wird vermutlich viel von der Kritik von Bundestagspräsident Norbert Lammert am Bundesverfassungsgericht die Rede sein; er hatte das Gericht zu Beginn der Feierstunde einen "Glücksfall" genannt und hinzugefügt, man müsse "nicht mit jeder Entscheidung glücklich sein". Auch diese Debatte über das Verhältnis von Bundestag und höchstem Gericht ist zweifellos wichtig. Bleiben jedoch wird die Rede von Navid Kermani.

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Quelle: n-tv.de

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