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Die Panzerbrigade will unter anderem Schützenpanzer und Panzerhaubitzen über Bremerhaven nach Polen transportieren.
Die Panzerbrigade will unter anderem Schützenpanzer und Panzerhaubitzen über Bremerhaven nach Polen transportieren.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 06. Januar 2017

Truppenverlegung durch Deutschland: Die riskante Roadshow der US-Armee rollt

Von Sebastian Huld

Die Ausrüstung einer ganzen US-Panzerbrigade fährt neun Tage lang durch Deutschland Richtung Osten. Die Truppenverlegung im Rahmen einer umfassenden Nato-Strategie soll Russland abschrecken. Doch diese Machtdemonstration birgt auch Gefahr.

Bedrohliche Musik, Bilder bewaffneter Milizionäre in der Ukraine, Karten eines sich nach Westen ausbreitenden Russlands: Die US-Armee in Europa hat auf ihrer Website ein Video über ihre Operation "Atlantic Resolve" ("Atlantische Entschlossenheit") veröffentlicht: Die Botschaft: Nach der Besetzung der Krim und der Destabilisierung der Ostukraine könnte Russlands nächstes Opfer ein EU-Land sein, weshalb die US-Armee Europa zur Hilfe eilt. Am Nachmittag legten zwei Schiffe mit dem militärischen Gerät in Bremerhaven an. "Den Frieden sichert man am besten, indem man sich vorbereitet", sagte US-Generalmajor Timothy McGuire

Im Rahmen dieser Operation rollen von Samstag an täglich drei lange Züge von Bremerhaven und Hamburg über Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sowie Brandenburg in Richtung Osteuropa. 900 Waggons schleppen das Material einer ganzen Panzerbrigade nach Polen, das zuvor mit drei Frachtern an die deutsche Nordseeküste gebracht worden ist. Das erste Schiff namens "Resolve" kam am Mittwoch in Bremerhaven an.

Die 250 Panzer, 1750 weitere Fahrzeuge und Frachtcontainer werden von 375 US-Soldaten begleitet. Die übrigen rund 3600 Angehörigen der dritten schweren Kampfbrigade der vierten US-Infanteriedivision fliegen von Fort Carson im US-Bundesstaat Colorado direkt ins Einsatzgebiet.

Deutschland ist mit von der Partie

Zur Sicherung des Transports durch Deutschland kann die US-Armee auf seinen Alliierten zählen. Die Bundeswehr stellt Logistikflächen zur Verfügung, Feldjäger helfen bei der Bewachung. Denn bei "Atlantic Resolve" handelt es sich keineswegs um einen Alleingang der Amerikaner. Sie ist Teil der Nato-Strategie, verstärkt militärische Präsenz in den osteuropäischen Mitgliedstaaten und Partnerländern zu zeigen.

Dabei finden seit 2014 unter Federführung der US-Armee großangelegte Übungen statt. Deutschland ist genauso wie andere westliche Nato-Staaten mit von der Partie. Die Bundeswehr engagiert sich schon länger in Osteuropa, ob auf dem Nato-Stützpunkt im polnischen Stettin oder bei der Luftraumüberwachung über dem Baltikum.

So soll Moskau gar nicht erst auf die Idee kommen, seine Truppen könnten ungehindert Nato-Mitgliedstaaten wie Estland, Lettland, Litauen oder Polen angreifen. Ebenso wichtig: Die Bevölkerungen dieser Länder sollen sich nach ihren teils traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit nicht erneut vor einem russischen Einmarsch fürchten müssen.

Eine Umgehung der Nato-Russland-Akte

Die nun entsandte Panzerbrigade wird sich von ihrem künftigen Hauptquartier in Polen aus auf fünf weitere Oststaaten verteilen und soll nach neun Monaten gegen eine andere Einheit ausgetauscht. So umgeht das Militärbündnis die Nato-Russland-Akte, in der sich beide Seiten 1997 darauf verständigt hatten, dass die Nato an Russlands Grenzen nicht "dauerhaft" zusätzlich größere Einheiten stationiert.

Russland fühle sich von den Nato-Aktivitäten dennoch provoziert, schreibt der frühere Bundeswehr-Oberst Wolfgang Richter in einer Analyse für die Stiftung Wissenschaft und Politik. Der Kreml sehe sich durch die Abschreckungspolitik der Nato in seiner Wahrnehmung bestätigt, dass die wahre Aggression vom Westen ausgehe, angefangen bei der Nato-Osterweiterung, dem teilweise schon umgesetzten US-Raketenabwehrschild in Tschechien und Polen sowie dem zeitweisen Flirt einiger Nato-Staaten mit dem Kaukasusstaat Georgien.

Auch beim Völkerrecht ist aus russischer Sicht kein Verlass auf den Westen: So waren weder die militärische Intervention im Kosovokrieg 1999 noch der Einmarsch im Irak 2003 oder der Sturz des libyschen Diktators Gaddafi von den Vereinten Nationen abgenickt. Das erklärt auch, warum der Kreml seinerseits die Grenzziehungen in seinem Vorgarten als flexibel betrachtet – von der Annexion der Halbinsel Krim über die Unterstützung der Unruhen in der Ostukraine bis hin zur Finanzierung von Separatistenstaaten wie Transnistrien und Südossetien.

Eine gefährliche Spirale

So ist die große Roadshow der US-Armee in Osteuropa kaum ein Zeichen westlicher Stärke und Geschlossenheit. Sie ist vor allem Ausdruck der Sprachlosigkeit und gegenseitigen Misstrauens. An ihrer Sinnhaftigkeit kann aus gleich zwei Gründen gezweifelt werden.

Erstens könne die Nato auch mit mehr Truppen Russland nicht davon abhalten, die kleinen Baltenstaaten militärisch zu überrollen, schreibt Richter. Russland ist demnach geografisch in einer überlegenen Position. Doch die drohenden Konsequenzen halten Russland von solch einer theoretisch machbaren Besetzung eines Nato-Staates ab.

Zweitens sieht der Politik- und Militärexperte Schreiber die derzeit größte Gefahr eher in der anhaltenden Spirale von Truppenverstärkungen und immer größeren Manövern auf beiden Seiten. Schnell kann eine bloße Drohgebärde als echter Angriff missverstanden werden. Dann ist es nur ein kleiner Schritt zu einem Konflikt, den eigentlich niemand wollen kann.

Quelle: n-tv.de

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