Politik

Zum Tod von Peter Struck: Das nette Raubein

Von Christian Rothenberg

Glatze, Schnauzbart und die Pfeife im Mund waren seine Markenzeichen. 29 Jahre saß er im Bundestag. Als Verteidigungsminister sang er vor seinen Soldaten den "Jailhouse Rock". Im Alter von 69 Jahren stirbt der SPD-Politiker Peter Struck an einem Herzinfarkt.

Unterwegs mit den Kameraden: Struck im Bundeswehr-Transporthubschrauber CH 53.
Unterwegs mit den Kameraden: Struck im Bundeswehr-Transporthubschrauber CH 53.(Foto: dpa)

Peter Struck ist anders als viele seiner Kollegen, aber eine goldene Regel des  Politikbetriebs gilt auch für ihn: Seine große Stunde schlägt, als die eines anderen endet. Rudolf Scharping stolpert im Sommer 2002 über private "Planschfotos". Während die Bundeswehr vor einem Einsatz in Mazedonien steht, lässt sich der Bundesverteidigungsminister für die "Bunte" mit seiner Lebensgefährtin auf Mallorca im Swimming Pool ablichten. Bundeskanzler Gerhard Schröder reicht's endgültig. Er nutzt die Gelegenheit, den ungeliebten Parteifreund loszuwerden. Ein Platz wird frei, also muss einer nachrutschen – der heißt Struck.

Der passionierte Pfeifenraucher ist 2002 längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Struck, der aus Göttingen kommt und 1963 der SPD beitritt, wird in der alten Bundesrepublik sozialisiert. Seit 1980 sitzt er im Bundestag. Kaum ist der promovierte Jurist richtig in Bonn angekommen, erlebt er die Wachablösung. Im Oktober 1982 stürzt Helmut Schmidt über ein konstruktives Misstrauensvotum und die sozialliberale Koalition bricht auseinander. Struck muss noch warten, bis er gebraucht wird. Dass er dafür noch 16 Jahre die Oppositionsbänke drücken muss, weiß er da noch nicht.

1985 sind Peter Struck und Otto Schily noch keine Parteikollegen, Schily ist damals noch bei den Grünen.
1985 sind Peter Struck und Otto Schily noch keine Parteikollegen, Schily ist damals noch bei den Grünen.(Foto: dpa)

Als die Ära Kohl endet, hat sich Deutschland verändert.  Die  Wiedervereinigung, die neuen Bundesländer, der Umzug des Bundestags nach Berlin: Struck ist längst in die erste Reihe der Sozialdemokraten vorgerückt, als sich die erste rot-grüne Bundesregierung der deutschen Nachkriegsgeschichte 1998 formiert. Aber sein Warten wird noch nicht belohnt. Gerne wäre Struck Kanzleramtschef geworden. Doch Gerhard Schröder entscheidet sich für Bodo Hombach, Struck wird Fraktionschef. Schnell gilt er als Zuchtmeister von Rot-Grün.

Minister am Lagerfeuer

Scharping ist der sechste Minister, den Schröder in den ersten vier Jahren  ersetzen muss. Als der Kanzler im Juli 2002 einen neuen Verteidigungsminister sucht, braucht er einen Mann, auf den er sich absolut verlassen kann. Struck, der selbst nicht gedient hat, ist zunächst nur eine Übergangslösung. Anfangs plant Schröder, den Posten nach der Bundestagswahl wenige Monate später neu zu besetzen.

Struck war großer Befürworter der Wehrpflicht.
Struck war großer Befürworter der Wehrpflicht.(Foto: dapd)

Doch dazu kommt es nicht. Der Parteisoldat findet schnell Gefallen an dem  zunächst ungeliebten Amt. Schnell knüpft Struck einen engen Draht zu den Soldaten. Bei seinen Besuchen sitzt er mit ihnen am Lagerfeuer und raucht Pfeife. Der Kumpeltyp kommt an bei den Männern in Camouflage. Im Kosovo schnappt er sich einmal Hut und Sonnenbrille und singt vor den Soldaten mit einer "Blues Brothers"-Band den "Jailhouse Rock".

Auch politisch verschafft sich der neue Minister schnell Ansehen und Respekt. Leidenschaftlich kämpft Struck für den Erhalt der Wehrpflicht. Mit dem Satz "Die Sicherheit der Bundesrepublik wird auch am Hindukusch verteidigt", rechtfertigt er den Afghanistan-Einsatz der Bundesregierung. Doch nach dreieinhalb Jahre endet seine Mission. Rot-Grün wird abgewählt und Struck, dieser knorrige Typ von nebenan, verliert das Ressort, das er so ins Herz geschlossen hat. Die SPD regiert zwar weiterhin mit – in einer Großen Koalition – aber das Verteidigungsministerium verlieren die Genossen an die Union.

"Sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht"

Struck tauschte den edlen Zwirn jederzeit gern gegen die Ledermontur.
Struck tauschte den edlen Zwirn jederzeit gern gegen die Ledermontur.(Foto: dpa)

Der inzwischen 62-Jährige kehrt an die Spitze der Fraktion zurück. Es ist eine schwierige Zeit, in der sich Struck als Krisenmanager profiliert. Die Bankenkrise macht auch vor Deutschland nicht Halt. Schnelle Entscheidungen sind gefragt. Doch so sehr seine eigene Partei auch streitet, am Ende steht sie geschlossen hinter ihm. Die meisten SPD-Parlamentarier vertrauen Struck und schätzen seine Geradlinigkeit.

Als er vor der hessischen Landtagswahl 2007 den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch scharf attackiert, fordert die CDU eine Entschuldigung. Doch Struck erwidert nur knapp: "Die kann mich mal." Keinen Hehl machte er auch aus seiner Abneigung gegenüber Angela Merkel. "Sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht", sagt er mal in einem Interview. Doch in der Zweck-Ehe mit dem politischen Partner handelt Struck die großen Kompromisse aus. Mit dem Fraktionschef Volker Kauder verbindet ihn seit dieser Zeit eine persönliche Freundschaft.

In seinem selbst gewählten Ruhestand nach der Bundestagswahl 2009 hatte der Mann mit Glatze und Schnauzbart Zeit für seine Hobbys: Pfeifenrauchen und Motorradfahren. Doch so ganz ablassen konnte Struck auch nicht: Erst am Montag war der 69-Jährige für zwei weitere Jahre zum Vorsitzenden der Friedrich Ebert-Stiftung gewählt worden.

Das nächste Projekt hieß eigentlich 70. Geburtstag. Die Einladungen sollten in den nächsten Tagen herausgehen. Auf der geplanten Feier im Januar wollte auch Gerhard Schröder sprechen. Doch nach einem schweren Herzinfarkt wurde Struck plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert. Fünf Tage vor Heiligabend starb er.

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Quelle: n-tv.de

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