Politik
Wulff ist gelernter Rechtsanwalt.
Wulff ist gelernter Rechtsanwalt.(Foto: dapd)

Job weg, Frau weg: Die große Leere des Christian W.

Von Solveig Bach

Christian Wulff hat ein gutes Jahreseinkommen, gesunde Kinder und eine Karriere, auf die er mit Stolz schauen könnte. Er hat vieles richtig gemacht, und dafür anderes richtig falsch. Doch zum echten Verlierer macht ihn seine eigene Selbstüberschätzung.

Horst Köhler hat viel zu tun in diesen Tagen. Er ist in Afrika unterwegs, seinem Herzenskontinent. Unter anderem wird er Gespräche mit der liberianischen Staatspräsidentin Ellen Johnson Sirleaf führen und sich mit der Modernisierung der Landwirtschaft in Afrika beschäftigen. Ende des Monats ist ein Treffen mit dem Präsidenten von Benin, Yayi Boni, geplant.

Auch der Terminkalender von Roman Herzog ist gut gefüllt, Herzog engagiert sich in zahlreichen Stiftungen, da stehen Kuratoriumssitzungen an. Außerdem hält er immer wieder Vorträge, in Universitäten und bei Banken. Wer Herzog einladen möchte, muss sich hinten anstellen. Aus dem Büro des 79-Jährigen heißt es, er sei ein "Mann im Unruhestand".

Im Kalender von Christian Wulff ist hingegen noch Platz, so viel Platz, dass man darauf Fußball spielen könnte. Keine konkreten Termine auf Wochen hinaus. Im Büro des Ex-Bundespräsidenten wissen die Mitarbeiter kaum, wie sie es sagen sollen. Der Vergleich macht offenbar, was ohnehin kaum zu übersehen ist. Wulff mag als früherer Bundespräsident einen Titel, ein Büro und ein Einkommen haben - eine Aufgabe hat er nicht.

Viel verloren

Die Altbundespräsidenten Roman Herzog (l) und Horst Köhler (r) mit ihren Ehefrauen bei der Vereidigung von Bundespräsident Joachim Gauck.
Die Altbundespräsidenten Roman Herzog (l) und Horst Köhler (r) mit ihren Ehefrauen bei der Vereidigung von Bundespräsident Joachim Gauck.(Foto: picture alliance / dpa)

Er ist 53 Jahre alt, steht vor den Trümmern seiner politischen Karriere und nun auch noch seines Privatlebens. Mit Anfang 50 haben Politiker normalerweise ihre Rolle gefunden, sie haben die Niederungen von Parteihierarchien durchschritten, ihre Netzwerke geknüpft und ihr Profil entwickelt. Sie sind am Ziel. Angela Merkel war 51, als sie Bundeskanzlerin wurde. Barack Obama war 47, als er 2008 zum US-Präsidenten gewählt wurde, mit 51 geht er nun in seine zweite Amtszeit. Wenn beide eines Tages aus dem Amt scheiden, wird die politische Welt sie als Elder Statesmen hoch schätzen.

Von dieser Rolle ist Wulff, auch wenn er es gern anders sähe, weit entfernt. Dabei hat er zunächst alles richtig gemacht. Mit 16 in die CDU eingetreten, niedersächsischer Landesvorsitzender der Schüler Union, dann im Bundesvorstand der Jungen Union und schließlich die Ankunft in der Mutterpartei, in der er es bis zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden brachte.

Parallel dazu wurde er Landtagsabgeordneter, Oppositionsführer in Hannover, schließlich CDU-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Zweimal scheitert Wulff gegen Gerhard Schröder, doch dem zu diesem Zeitpunkt noch unter Vierzigjährigen kann das nicht schaden, schließlich gewinnt er 2003 gegen Sigmar Gabriel. Wulffs Wiederwahl 2008 ist keine Überraschung.

In jenem Sommer sagt Wulff in einem Interview, er traue sich die Kanzlerschaft der Bundesrepublik Deutschland nicht zu. Das nimmt man verwundert zur Kenntnis, aber seine Parteivorsitzende Merkel richtet sich in ihrer eigenen Kanzlerschaft auch gerade ein, und so ist eine Kanzlerkandidatur ja auch kein Thema. Allenfalls machtpolitisch ungeschickt mag die Formulierung in Erinnerung bleiben.

Das ganz große Los

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Zwei Jahre später kommt der Tag, den Wulff inzwischen möglicherweise gern aus seiner Vita löschen würde. Horst Köhler ist als Bundespräsident zurückgetreten, wegen einer nicht ganz glücklichen Formulierung über die Verteidigung wirtschaftspolitischer Interessen Deutschlands durch die Bundeswehr. Merkel ruft Wulff an, ob er für das Amt zur Verfügung steht. Wulff berät sich mit seiner Frau Bettina, das Paar ist seit zwei Jahren verheiratet, hat einen kleinen Sohn.

Zur Patchwork-Familie gehören noch Wulffs Tochter aus erster Ehe, auch Bettina Wulff hat bereits einen Sohn. Die vorangegangene Scheidung und der Kauf eines Familienhauses haben Wulff finanziell erheblich belastet. Nun liegt diese Zeit hinter ihm. Das Amt des Bundespräsidenten, internationale Auftritte, Wohnen im Schloss Bellevue, nie hätte sich das Scheidungskind Wulff eine solche Wichtigkeit erträumt. An seiner Seite eine junge strahlende Frau – Wulff fühlt sich am Ziel seiner Wünsche und sagt zu.

Persona non grata

Das ist Christian Wulff
1959Geburt in Osnabrück
1975Eintritt in die CDU
1980-1986Jura-Studium in Osnabrück
1988-2008Erste Ehe mit Christiane Vogt
1993Spitzenkandidat der CDU-Niedersachsen
1998-2010stellv. CDU-Bundesvorsitzender
2003-2010Ministerpräsident in Niedersachsen
2008Heirat mit Bettina Köhler
2010Wahl zum Bundespräsidenten
2012Wulff tritt zurück, Staatsanwaltschaft ermittelt wg. des Verdachts der Untreue

Zweieinhalb Jahre später ist all das Vergangenheit und alles, was noch  hätte sein können, gleich mit. Im Schloss Bellevue wohnt und arbeitet Joachim Gauck mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, ein vom Volk geschätzter Bundespräsident mit leicht pastoraler Attitüde. Aus dem Eigenheim in Großburgwedel ist Wulff ausgezogen, die anwaltliche Trennungsvereinbarung mit Ehefrau Bettina ist unterschrieben.

In Niedersachsen ist Amtsnachfolger David McAllister im Wahlkampf und nichts deutet darauf hin, dass er von seinem Vorgänger irgendeine Unterstützung erbitten möchte. Auch alle anderen Kontakte zu politischen Weggefährten halten sich in äußerst überschaubaren Grenzen. Das Verhältnis zu seinem  früheren Freund und Sprecher Olaf Glaeseker darf getrost als zerrüttet beschrieben werden. Zudem sind die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilnahme bei der Erlangung des Hauskredits und für die Finanzierung verschiedener Urlaube noch immer nicht vom Tisch.

Bei seinem ersten Auftritt als Redner nach dem Ausscheiden aus dem Amt kokettierte Wulff in Heidelberg damit, dass er in der "Lernphase eines jungen Altbundespräsidenten" stecke. Er zog sogar den äußerst gewagten Vergleich zwischen sich und dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, der ebenso wie er relativ jung aus dem Amt geschieden sei und anschließend noch viele "tolle Jahre" hingelegt habe.

Kann man sich Wulff als internationalen Krisenvermittler oder Kämpfer für die Menschenrechte vorstellen? Nur schwer. Möchte man seine Vorträge hören oder Bücher von ihm lesen? Eher nicht. Was zu Zeiten der Macht an Wulff nicht weiter auffiel, wird ihm nun zum Verhängnis. Er hat keine eigene Agenda, keine Herzensthemen, nichts, wofür er brennt. Nun ist er ein Ex, der Rest ist Leere.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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