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Der alltägliche Schrecken mitten in Europa: In der Ukraine kämpfen Regierungstruppen gegen Separatisten.
Der alltägliche Schrecken mitten in Europa: In der Ukraine kämpfen Regierungstruppen gegen Separatisten.(Foto: REUTERS)

Der Krieg und die Mainstream-Medien: "Die Welt muss ein unangenehmer Ort sein"

Krieg erscheint allgegenwärtig, zumindest in den Medien. Irrglauben, Gewaltfantasien, Meinungsblasen - der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch erklärt, was dieser Informations-Dauerbeschuss und die Flucht vor ihm mit Menschen anstellt.

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n-tv.de: Im Fernsehen, in der Zeitung, im Netz - derzeit läuft Krieg auf allen Kanälen. Was bewirkt das bei Menschen, die sich dieser Berichterstattung aussetzen?

Thomas Hanitzsch: Wir wissen darüber einiges aus der Kultivierungsforschung: Durch den medialen Dauerbeschuss kultiviert sich beim Nutzer der Eindruck, dass die Welt ein ziemlich unangenehmer Ort sein muss. Es entsteht ein Bild, das der Realität vielleicht gar nicht vollends gerecht wird.

Gibt es belastbare Untersuchungen für diese Theorie?

Der Kultivierungseffekt ist in verschiedenen Studien nachgewiesen worden, insbesondere in der Gewaltforschung. Dabei ging es zum Beispiel um die Berichterstattung über Morde in Amerika und welches Bild dadurch bei Mediennutzern entsteht. Tatsächlich ließ sich zeigen: Menschen, die diese Berichte besonders häufig gesehen haben, hatten überdurchschnittlich oft das Gefühl, dass die Welt voll von Gewalt sein muss - obwohl dieses Bild in diesem Ausmaß nicht angemessen war.

Derzeit bewegt der Gaza-Konflikt die Menschen - vor Ort und in Deutschland. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der ewige Konflikt in der Ferne die Mediennutzer in der Bundesrepublik wieder langweilt.
Derzeit bewegt der Gaza-Konflikt die Menschen - vor Ort und in Deutschland. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der ewige Konflikt in der Ferne die Mediennutzer in der Bundesrepublik wieder langweilt.(Foto: REUTERS)

Muss man sich als eifriger Mediennutzer dieser Tage also Sorgen um seine psychische Unversehrtheit machen?

So weit, dass man sich um seine Psychohygiene sorgen muss, würde ich nicht gehen. Als Rezipient hat man ja die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Medienangeboten zu wählen. Es gibt Phänomene wie den Eskapismus. Man entflieht der Realität, indem man sich in eine mediale Wohlfühlzone begibt. Es gibt genug Fluchträume, und die werden auch genutzt.

Derzeit wirkt der Krieg medial trotzdem sehr präsent ...

Das liegt vielleicht daran, dass es sehr viele Konflikte gibt, die relativ nah an Europa oder sogar in Europa stattfinden. Hinzu kommen Konflikte, die viel mit uns Europäern zu tun haben.

Sie spielen auf die Ukraine-Krise und den Gaza-Konflikt an. Wer sich intensiv mit derartigen Krisen und der Berichterstattung darüber auseinandersetzt, weiß allerdings: Nach einer Weile nimmt das Interesse der Nutzer plötzlich ab, selbst wenn Gewalt, Terror und Leid anhalten. Wer spricht heute noch über Syrien? Was war da gleich noch mit Boko Haram in Nigeria? Was passiert da eigentlich?

Was als berichtenswert gilt, hängt stark vom Neuigkeitswert ab. Über die Syrienkrise wird nicht berichtet, weil nichts Neues mehr passiert. Es sterben weiterhin furchtbar viele Menschen, nur wissen wir längst, dass da viele Menschen sterben. Die Mediennutzer sind gesättigt. Auch wenn das jetzt furchtbar klingt.

Der Fortbestand von Leid, Terror und Tod reicht nicht aus, um langfristig das Interesse aufrechtzuerhalten?

Das zeigt so zumindest die Forschung. Die Kontinuität des Leides für sich genommen hat keinen hohen Nachrichtenwert.

Thomas Hanitzsch

Thomas Hanitzsch ist Professor an der Ludwig-Maximillians-Universität München. Im Zuge seiner Hochschullaufbahn hat sich der Kommunikations- und Medienwissenschaftler auf Journalismus, Kriegs- und Krisenberichterstattung spezialisiert und dazu an etlichen Publikationen mitgewirkt.

Könnte man statt dieses Abstumpfungsprozesses nicht auch eine etwas optimistischere These aufstellen? Vielleicht, dass es so etwas wie ein mediales Leidenslimit gibt: Kommt eine neue Krise hinzu, muss eine alte aus dem Kopf, weil es der Mensch sonst nicht mehr aushält.

So ist es aber nicht. Es geht schlichtweg um eine Dramaturgie. Wenn etwas Neues passiert, steigt die Aufmerksamkeit, erreicht irgendwann einen Höhepunkt und flacht dann wieder ab. Wir kennen das ja aus der Literatur. Dieses Muster ist auch in der Krisenberichterstattung bekannt.

Eine Gruppe von Menschen in Deutschland, deren Größe sehr schwer abzuschätzen ist, ist zusehends unzufrieden mit der Medienberichterstattung. Vor allem angesichts der Ukraine-Krise. Zwar bedienen viele Medien dabei sehr konsequent die Interessen ihrer Nutzer in Fragen der Dramaturgie, doch es ertönt immer wieder der Vorwurf, gerade deutsche Medien würden nicht unabhängig berichten.

Beobachtung erfolgt immer aus einer bestimmten Perspektive. Und die Berichterstattung in jedem Land und in jeder Kultur erfolgt immer aus der Perspektive der Hörer, der Zuschauer und der Leser, die die Journalisten vor Augen haben. Deutsche Journalisten berichten für Deutsche und da spielen die deutschen Befindlichkeiten eine besondere Rolle. Die Deutschen haben nun einmal ein spezielles Interesse daran, dass die Ukraine sich Europa zuwendet. Da kann man natürlich kritisch einwenden, dass die russische Perspektive in der Berichterstattung ein wenig unterbelichtet bleibt. Aber ich finde das sehr nachvollziehbar.

Israelische Panzer im Einsatz.
Israelische Panzer im Einsatz.(Foto: REUTERS)

Jene Kritiker würden jetzt vermutlich einwerfen: Wo bleibt da die Objektivität?

Perspektive ist bei jeder Art der Berichterstattung immer dabei. Wichtig ist es, alle Seiten eines Konflikts zu Wort kommen zu lassen. Das ist im Falle der Ukraine tatsächlich schwierig: Es ist für die Journalisten vor Ort kaum möglich, beiden Seiten das gleiche Gewicht in der Berichterstattung zu geben, schlicht, weil sie zu der einen Seite gar keinen Zugang haben. Sich den prorussischen Separatisten zu nähern, ist gefährlich. Zudem verschließen die sich Medien aus dem Westen. Auch dadurch kommt diese Perspektive zustande. Das hat aber nichts damit zu tun, dass deutsche Journalisten nicht gewillt sind, die Seite der Separatisten zu beleuchten.

Hängt die derzeit recht laute Medienkritik womöglich auch damit zusammen, dass sich im Internet so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit bildet? Da hantieren oftmals Privatpersonen mit vermeintlich ungefilterten Information, die die Massenmedien angeblich unterschlagen.

Ich denke, dabei spielt der sogenannte Hostile Media Effect eine Rolle, den man zuerst in den USA experimentell nachweisen konnte. Der Effekt betrifft vor allem Menschen, die in einem Konflikt besonders involviert sind. Entweder verfolgen sie sehr starke eigene Interessen oder haben eine sehr stark ausgeprägte Meinung zu dem Geschehen. Diese Menschen haben unabhängig von der Qualität der Medienberichterstattung das Gefühl, dass der Mainstream der Berichterstattung gegen sie gerichtet ist.

Könnten Sie den Effekt anhand des Ukraine-Konflikts genauer erklären?

Vor allem in Internetforen sind sehr viele Menschen unterwegs, die eine sehr ausgeprägte Meinung zum Ukraine-Konflikt haben. Diese Menschen haben zwangsläufig auch ein Problem mit einer ausgewogenen Medienberichterstattung. Wenn ich vollkommen überzeugt davon bin, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen wurde, muss ich ja das Gefühl haben, dass der Medienmainstream hier nicht die Wahrheit berichtet. Das gilt natürlich auch andersherum. Auch wer vollkommen überzeugt davon ist, dass das Flugzeug direkt von den Russen abgeschossen wurde, bekommt das Gefühl, dass die Mainstream-Berichterstattung nicht objektiv ist.

Das Internet birgt zudem die Möglichkeit, sich in seinem eigenen Meinungskosmos zu verrennen. Man ist im Netz Informationen schließlich nicht ausgeliefert, man kann sich sehr gezielt nur die Dinge heraussuchen, die einen interessieren oder die die eigenen Annahmen bestätigen. Alles Konträre lässt sich ausblenden.

Ja, das stimmt tatsächlich. Zudem ist es so, dass bestimmte soziale Netzwerke und moderne Nachrichtenaggregatoren die Informationen auf ihre Nutzer zuschreiben. Sie registrieren, auf welche Quellen ein Nutzer zurückgreift, und diese Quellen werden ihm dann immer wieder vorgesetzt. Auf diese Weise entstehen Meinungsblasen, in denen sich dann sehr viele Menschen bewegen, die zu einem Thema eine übereinstimmende und sehr stark ausgeprägte Haltung haben. Wir haben im Internet schon sehr viele dieser Meinungsblasen beobachtet. Die Menschen darin sind davon überzeugt, dass die Berichterstattung außerhalb dieser Blase nicht objektiv sein kann. Sie haben das Gefühl, dass sie die Einzigen sind, die die Wahrheit kennen.

Mit Thomas Hanitzsch sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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