Politik
Protest in Kairo gegen die israelischen Angriffe auf Gaza. Ägyptens Regierung muss neuerdings auf die öffentliche Meinung im Land Rücksicht nehmen.
Protest in Kairo gegen die israelischen Angriffe auf Gaza. Ägyptens Regierung muss neuerdings auf die öffentliche Meinung im Land Rücksicht nehmen.(Foto: dpa)

Karten in Nahost neu gemischt: Die Hamas im zweiten Frühling

Von Diana Sierpinski

Raketenfeuer aus dem von der Hamas kontrollierten Küstenstreifen in Richtung Israel, Vergeltungsangriffe der israelischen Luftwaffe und Mobilisierung von Panzereinheiten: Vieles erinnert dieser Tage an den Gazakrieg vor vier Jahren. Doch der jüngste Schlagabtausch findet in einer völlig neuen politischen Umgebung statt.

Der arabische Frühling hat das Machtgefüge im Nahen Osten umgeworfen. Bis zum Ausbruch der Revolte hatte die Hamas in diplomatischer Isolation verharrt - jetzt hat die radikal-islamische Organisation neue Verbündete an ihrer Seite. In Ägypten regiert nicht mehr Husni Mubarak, sondern der Muslimbruder Mohamed Mursi.

Hamas - eine Chronik der Gewalt
  • Dezember 1987: Wenige Tage nach Beginn der ersten Intifada gründen Anhänger der ägyptischen Muslimbruderschaft in Gaza die Hamas. Ihre Mitglieder greifen israelische Soldaten und Zivilpersonen an.
  • 1993-1994: Die Hamas lehnt die Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern ab.
  • 1994: Die Hamas beginnt eine Serie von Selbstmordanschlägen in Israel.
  • 1996: Bei vier Bombenanschlägen innerhalb von acht Tagen werden mindestens 60 Israelis getötet. Die Hamas boykottiert die erste palästinensische Parlamentswahl.
  • 2000: Beginn der zweiten Intifada mit zahlreichen Selbstmordanschlägen der Hamas.
  • Dezember 2004: Die Hamas beteiligt sich an Kommunalwahlen.
  • Februar 2005: Die Hamas verpflichtet sich zu einer Waffenruhe.
  • März 2005: Die Hamas kündigt ihre Teilnahme an der zweiten palästinensischen Parlamentswahl an.
  • September 2005: Israel beendet die 38-jährige Besetzung des Gazastreifens. Die Hamas erklärt dies als Sieg ihres bewaffneten Kampfes und kündigt an, auch die Besetzung des Westjordanlands zu beenden.
  • Januar 2006: Die Hamas erringt bei der palästinensischen Parlamentswahl die absolute Mehrheit. Ismail Hanija wird Premier.
  • November 2006: Nach einem israelischen Angriff mit 24 Toten erklärt die Hamas die Waffenruhe für beendet und kündigte an, wieder Anschläge in Israel durchzuführen.
  • Juni 2007: Hamas verdrängt Fatah aus dem Gazastreifen. Im Westjordanland übernimmt die Fatah die Macht.
  • Dezember 2008/2009: Nach Ablauf eines brüchigen Waffenstillstands flammen die Raketenangriffe der Hamas auf Israel erneut auf, was zur israelischen Operation "Gegossenes Blei" führt.
  • Mai 2011: Hanija unterzeichnet gemeinsam mit Mahmud Abbas ein Versöhnungsabkommen, das die ägyptische Führung eineinhalb Jahre zuvor aufgesetzt und das die Hamas lange abgelehnt hatte.

Während Mubarak anti-israelische Proteste noch niederknüppeln ließ, muss sein demokratisch gewählter Nachfolger Rücksicht auf die öffentliche Meinung nehmen. Zudem steht Mursi der Hamas ideologisch nahe: Seine Muslimbrüder sind eine Art Vorläufer der palästinensischen Hamas.

In Syrien herrscht unterdessen Bürgerkrieg, erstmals schlugen Artilleriegeschosse auch auf den von Israel besetzten Golanhöhen ein. Im Libanon lauert die Hisbollah, bedroht vom Verlust ihres jahrzehntelang engsten Verbündeten Baschar Al-Assad. Obendrein haben aus dem libyschen Bürgerkrieg gegen Muammar al-Gaddafi Raketen, Granaten und Gewehren ihren Schmuggelweg nach Ägypten und in den Gazastreifen gefunden.

Von Damaskus nach Katar

Die Hamas stand lange an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad; jahreland fand Hamas-Chef Chaled Maschaal Unterschlupf in Damaskus. Mit dem Aufstand gegen Assad zerbrach dieses Bündnis. Die Hamas-Zentrale in Damaskus wurde aufgegeben, auf Kosten des guten Verhältnisses zu ihrem größten Unterstützer, dem Iran. Stattdessen verbesserte man die Beziehungen zu amerikanischen Verbündeten wie Ägypten, Katar und der Türkei.

Viele Funktionäre der Hamas leben heute in Ägypten, wo die befreundete Muslimbruderschaft regiert. Maschaal lebt mittlerweile überwiegend in Katar, das die Aufständischen gegen Aassad unterstützt.

Bis zum Beginn des Arabischen Frühlings sah sich die Hamas von Israel und Ägypten ökonomisch eingekreist, erdrückt von den israelischen Sicherheitskräften und der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland. Während sich das Volk nach einer Aussöhnung mit der dort dominierenden Fatah sehnte, verstrickte sich die Hamas-Führung in Widersprüche. Sie wollte eine islamistische Bewegung sein, doch ihr Regierungshandeln war säkular; gleichzeitig bezeichnete man sich als anti-israelische Widerstandsbewegung, doch die von Gaza ausgehenden Angriffe auf Israel verurteilte sie regelmäßig.

Hamas immer unbeliebter

Zudem nahm die Popularität der Hamas ab. Aktuelle Umfragen stellen "einen signifikanten Rückgang der Beliebtheit der Hamas im Gazastreifen" fest. Gerade mal ein Drittel der Palästinenser bewerten ihre Hamas-Herrscher sechs Jahre nach der Wahl noch positiv. Die Hamas hatte die palästinensischen Parlamentswahlen unter anderem deswegen gewonnen, weil die Fatah im Ruf stand, korrupt zu sein. Inzwischen wird die Hamas als fast ebenso korrupt eingeschätzt. 73 Prozent der Befragten glauben, dass in den Einrichtungen der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland Korruption herrscht, während immerhin 62 Prozent von Korruption in den Einrichtungen der Regierung im Gazastreifen ausgehen.

Darüber hinaus leidet der Ruf der Hamas als potente Widerstandsbewegung. So schlossen sich militante Hamas-Mitglieder Gruppierungen an, die sich stärker an der Einhaltung islamistischer Vorschriften orientieren und auch regelmäßig Raketen Richtung Israel schießen. Der zunehmende Waffenschmuggel in den Gazastreifen bewirkte, dass die Hamas ihr Gewaltmonopol verlor. In Gaza führen der Islamische Dschihad sowie unabhängig agierende Kleinstgruppen mit Waffen aus dem Iran und den geplünderten Beständen des gestürzten libyschen Regimes einen Kleinkrieg gegen Israel. Der Widerspruch zwischen militanter Rhetorik und dem weitgehenden Einhalten eines inoffiziellen Waffenstillstands mit Israel trug dazu bei, dass die Hamas an Glaubwürdigkeit verlor.

Rückkehr mit neuen Freunden?

Nachdem die Muslimbruderschaft in Ägypten die Macht übernahm, hat die Hamas jedoch einen neuen Verbündeten an ihrer Seite. Die neutrale Haltung unter Mubarak ist Vergangenheit. Mursi hat sich von Washington distanziert und Gaza angenähert. Entsprechend radikal klingen die Worte des ägyptischen Besuchs. Ägypten stehe unverbrüchlich an der Seite der Palästinenser, sagte Ministerpräsident Hischam Kandil bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Regierungschef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija. Die Opfer der israelischen Angriffe bezeichnete er als "Märtyrer".

Dass Ägypten sich im Gazakonflikt klar positioniert, hatte Präsident Mursi bereits am Mittwoch klargemacht. Er ließ den Botschafter aus Israel abziehen und beantragte eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga und der Vereinten Nationen. Den Palästinensern versicherte Mursi: "Wir stehen an der Seite der Palästinenser, um die israelische Aggression in Gaza zu stoppen." Israel müsse begreifen, dass "diese Aggression inakzeptabel ist und nur zu Instabilität in der Region führt".

Quelle: n-tv.de

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