Politik
Eine Erdgasförderanlage in Lünne.
Eine Erdgasförderanlage in Lünne.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn der Wasserhahn Feuer fängt: Die Gier nach dem Gas

von Gudula Hörr

Es scheint der Ausweg aus der Energiemisere zu sein: unkonventionelles Erdgas, das in großen Mengen weltweit im Gestein lagert. Während die Energiekonzerne jubeln, schlagen Kritiker Alarm. Sie sprechen von einem "Krieg gegen das eigene Land" und verweisen auf die USA: Dort schüren gasspeiende Wasserhähne und vergiftetes Grundwasser Angst.

Ein Bohrloch im Marcellus Shale. 2009 gab es in den USA fast 500.000 aktive Gasbohrlöcher.
Ein Bohrloch im Marcellus Shale. 2009 gab es in den USA fast 500.000 aktive Gasbohrlöcher.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Bilderserie

Der Wettlauf ist im vollen Gange. Überall in Europa stehen die Großen der Branche in den Startlöchern und stecken ihre Ansprüche ab. ExxonMobil, BNK Petroleum, Realm Energy - sie alle haben ein Geschäftsgebiet für sich entdeckt, das mit der und dem Merkel kann Rot-Grün gewinnen noch zusätzlichen Rückenwind bekommen könnte: Die Förderung von so genanntem unkonventionellem Gas, Flözgasen oder Schiefergasen. Schätzungen der Internationalen Energieagentur gehen von weltweit 921 Billionen Kubikmetern unkonventionellem Gas aus, das noch in der Erde lagert - fünfmal mehr als klassisches Erdgas. Und ein Teil davon, 50 Billionen Kubikmeter, soll in Europa liegen.

Besondere Hoffnungen setzen Konzerne und Forscher auf Schiefergas, das schon in den USA den Energieriesen zu Millionen-Gewinnen verholfen hat. Seit der Lockerung von Umweltgesetzen im Jahr 2005 - die nicht zuletzt Dick Cheney, damals US-Vizepräsident und einstiger Vorstandschef der Firma Halliburton, mit durchgesetzt hat - ist hier ein regelrechter Run auf den Rohstoff ausgebrochen. Allein im Jahr 2009 wurden 60 Milliarden Kubikmeter gefördert - mehr als zehn Prozent der weltweiten Gesamtproduktion dieses Jahres. Im selben Jahr überholten die USA Russland als wichtigster Erdgasproduzent und Experten erwarten, dass sich diese Zahl in den nächsten 20 Jahren vervierfacht.

Besonders in Niedersachsen ist die Erkundung von Schiefergas schon weit fortgeschritten.
Besonders in Niedersachsen ist die Erkundung von Schiefergas schon weit fortgeschritten.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Begehrlichkeiten wachsen und die Konzerne schielen nun auf die europäischen Schiefergas-Vorkommen. "Von Schweden bis in die Türkei, von Großbritannien bis Italien wird derzeit danach gesucht", sagt der Geologe Hans-Martin Schulz vom Geoforschungsinstitut in Potsdam. Sein Institut rechnet in Europa mit Vorkommen von rund 22 Billionen Kubikmetern an Schiefergas.

In Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen investiert ExxonMobil bereits Millionen in die Erkundung von Schiefergasvorkommen. Seit 2008 führt der Konzern - meist ohne viel Aufsehen zu erregen - etliche Erkundungsbohrungen durch. Sollten diese erfolgreich sein, wird sich der Energieriese um Förderlizenzen bemühen - und die Bundesländer könnten von den Steuereinnahmen profitieren. Man habe die Hoffnung, so den Rückgang an konventionellen Erdgas auszugleichen, "einen wesentlichen Beitrag zur Rohstoffversorgung leisten zu können und die Abhängigkeit von Importen zu minimieren", sagt ExxonMobil-Sprecher Norbert Stahlhut und stellt dabei die Umweltfreundlichkeit von Erdgas heraus.

Chemiecocktails gefährden Grundwasser

Nach Bohrungen verschmutztes Trinkwasser in Pennsylvania.
Nach Bohrungen verschmutztes Trinkwasser in Pennsylvania.(Foto: REUTERS)

An genau dieser gibt es aber bei Schiefergas etliche Zweifel. Denn im Gegensatz zu konventionellem Erdgas, das in großen Blasen unter der Erde lagert und leicht zu fördern ist, ist unkonventionelles Gas nur schwer zugänglich. Es liegt dicht gebunden in Spalten und Klüften und kann nur mit erheblichem Aufwand gelöst werden. Zur Förderung verwenden die Firmen deshalb die Methode des so genannten Fracking: Dabei bohren sie erst ein Loch ein, zwei Kilometer tief in die Erde, dann pressen sie horizontal hunderte Kubikmeter Wasser, vermengt mit Sand und einem Chemikaliencocktail, durch die Gesteinsschichten. Der Sand und die Chemikalien sorgen dafür, dass die Risse offen bleiben und das Gas zum Bohrloch und an die Erdoberfläche wandern kann. Ein Teil des chemisch belasteten Fracking-Wassers wird nach dem Pressen zurück an die Erdoberfläche gepumpt, ein Teil versickert im Boden.

Das Fracking ist höchst umstritten. So wurden in den USA nahe den Gasfeldern Gasrückstände im Grundwasser entdeckt. Kritiker berichten von Wasserhähnen, die Feuer speien und einem Haus, das aus diesem Grund in Ohio explodierte. Ärzte klagen über Atemwegserkrankungen, die vermehrt nach Gasbohrungen in der Umgebung aufgetreten sein sollen.

Auch zeigen Studien, dass oftmals das Grundwasser nach dem Fracking chemisch verseucht ist. So wurden 2009 nach Bohrungen in den USA 40 Wasserquellen untersucht, in 11 von ihnen fand man Chemikalien, die beim Bohren verwendet wurden. "Eine Trefferquote von immerhin 25 Prozent", so der Experte "Ein totaler Humbug" vom kritischen Think Tank "Energy Watch Group". Auch wenn die Energiekonzerne die genaue Zusammensetzung ihrer Chemiecocktails wie ein Staatsgeheimnis hüten, ist doch so viel klar: Die Chemikalien sind alles andere als harmlos. Selbst Exxon gibt zu, dass die gemischte Flüssigkeit "schwach wassergefährdend" ist.

Demonstranten protestieren in den USA gegen die Verseuchung von Grundwasser.
Demonstranten protestieren in den USA gegen die Verseuchung von Grundwasser.(Foto: REUTERS)

Deutlicher beschreibt es Energieexperte Zittel: "Das sind Biozide und kanzerogene Chemikalien". Außerdem enthalte das Abwasser, das beispielsweise nach dem Fracking im Marcellus Gasfeld in den USA zurückblieb, eine extrem hohe Radioaktivität, da es Radon aus der Lagerstätte enthalte. Wenn dieses Wasser nach dem Fracking dann in Teichen zwischengelagert wird, ist dies oft risikoreich. "In Amerika ist es oft genug vorgekommen, dass es mal geregnet hat und dann ist der Teich übergelaufen und das Wasser ins Grundwasser gekommen", so Zittel.

Radioaktivität im Bohrwasser

Dass das Fracking-Wasser teils radioaktiv verseucht ist, bestätigen auch interne Dokumente der Environmental Protection Agency (EPA), die der "New York Times" vorliegen. Demnach liegen die Verschmutzungswerte teils hundert- oder gar tausendfach über dem gesetzlich Erlaubten. Die Hälfte dieser Flüssigkeiten seien 2008 und 2009 zu Wasseraufbereitungsanlagen gefahren worden, die aber nicht richtig dafür ausgerüstet seien, um radioaktive Elemente aus dem Wasser zu filtern. Deshalb, so die "New York Times" weiter, leitete man offenbar einen Großteil einfach in Flüsse.

Eine Bohrstelle in der chinesischen Provinz Sichuan.
Eine Bohrstelle in der chinesischen Provinz Sichuan.(Foto: REUTERS)

Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der US-amerikanischen Cornell-Universität schürt die Skepsis. Ihr zufolge ist Schiefergas sogar noch klimaschädlicher als Kohle. So würden bei der Förderung von Schiefergas auch 3,6 bis 7,9 Prozent Methan freigesetzt. Dieses wiederum belastet das Klima deutlich mehr als Kohlendioxid. In einem Zeitraum von 20 Jahren sehen die Wissenschaftler daher bei Schiefergas ein um mindestens 20 Prozent höheres Treibhauspotenzial als von Kohle und ein 50 Prozent höheres als von Öl. Der Ökologieprofessor Robert Howarth zieht daher die Schlussfolgerung: "Der große Klima-Fußabdruck von Schiefergas spricht gegen dessen Verwendung als Übergangsenergie in den kommenden Jahrzehnten."

Kein Wunder, dass in Deutschland inzwischen die Besorgnis wächst. Und das Gefühl einer gewissen Ohnmacht. Schließlich gilt bei den Bohrungen das Bergrecht. Und dieses, so kritisierte es der grüne Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, "sieht keinerlei Bürgerinformation, keinerlei Information der Öffentlichkeit vor". Auch gebe es kaum Rechte von Betroffenen, an Unterlagen heranzukommen". Bis zu einer Förderrate von 500.000 Kubikmetern pro Tag können im Bergrecht öffentliche Planfeststellungsverfahren umgangen werden.

Bürger der Interessengemeinschaft "Schönes Lünne" demonstrieren vor der Baustelle zur Erdgasprobebohrung des Energieerzeugers ExxonMobil.
Bürger der Interessengemeinschaft "Schönes Lünne" demonstrieren vor der Baustelle zur Erdgasprobebohrung des Energieerzeugers ExxonMobil.(Foto: picture alliance / dpa)

Selbst das Geoforschungsinstitut, das gerne auf die Chancen von Erdgas verweist, räumt gewisse Zweifel ein: "Sowohl hinsichtlich der Frage der Ressourcenverfügbarkeit als auch des Aufwandes bei der Erschließung und Förderung von Shale Gas gibt es noch Wissenslücken", heißt es dort vorsichtig formuliert. Generell sei anzumerken, "dass die Lagerstättenerschließung ein industrieller Prozess ist und jeder industrielle Prozess birgt Risiken in sich." Zittel ergänzt, "der Untergang der Deepwater Horizon im vergangenen Jahr hätte auch nicht passiere dürfen, wenn alles normal verlaufen wäre. Aber er ist passiert." Ein besonderes Risiko sieht Zittel dabei - wie sich auch bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko einmal mehr gezeigt hat -  im enormen ökonomischen Druck, der auf den Firmen lastet. Volkswirtschaftlich betrachtet sei die Förderung von Schiefergas sowieso "ein totaler Humbug", so der Energieexperte. "Man macht sich die eigenen Ressourcen kaputt. Es ist ein Krieg gegen das eigene Land."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen