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"Deutschland will nicht als Oberlehrer auftreten, Deutschland will konkret helfen", sagt Michael Roth.
"Deutschland will nicht als Oberlehrer auftreten, Deutschland will konkret helfen", sagt Michael Roth.(Foto: picture alliance / dpa)

Auswärtiges Amt lehnt Reparationen ab: "Deutschland steht zu seiner Schuld"

Der Ton zwischen den Finanzministerien in Berlin und Athen wird rauer. Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, arbeitet daran, dass die Beziehungen dennoch stabil bleiben. Nur in der Frage der Reparationen will er nicht mit sich reden lassen.

n-tv.de: Um die Schuldenkrise in Griechenland kümmert sich hauptsächlich das Finanzministerium. Was tut das Auswärtige Amt derzeit für die Beziehungen zu Athen?

Michael Roth: Wir wissen, wie wichtig ein hohes Maß an Geschlossenheit in der Europäischen Union ist. Wir sind an vertrauensvollen und verlässlichen Beziehungen, gerade zu Griechenland, interessiert. Und daran arbeiten wir jeden Tag mit Hochdruck.

Was ist Ihre persönliche Aufgabe dabei?

Staatsminister Michael Roth ist im Auswärtigen Amt für EU-Fragen zuständig.
Staatsminister Michael Roth ist im Auswärtigen Amt für EU-Fragen zuständig.(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt kein Land, das ich seit meinem Amtsantritt so häufig besucht habe wie Griechenland. Ich war auch unmittelbar nach dem Regierungswechsel dort und werde demnächst wieder hinfahren. Mir liegt daran, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Wir sollten häufiger miteinander und weniger übereinander reden.

Was ist Ihre Mission in Griechenland? Erinnern auch Sie dort an die Sparauflagen?

Wir haben vor allem ein großes Interesse an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der griechischen Regierung. Derzeit arbeiten wir an einer Reihe von Projekten: am deutsch-griechischen Jugendwerk, am Zukunftsfonds, der sich der schwierigen gemeinsamen Vergangenheit stellen soll und an Kooperationen zwischen Ministerien in den Bereichen Verwaltung, Gesundheit und Erneuerbaren Energien. Ich wünsche mir, dass wir diese Zusammenarbeit fortsetzen und ausbauen. Den jungen Leuten, die in Griechenland einen Job und eine Perspektive suchen, wollen wir deutlich machen: Wir lassen euch nicht allein, wir stehen an eurer Seite.

Das klingt nach Krisenmaßnahmen. Gefühlt waren die Beziehungen zwischen zwei EU-Staaten selten so schlecht wie die aktuellen zwischen Deutschland und Griechenland. Sehen Sie das auch so?

Gute Beziehungen sind für unsere Länder eine wesentliche Voraussetzung, um die anstehenden Probleme zu lösen. Wenn wir uns alle ein bisschen zusammenreißen, dürfte das auch klappen. Wir blicken ja auf eine bewegte gemeinsame Vergangenheit zurück. Viele sogenannte "Gastarbeiter" haben uns in Deutschland bereichert und wirtschaftlich stark gemacht, Exilanten fanden während der griechischen Militärdiktatur in Deutschland Aufnahme. Es gibt Hunderttausende von engen menschlichen Beziehungen. Wir sollten daran arbeiten, dass diese Bande gestärkt und nicht geschwächt werden.

Trotz dieser Bande ist der Ton rau. Wolfgang Schäuble lästert öffentlich über seinen griechischen Kollegen Yanis Varoufakis, nennt ihn naiv. Athen beschwert sich in Berlin deswegen. Ist das deutsche Finanzministerium zu undiplomatisch?

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Wir sollten mehr über die kommenden Aufgaben, die vor uns liegen, diskutieren als über zurückliegende Äußerungen.

Welche Fehler hat Deutschland gemacht?

Ich möchte weniger über Fehler reden. Das haben wir in den vergangenen Wochen doch wirklich genug getan. Ich möchte jetzt schauen, wo unsere Unterstützung gebraucht wird. Und da haben wir eine Menge in der Pipeline. Es gibt genug zu tun, um die wirtschaftliche und die soziale Lage in Griechenland zu verbessern. Deutschland will da nicht als Oberlehrer auftreten, Deutschland will konkret helfen.

Haben auch die Medien Fehler gemacht?

Manches, was ich in den vergangenen Wochen in griechischen und in deutschen Medien über den jeweiligen Partner lesen musste, hat mich fassungslos gemacht. Wir sollten nicht in Stereotypen und Klischees denken, sondern respektvoll miteinander umgehen. Da tragen wir alle Verantwortung, sowohl Politikerinnen und Politiker als auch Medien.

Auch Finanzpolitiker der SPD betonen, dass Deutschland keine griechischen Wahlversprechen bezahlen kann.

Das gilt für alle Länder in der Europäischen Union. So wie die griechische Regierung  auf ein klares Wählervotum in ihrem Land verweist, müssen auch in den 18 anderen Euro-Staaten die gewählten Politikerinnen und Politiker ihre Bevölkerung mitnehmen. Solidarität ist keine Einbahnstraße.

Griechenland fordert nun einen Zwangskredit aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Ist das berechtigt?

Die Frage der Reparationen ist für uns politisch und juristisch abgeschlossen. Aber Deutschland steht zu seiner historischen Schuld und auch zu seiner Verantwortung. Die Nazis haben furchtbare Verbrechen in Griechenland begangen. Und diese Verbrechen sind noch nicht vollständig aufgearbeitet. Der Zukunftsfonds, das deutsch-griechische Jugendwerk, die besondere Zusammenarbeit zwischen den Ministerien und die Unterstützung der jüdischen Gemeinden in Griechenland sind auch dieser moralischen und politischen Verantwortung geschuldet.

Wegen der Reparationsforderungen steckt Deutschland mehr Geld in solche Projekte?

Diesen Zusammenhang möchte ich gerade nicht herstellen. Das Kapitel der Reparationen ist für uns abgeschlossen. Dennoch sehen wir uns in besonderer Weise in der Pflicht, Griechenland zu helfen und zu unterstützen.

Mit Michael Roth sprach Christoph Herwartz

Quelle: n-tv.de

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