Politik
Timoschenko kurz nach ihrer Freilassung.
Timoschenko kurz nach ihrer Freilassung.(Foto: REUTERS)

Julia Timoschenko will bei der Wahl kandidieren: Die Gasprinzessin kehrt zurück

Von Christian Rothenberg

Zweieinhalb Jahre sitzt Julia Timoschenko in Haft, jetzt darf sie das Gefängniskrankenhaus verlassen. Die 53-Jährige könnte in den kommenden Wochen wieder zu einer der wichtigsten politischen Figuren der Ukraine werden.

Gäbe es für die Revolution in der Ukraine ein Drehbuch, dann könnte es aus Sicht von Julia Timoschenko bisher gar nicht besser laufen. Das ukrainische Parlament stimmte für die Absetzung von Präsident Wiktor Janukowitsch und für die Freilassung der früheren Ministerpräsidentin. Der Erzfeind gestürzt, sie wieder frei: Für Timoschenko gibt es wohl keine größere Genugtuung.

Nach zweieinhalb Jahren Haft darf sie das Gefängniskrankenhaus im ostukrainischen Charkiw verlassen, wo sie wegen eines Rückenleidens behandelt wurde. Und die 53-Jährige hat große Pläne. Sie will bei der Präsidentenwahl im Mai kandidieren, das erklärte sie unmittelbar nach ihrer Freilassung. Während der politischen Umwälzungen in den kommenden Wochen dürfte sie also eine Schlüsselrolle einnehmen.

"Mit ihrem Charisma und ihrer Rhetorik kann Timoschenko viele Menschen begeistern. Man darf sie nicht abschreiben", sagt Kyryl Savin, der das Büro der Böll-Stiftung in Kiew leitet, n-tv.de. Schafft es die Frau mit dem traditionellen ukrainischen Haarkranz noch einmal zurück an die Spitze des Landes? Politisch totgesagt wurde Timoschenko schon häufig und ausgeschlossen ist zurzeit ohnehin kaum etwas in der Ukraine.

Anführerin der "orangenen Revolution"

"Julia" macht sich in den 90ern erstmals einen Namen - als Oligarchin. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie, die ein Ingenieursdiplom hat, im Gashandel tätig. Mit ihrem Unternehmen EESU profitieren die beiden von der Privatisierungswelle nach der Auflösung der Sowjetunion. Die "Gasprinzessin", so lautet ihr Spitzname, macht damals Umsätze von zehn Milliarden Dollar im Jahr. 1996 wird sie erstmals in das ukrainische Parlament gewählt, drei Jahre später gründet die Frau aus Dnjepropetrowsk die liberalkonservative "Vaterlandspartei". Timoschenko legt eine steile Karriere hin. 1999 beruft sie der damalige Ministerpräsident Wiktor Juschtschenko zu seiner Stellvertreterin. Wegen angeblicher Steuerhinterziehung und illegalen Gasgeschäften wird sie Anfang 2001 jedoch entlassen und wegen Schmuggels und Urkundenfälschung angeklagt. Nach 42 Tagen in Untersuchungshaft kommt sie frei und schwört Rache.

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Und Timoschenko kehrt zurück: Bei den Wahlen im November 2004 setzt sich Amtsinhaber Janukowitsch durch, aber anschließend werden Manipulationsvorwürfe laut. Mit friedlichen Protesten erreicht die Opposition Neuwahlen. Die "orangene Revolution" gelingt, Timoschenko wird Ministerpräsidentin, Juschtschenko Staatspräsident. Doch nach einem halben Jahr kommt es zum Streit zwischen den beiden Galionsfiguren. Die "Jeanne d'Arc des Ostens", wie sie auch genannt wird, wird entlassen und wechselt in die Opposition. Erneut kämpft sich Timoschenko zurück. Bei den Wahlen 2007 löst sie Janukowitsch ab. Als Ministerpräsidentin setzt sie sich vor allem für einen prowestlichen Kurs und den Beitritt zur EU ein.

2010 will Timoschenko Staatspräsidentin werden. Aber sie unterliegt gleich doppelt. Nicht nur verliert sie beim Urnengang, das Parlament spricht ihrer Regierung daraufhin auch das Misstrauen aus. Der neue Staatspräsident Janukowitsch nutzt die Situation aus, um die Widersacherin loszuwerden. Er lässt sie wegen Amtsmissbrauchs anklagen. Timoschenko soll zum Nachteil der Ukraine ein Abkommen über russische Gaslieferungen geschlossen haben. Im Oktober 2010 wird sie zu sieben Jahren Straflager und 137 Millionen Euro Schadensersatz verurteilt.

Wer ihm die Hand reicht, macht sich mitschuldig

Timoschenko sitzt mehr als zwei Jahre im Gefängnis, mit Hungerstreiks protestiert sie gegen die Haftbedingungen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg kommt zu dem Schluss, die Ukraine habe sie willkürlich in Haft genommen. Aber auch der große Druck aus dem Ausland führt nicht zu einer Freilassung. Im Januar 2013 gibt es sogar neue Anschuldigungen. Demnach soll die Politikerin in den 90ern den Mord eines Abgeordneten in Auftrag gegeben haben.

Einen großen Teil ihrer Haft verbringt Timoschenko wegen Rückenleidens in einer Spezialklinik. Im November 2013 scheitern im ukrainischen Parlament mehrere Gesetzentwürfe, die eine Behandlung in Deutschland erlauben würden. Auch das geplante EU-Assoziierungsabkommen wird deswegen stark gefährdet. Während der Proteste auf dem Maidan meldet sich die Gefangene immer wieder zu Wort. Noch vor ein paar Tagen warnte sie die Opposition davor, Gespräche mit dem Präsidenten zu führen. "Jeder der dieses Tabu bricht, macht sich mitschuldig, wird Verbündeter Janukowitschs." Von ihrem Kampfgeist hat Timoschenko offenbar nichts verloren. Dass das Ende ihrer Haft schon absehbar ist, ahnt sie da noch nicht.

Und so ergibt sich an diesem Wochenende eine paradoxe Situation: Janukowitsch ist nach Charkiw geflüchtet und damit ausgerechnet in jene Stadt, in der seine Erzfeindin gerade aus der Haft freikommt. Timoschenko dürfte es nun allerdings schnell nach Kiew ziehen. Wenn in den kommenden Wochen über die Zukunft des Landes entschieden wird, will die amtierende Chefin der Vaterlandspartei ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Denkbar ist vieles, sowohl eine Kandidatur gegen Udar-Chef Vitali Klitschko bei den Wahlen am 25. Mai, als auch die Rückkehr in das Amt der Ministerpräsidentin. So zufrieden Julia Timoschenko mit den Ereignissen in diesen Tagen bisher auch sein mag: Das Ende des Drehbuchs in Kiew ist völlig offen.

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Quelle: n-tv.de

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