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Offiziell herrschte eine Feuerpause in der Ostukraine. Dennoch kommt es immer wieder zu Kämpfen mit Toten und Verletzten.
Offiziell herrschte eine Feuerpause in der Ostukraine. Dennoch kommt es immer wieder zu Kämpfen mit Toten und Verletzten.(Foto: AP)

Russlands Soldaten und die Ukraine: "Die Menschen haben Angst"

Monatelang erschütterten heftige Kämpfe die Ostukraine - und trotz einer offiziellen Feuerpause gibt es immer wieder Tote und Verletzte. Ella Poljakowa, die Vorsitzende der Gruppe "Soldatenmütter von St. Petersburg", ist ernüchtert und sieht eine "allgemeine Niedergeschlagenheit" in Russland - aber auch eine immer schwierigere Lage für diejenigen, die gegen die Ukraine-Politik sind.

n-tv.de: Ihre Organisation, die "Soldatenmütter von St. Petersburg", kümmert sich um die Belange russischer Soldaten. Was hören Sie aus der Ukraine: Wie viele russische Soldaten waren in den vergangenen Monaten dort, wie viele sind verwundet oder getötet worden?

Ella Poljakowa: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich gehe allerdings von sehr vielen russischen Soldaten in der Ukraine aus. Wie viele Soldaten verwundet oder getötet worden sind, weiß ich nicht. Diese Zahlen werden geheim gehalten.

Offiziell bestreitet Moskau noch immer, dass sich russische Soldaten regulär in der Ukraine aufhalten. Woher wissen Sie davon?

Es gibt Zeugen, mit denen wir gesprochen haben.

Melden sich denn die Soldaten freiwillig für den Einsatz in der Ukraine?

Ella Poljakowa wurde für ihr Engagement bei den St. Petersburger Soldatenmüttern u.a. mit dem Aachener Friedenspreis geehrt.
Ella Poljakowa wurde für ihr Engagement bei den St. Petersburger Soldatenmüttern u.a. mit dem Aachener Friedenspreis geehrt.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Es ist sehr unterschiedlich. Manchen hat die Armee Geld angeboten. Manche glauben an die Staatsmacht und deren Politik. Manche wollen auch nicht. Und manche wussten gar nicht, dass sie in die Ukraine geschickt wurden.

Wie schätzen Sie die Stimmung in Russland ein? Gibt es eine Begeisterung über die derzeitige Politik des Kreml?

Nein, es gibt keine Begeisterung. Vielmehr herrscht eine allgemeine Niedergeschlagenheit in der Gesellschaft. Und der Krieg in der Ukraine verstärkt diese Stimmung noch. In russischen Familien sind Gräben entstanden. Die einen wollen den Krieg, die anderen nicht. Diejenigen, die gegen den Krieg sind, werden allerdings immer weniger - und ihre Lage wird immer schwieriger.

Inwiefern?

Sie werden verfolgt. Es gibt Drohungen und Wohnungsdurchsuchungen. Und es herrscht eine Feindseligkeit gegenüber Organisationen, die den Krieg ablehnen.

Können Sie denn noch arbeiten? Immerhin hat das Justizministerium die "Soldatenmütter von St. Petersburg" erst kürzlich zu "feindlichen Agenten" erklärt.

Wir setzen unsere Arbeit fort. Aber es wenden sich inzwischen nur noch wenige an unserer Organisation. Die Menschen haben Angst. Unser Anwalt unterstützt diejenigen, die mit der gegenwärtigen Politik nicht einverstanden sind. Und wir versuchen einen Weg zu finden für diejenigen, die nicht in die Ukraine geschickt werden wollen.

Was können Sie machen bei den Soldaten, die in den Krieg geschickt werden?

Wir stellen offizielle Anfragen zu den Soldaten, die in der Armee umgekommen sind. Schließlich ist es fast ein normaler Zustand, dass aus der Armee immer mal ein Sarg nach Hause kommt. Auf den Armeedokumenten zu den Toten stehen aber lediglich die Todesursachen wie Schusswunden, der Sterbeort wird dagegen nicht ausgefüllt. Wir wollen wissen: Wo sind sie umgekommen? Bisher haben wir keine Antworten erhalten. Allerdings kennen wir das schon - aus dem Tschetschenien-Krieg.

Mit Ella Poljakowa sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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