Politik
Steinbrück (M.) und die anderen zwei der Troika: Frank-Walter Steinmeier (l.) und Parteichef Sigmar Gabriel.
Steinbrück (M.) und die anderen zwei der Troika: Frank-Walter Steinmeier (l.) und Parteichef Sigmar Gabriel.(Foto: dpa)

Wie Steinbrück die Partei versöhnt: Der Kandidat wagt den Drahtseilakt

Von Christian Rothenberg, Hannover

Auf die Sturzgeburt folgt der Befreiungsschlag: Der Sieger des SPD-Parteitags heißt Peer Steinbrück. Der Kanzlerkandidat präsentiert sich in Hannover als treuer Sozialdemokrat und ungewohnt persönlich. Damit erobert er die Herzen der Genossen. Doch jetzt wird‘s wirklich ernst.

"Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorshow". Musik von den Toten Hosen dringt aus den Boxen, die Messe-Halle in Hannover füllt sich langsam. Die in warme Rottöne getauchten Wände zeigen Motive der Republik: Blühende Landschaften, Berge, Wiesen, Wälder. Schönes Deutschland auf dem Papier. Um viertel nach Elf betreten die Parteispitzen die Halle, vorweg die Troika. Ein triumphaler Einzug sieht anders aus. Unter zaghaftem Applaus bewegen sich Steinbrück, bisher noch designierter Kanzlerkandidat, Gabriel & Co. eher vorsichtig geduckt statt selbstbewusst und stolz nach vorn.

Doch so nervös der Beginn auch ist: Dieser 9. Dezember in Hannover endet nicht in einer Horrorshow für die SPD. Zwei Stunden später streckt Peer Steinbrück die zu einer Höhle geformten Fäuste in die Höhe wie einst Gerhard Schröder. Standing Ovations für einen, der wie er selbst sagt, über Steine gehen musste in den letzten Wochen. Und auch als Steinbrück schon gar keine Gesten mehr einfallen, da klatschen sie noch im weiten ovalen Rund. Immer wieder schickt der Parteivorstand "den Peer" zurück aufs Podium. Peer Steinbrück wirkt plötzlich viel unsicherer als sonst. Die Partei und er: versöhnt. Das ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Wer hätte daran noch geglaubt?

Eine Dreiviertelstunde später ist das sozialdemokratische Glück perfekt. Steinbrück erhält nicht nur elf Minuten Applaus, die Delegierten wählen ihn zudem mit 93,5 Prozent zu ihrem Kanzlerkandidaten. Nur 31 stimmen am Ende gegen ihn. Der leidigen Debatte um seine Nebeneinkünfte zum Trotz: Abstrafen sieht anders aus. Besser konnte der Tag für Steinbrück kaum laufen.

Liebeserklärung an sozialdemokratische Wurzeln

Auf die Sturzgeburt seiner Kandidatur folgte die endlose Debatte um seine Vortragshonorare. Doch in einem konnte Steinbrück in den vergangenen Wochen stets sicher sein: Selbst Parteilinke und Jusos, sonst seine größten Kritiker, hielten zu ihm. Sie bewiesen, dass Solidarität nicht nur eine Tugend ist. Steinbrück weiß, was er den Genossen zugemutet hat. In seiner Rede sagt er "Danke". Das kommt an. Doch nicht nur das.

Steinbrück zeigt sich persönlich, da tritt sogar seine Frau auf.
Steinbrück zeigt sich persönlich, da tritt sogar seine Frau auf.(Foto: REUTERS)

In seiner mehr als eineinhalbstündigen Rede markiert Steinbrück nicht den unnahbaren Finanzfachmann, den kühlen Technokraten. Steinbrück packt die Delegierten in Hannover an ihrem empfindsamsten Punkt. Sein Vortrag ist eine Liebeserklärung an die sozialdemokratischen Wurzeln. Eine Erinnerung an die großen Sozialdemokraten, an Ferdinand Lassalle, Friedrich Ebert, August Bebel, Willy Brandt und Helmut Schmidt. "Ja, ich bin stolz ein deutscher Sozialdemokrat zu sein", sagt er, der sich zu Freiheit und Demokratie, Solidarität und Gerechtigkeit verpflichtet sieht. Politik unterliege dem Zeitenwechsel, aber die alten Werte seien immer das Leitmotiv. Kitschig sozialdemokratischer geht’s nicht, aber der 65-Jährige trifft den Ton.

Steinbrück macht einen großen Schritt zu auf die Partei. Er umgarnt sie. Aus purem Eigennutz, weil er sie braucht. Aber auch weil sie ihn brauchen. Eine zweifelnde und mit sich selbst hadernde Partei schafft es nicht ins Kanzleramt. Nur muss dazu irgendwer den verunsicherten Genossen wieder Selbstbewusstsein einhauchen. Das gelingt Steinbrück.

Briefe des Großvaters

Mit überraschenden Gesten: Symbolisch bittet er Andrea Nahles, die bis vor kurzem nicht gerade als seine engste Verbündete galt, um Verzeihung. "Es gibt sogar in der Politik die beglückende Erfahrung, dass Menschen zueinander finden können, bei denen man es nicht erwartet", sagt er ungewohnt versöhnlich. Es fällt auf, wie oft er die Bedeutung von Frauenrechten und Gleichberechtigung betont. Punkten kann Steinbrück auch mit persönlichen Passagen. So zitiert er aus Briefen seiner Großväter, von seiner Mutter, seinem Studentenleben und seinem Weg zur SPD.

Die Partei hat sich in Hannover nicht aller ihrer Probleme entledigen können. Inhaltlich stellt die SPD erst auf einem Sonderparteitag im April die Weichen für die Wahl. In Umfragen steht sie immer noch konstant bei deutlich unter 30 Prozent. Doch Steinbrück hat seiner Partei wieder Hoffnung gegeben. Auf Neuanfang und Aufbruch.

"Für sein Tun und Unterlassen trägt jeder die Verantwortung, für sich selbst und für die anderen", sagt Steinbrück. Spätestens jetzt gilt das auch für ihn selbst. Denn an seinen Worten beim Parteitag werden ihn die Genossen noch lange messen. Die schwerste Aufgaben liegt jedoch noch vor ihm: Es muss, innerhalb eines Jahres bei Millionen Deutschen denselben Ton treffen wie vor den Parteikollegen in Hannover. Die Manege ist eröffnet. Der Trapezkünstler Steinbrück ist am Zug.

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Quelle: n-tv.de

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