Politik
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Samstag, 11. September 2010

Kein Kampf der Kulturen: "Der Islam gibt uns ernsthaft zu denken"

Das Bekämpfen des Islam durch Christen ist "für heutige Zeiten eine totale geistige Verirrung", sagt der Theologe Hans Zirker. Weder unter Christen noch unter Muslimen sei es allgemeine Überzeugung, dass man die Wahrheit nur bei sich selbst finden könne und sie anderen absprechen müsse. "Wer im Koran nur den Stellen nachspürt, die ihn erschrecken, der müsste wenigstens sehen, dass wir solche Stellen auch in der Bibel finden können", so Zirker.

n-tv.de: Warum sind Koran-Verbrennungen für Muslime so schlimm?

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Hans Zirker: Vielleicht haben wir weithin das Gespür für die Bedeutung religiöser Texte verloren. Wenn die Bibel irgendwo auf der Welt ähnlich demonstrativ verbrannt würde, wie dieser Pastor aus Florida das für den Koran angekündigt hatte, dann müssten Christen ähnlich betroffen reagieren, wenn sie es auch hoffentlich nicht so aggressiv tun würden, wie es von einigen extremen muslimischen Gruppen befürchtet werden muss. Das Verbrennen von Büchern ist schon allgemein eine üble Sache mit einer langen Geschichte - für uns besonders in Erinnerung an die der Nationalsozialisten 1933. Beim Koran kommt hinzu, dass Muslime ihn als Gottes Wort verehren. Dieses Wort zu verbrennen ist eine Sache, die Muslime sehr verletzen und empören muss - auch diejenigen, die nur mit Bestürzung und Trauer reagieren würden, nicht mit Aggression.

Totale geistige Verirrung: Pastor Jones.
Totale geistige Verirrung: Pastor Jones.(Foto: AP)

Pastor Terry Jones propagiert den Slogan "Der Islam ist des Teufels". Können Sie sich erklären, warum ein christlicher Prediger eine andere Religion so massiv abwertet und bekämpft?

In der Geschichte des Christentums, vom Mittelalter her, gab es derartige Ablehnungen häufig und massiv. Im Blick auf die damaligen Frontstellungen ist das nachvollziehbar, aber für heutige Zeiten eine totale geistige Verirrung. Fast alle Christen werden eine Verbrennung des Koran für eine abscheuliche Tat halten. Im Übrigen ist nicht der für sich völlig unbedeutende und geistlich abwegige Pastor das Erhebliche, sondern die Symptomatik dieses Vorgangs. Die ganze islamische Welt würde wahrnehmen: Da verbrennen Christen unseren Koran. Sehr viele Muslime würden das als Zeichen für eine christlich-muslimische Konfrontation deuten. Es geht also nicht um den bedeutungslosen Pastor, sondern um den fatalen Symbolgehalt.

Die angekündigte Koran-Verbrennung schlug weltweit Wellen, US-Präsident Obama hat sich eingeschaltet, in Deutschland äußerte sich Bundeskanzlerin Merkel, die Kirchen verurteilten das Vorhaben. Zeigt die allgemeine Aufregung nicht, dass das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt zerstört ist?

Das kann man nicht sagen. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen ist etwa hier in der Bundesrepublik und auch anderswo sicher nicht zerstört. Natürlich: Es gibt Belastungen, es gibt Schwierigkeiten, aber diese machen nicht das ganze christlich-muslimische Verhältnis aus, weder im privaten noch im öffentlichen Bereich. Es gibt nicht nur zahlreiche persönliche Freundschaften zwischen Christen und Muslimen, sondern auch vielfältige Kontakte zwischen Kirchen und Moschen, zwischen christlichen und muslimischen Theologen mit dem Ziel, einander besser zu verstehen, verständnisvoller miteinander zu leben.

Ist es nicht schwierig für Theologen, Respekt vor den heiligen Texten anderer Religionen zu haben? Zur Religion gehört doch immer auch der Anspruch, nur man selbst glaube an den wahren Gott. Das beinhaltet doch geradezu zwangsläufig eine Abwertung des anderen.

Diese Annahme trifft nicht zu. Es ist keineswegs allgemeine Überzeugung, weder christlich noch muslimisch, dass man die Wahrheit nur bei sich selbst finden könne und sie anderen absprechen müsse. Zu fragen, welche Wahrheit, welche Tragfähigkeit, welche Hoffnung in der jeweils anderen Religion anerkennenswert ist, hat in den Theologien beider Religionen eine weit zurückreichende Geschichte, trotz aller wechselseitigen Verwerfungen, und es gibt auf diese Frage in beiden Religionen, bei Muslimen wie bei Christen, auch sehr differenzierte und respektable Antworten. Das heilige Buch der Anderen zu schätzen, ist nicht verwehrt. Wer im Koran nur den Stellen nachspürt, die ihn erschrecken, der müsste wenigstens sehen, dass wir solche Stellen auch in der Bibel finden können, und nicht nur in dem Teil, den die Christen "Altes Testament" nennen. Entscheidend sind nicht schon die Bücher Koran und Bibel, sondern wie ihre Leser, ihre Gläubigen sie aufnehmen und umsetzen.

Der katholische Theologe Hans Zirker lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 an der Universität Duisburg-Essen. Einer seiner Schwerpunkte ist der Islam. 2010 erschien eine überarbeitete 3. Auflage seiner Koran-Übersetzung.
Der katholische Theologe Hans Zirker lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 an der Universität Duisburg-Essen. Einer seiner Schwerpunkte ist der Islam. 2010 erschien eine überarbeitete 3. Auflage seiner Koran-Übersetzung.

Was schätzen Sie am Islam?

Ich sehe den Islam als eine Religion, in der sehr viele Menschen eine zuversichtliche Orientierung ihres Lebens gewinnen, alltägliche Gemeinschaft, sittliche Verantwortung, ein tiefes Vertrauen auf Gott. Dabei nehme ich wahr, wie vieles Muslime und Christen in ihrem Glauben gemeinsam haben. Gewiss liegen auch Unterschiede und Gegensätze auf der Hand; aber diese kann man nicht nur dem Islam als Übel anlasten. Von Anfang an sind die Missverständnisse und Zerwürfnisse wechselseitig. Von Anfang an ist es den Christen nicht gelungen, ihren Glauben so ansprechend und überzeugend zu vermitteln, dass er allgemein Zustimmung erhalten hätte. Ich schätze am Islam also auch, dass er uns Christen einen Spiegel vorhält und uns ernsthaft zu denken gibt.

Mit Hans Zirker sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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