Politik
Dreyer gilt als warmherzig und ist über die Parteigrenzen hinweg anerkannt.
Dreyer gilt als warmherzig und ist über die Parteigrenzen hinweg anerkannt.(Foto: dapd)

Malu Dreyer übernimmt in Mainz: Die nette Sozialdemokratin

Von Solveig Bach

Eine andere Generation und eine Frau - so beschreibt sich Malu Dreyer, die designierte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz im Vergleich zu ihrem Vorgänger Kurt Beck. Doch Dreyer ist mehr: Die neue Hoffnungsträgerin der Sozialdemokraten steht für einen neuen Typ in der Politik.

Tolerant handeln, sozial entscheiden, selbstbestimmt leben - mit diesen Lebens- und Politikmaximen empfängt Malu Dreyer auf ihrer Internetseite die Besucher. Die 51-Jährige, die heute in Mainz zur Regierungschefin gewählt wurde, scheint eine der wenigen Politikerinnen zu sein, die phrasenhaft anmutenden Schlagworten echtes Leben einhauchen können. Als der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck Ende September sein Ausscheiden aus dem Amt ankündigte und seine Sozialministerin als Nachfolgerin vorschlug, waren dennoch einige überrascht.

Eine Ministerpräsidentin im Rollstuhl: für Dreyer kein Problem.
Eine Ministerpräsidentin im Rollstuhl: für Dreyer kein Problem.(Foto: dpa)

Nicht, weil sie ihr das Amt nicht zutrauten. Sondern wegen ihrer Krankheit. Dreyer hat eine schleichende Form von Multipler Sklerose, seit beinahe 20 Jahren. 2006 machte sie die Krankheit öffentlich, das Gehen fiel ihr zunehmend schwer. Inzwischen stützt sie sich souverän auf Mitarbeiter oder auch Unbekannte, wenn die Kraft nachlässt. Für längere Strecken nutzt sie den Rollstuhl. Sie hat sich an Fragen zu ihrer Krankheit gewöhnt und will trotzdem keine Vorbild-Kranke sein.

Vor ihrer Amtsübernahme betonte sie immer wieder, die Krankheit werde auch wieder in den Hintergrund treten. "Ich fühle mich fit, nur laufen kann ich nicht gut." Sätze wie dieser sind es, die Dreyer so authentisch machen.

Dreyer will sie selbst bleiben. Im Trierer Schammatdorf hat man künftig eben außer einem Chefarzt und einem Oberbürgermeister, Dreyers Mann Klaus Jensen, auch eine Ministerpräsidentin zur Nachbarin. "Die Nachbarn nehmen weiter die Päckchen an", sagt sie dazu. Das ist auch so ein Detail: Dreyer ist nach ihrer Heirat mit Jensen zu ihm und seinen drei Kindern in eines der größten deutschen integrativen Wohnprojekte für Behinderte und Nichtbehinderte gezogen. Jeder muss sich hier in seiner Hofgemeinschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten am Gemeinschaftsleben beteiligen. Eine lebendig gewordene Sozialutopie und die künftige Ministerpräsidentin ganz selbstverständlich mittendrin.

Klare Positionen

Wenn sie nicht mehr nur designierte Ministerpräsidentin ist, will sie auch mehr über ihr Regierungsprogramm sprechen. Allerdings sind davon keine größeren Überraschungen zu erwarten. Als Herausforderung hat Dreyer immer wieder die demografische Entwicklung in Rheinland-Pfalz bezeichnet. Glaubwürdig und realitätsnah kann sie dabei für die Idee von mehr generationsübergreifenden Wohn- und Lebensprojekten einstehen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die prekäre Lage der öffentlichen Haushalte. Als bisherige Verwalterin des  Sozialetats kennt sie die Kostenstrukturen, beispielsweise beim Kita-Ausbau.

Die vergangenen Wochen und Monate hat die frühere Landesministerin genutzt, sich auch in andere Ressorts einzulesen und auf das neue Amt vorzubereiten. Zugute kommt ihr dabei wahrscheinlich eine gehörige Portion Pragmatismus. So wie sie als 13-Jährige aus Marie-Luise Malu machte oder vom Lehramtsstudium auf Jura wechselte, weil ihr die Berufsaussichten für Lehrer einfach zu schlecht waren. Für eine Politikerin erfrischend unbefangen beantwortet sie Fragen von Journalisten, nach ihrem Lebensweg, aber auch nach ihrem Amtsvorgänger, Freund und politischen Ziehvater Kurt Beck. Sie werde es mit anderen Herausforderungen zu tun bekommen, als Beck, sagte sie kürzlich dem Trierer "Volksfreund". Im Übrigen wechsele nicht die Regierung und auch die rot-grüne Koalitionsvereinbarung bleibe gültig. Sie sei eben ein anderer Typ, eine andere Generation, eine Frau. Dreyer ist ein Politprofi, das könnte man bei ihrem freundlichen und zugewandten Wesen fast vergessen.

Julia Klöckner muss ihre Strategie gegen die SPD ändern.
Julia Klöckner muss ihre Strategie gegen die SPD ändern.(Foto: dapd)

Schon als Mittdreißigerin war die in Neustadt an der Weinstraße geborene Tochter eines Schuldirektors und einer Erzieherin Bürgermeisterin von Bad Kreuznach, später Sozialdezernentin in Mainz. Von dort aus wechselte sie 2002 in Becks Kabinett. 30 Minuten soll sie damals für die Entscheidung gehabt haben. Selbst im oft sperrigen Sozial- und Arbeitsressort hat sie es zu außerordentlichen Beliebtheitswerten gebracht. Das hat auch etwas damit zu tun, dass sie sich leidenschaftlich für die Idee einsetzt, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können sollen. Mit dem Kampf gegen prekäre Beschäftigungssituationen könnte sie auch bundespolitisch Akzente setzen. Solidarität und Gerechtigkeit gehören zu ihren Kernthemen. "Christen nennen das Nächstenliebe", sagt die gläubige Katholikin.

Neuer Politikstil

Trotz ihrer eher zarten Statur wirkt Dreyer erstaunlich zäh und kräftig. Nicht nur in ihrem Ministerium gilt sie als warmherzig, intelligent, kommunikativ, aber auch als kompetent und führungsstark. Schon jetzt darf man in der Mainzer Staatskanzlei einen neuen Regierungsstil erwarten. Dreyer wünscht sich Mitstreiter, die offen und kompetent mit Konzepten wie Fehlern umgehen können, selbstbewusst, aber nicht selbstherrlich.

Dieser Ansatz macht der Opposition schon jetzt zu schaffen. Konnte die CDU mit Julia Klöckner an der Spitze zuletzt gegen den nicht nur gesundheitlich, sondern auch durch die Nürburgring-Affäre angeschlagenen Kurt Beck ganz gut punkten, hat sich die Lage nun geändert. Weiblich und erfolgreich gilt ab sofort auch für die SPD-Ministerpräsidentin.

Über ihre neue Rivalin war von der gern resolut auftretenden Klöckner bisher nur wenig zu hören. Zunächst will sie fair sein, um Dreyer im neuen Amt ankommen zu lassen. Ein wenig spitz sagte Klöckner allerdings auch schon, dass für kommende Generationen nicht entscheidend sei, ob es "immer schön nett war in Mainz". Ein kaum verhohlener Angriff auf Dreyers Ansatz, Probleme im Dialog zu lösen.

Dreyer hat auch der dauerattackierenden Klöckner Gespräche über alle strittigen Fragen angeboten und ihr damit zunächst ganz gut Paroli geboten. Sie streite gern, "allerdings um die Sache und nicht auf persönlicher Ebene". Malu Dreyer nimmt man das ab.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen