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Ausreichend Transportflugzeuge gelten als entscheidend für eine schnelle Einsatzbereitschaft. Der Bundesrepublik fehlt es angesichts von Lieferengpässen beim Airbus A400 hier an Kapazitäten.
Ausreichend Transportflugzeuge gelten als entscheidend für eine schnelle Einsatzbereitschaft. Der Bundesrepublik fehlt es angesichts von Lieferengpässen beim Airbus A400 hier an Kapazitäten.(Foto: REUTERS)

Bundeswehr testet neue "Speerspitze": Die superteure Eingreiftruppe

Von Issio Ehrich

Deutschland erprobt für ein Jahr die neue superschnelle Eingreiftruppe der Nato. Die Anforderungen an die sogenannte "Speerspitze" sind gewaltig. Vielleicht zu gewaltig für die klammen Verteidigungsetats der Nato-Staaten.

Die Nato ist gerade selbst überrascht darüber, wie ambitioniert sie im September gewesen ist. So beschreibt es zumindest die Militärexpertin Claudia Major. Das Verteidigungsbündnis hatte auf seinem Gipfel in Wales den Aufbau einer superschnellen Eingreiftruppe beschlossen, der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF). In zwei bis sieben Tagen, so hieß es damals, solle diese militärische "Speerspitze" am Einsatzort sein können, um die Außengrenzen der Nato zu verteidigen.

Der Gipfel-Beschluss fiel unter dem Eindruck der Annexion der Krim durch Russland und der Angst der baltischen Staaten, dieses Szenario könnte sich bei ihnen wiederholen. Eine Affekt-Handlung gewissermaßen. Mittlerweile ist längst nicht mehr klar, ob die Nato die Einsatztruppe, die sie sich wünscht, am Ende auch wirklich bekommt.

"Es ist alles machbar, aber die VJTF erfordert ein Commitment, zu dem die Nato-Mitgliedstaaten bisher nicht bereit waren", sagt Major, die sich bei der Stiftung Wissenschaft und Politik auf das Thema Sicherheitspolitik konzentriert. "Eine Bereitschaftszeit von zwei Tagen würde einen so enormen Aufwand verursachen, dass sie derzeit kaum machbar erscheint."

Erste Übungen schon Ende Januar

Die Bundeswehr hat gerade mit dem Deutsch-Niederländischen Korps für ein Jahr das Kommando der 25.000 Mann starken Nato Response Force (NRF) übernommen, der bisherigen schnellen Eingreiftruppe des Bündnisses. Zusätzlich zum Kommando steuert sie auch 4000 Soldaten und Unterstützungskräfte bei. Die NRF kann zwar binnen 30 Tagen überall auf Welt zuschlagen, ist damit für ein Krim-Szenario aber noch viel zu langsam.

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In der NRF soll deshalb die neue VJTF entstehen. In Form einer vorläufigen "Speerspitze" testet nun maßgeblich die Bundeswehr für ein Jahr, was dabei möglich ist. Deutschland kommt im Aufbau der "Speerspitze" somit eine Schlüsselrolle zu. Das Engagement der Bundesrepublik dürfte maßgeblich dafür sein, wie die Beschlüsse von Wales in die Geschichte eingehen werden: als ambitioniertes Unterfangen oder als Zeichen der Selbstüberschätzung des westlichen Militärbündnisses.

Auf die Bundeswehr kommt in den nächsten Monaten einiges zu: Ende Januar soll es erste "Planungsübungen" geben. Dabei gilt es auszuloten, was notwendig ist, um Truppenteile im gewünschten Tempo an den Einsatzort zu verlegen. Anfang April folgen die ersten sogenannten "Alarmierungsübungen". Mitte Juni schließt sich der erste umfassende Praxis-Test an. Dann wird sich zumindest ansatzweise zeigen, wie lange die Truppe wirklich braucht, um den Einsatzort zu erreichen.

Dann dürfte auch klar sein, in welcher Größenordnung sich die Kosten für einen Truppensteller wie Deutschland bewegen. Bisher kann selbst das Verteidigungsministerium nicht offiziell beziffern, wie teuer das Unterfangen für die Bundesrepublik wird. Angeblich gibt es interne Schätzungen. Auf Anfrage von n-tv.de gab das Haus von Ursula von der Leyen aber keine Zahlen preis. "Durch die zusätzlichen Übungen im Rahmen der Testphase VJTF entstehen den beteiligten Einheiten sicherlich zusätzliche Kosten, die sich derzeit jedoch noch nicht qualifizierbar beziffern lassen", heißt es dort. Ähnlich der Kommentar zu den Kosten, wenn die VJTF im nächsten Jahr von der Testphase in den Regelbetrieb wechselt. "Aus den bisherigen politischen Vorgaben lassen sich noch keine konkreten Zahlen ermitteln."

Schlafen in Uniform

Militärexpertin Major geht davon aus, dass sich eine Etablierung der VJTF, die zunächst aus 7000 Soldaten bestehen soll, ohne Erhöhung des Wehretats kaum stemmen lassen wird. "Wofür in der Nato in den vergangenen Jahren geübt wurde, das waren keine schnellen Einsätze. Wer in den Kosovo oder nach Afghanistan geschickt wurde, hatte Monate Zeit, sich darauf einzustellen", sagt sie. "Die neue Anforderung, Übermorgen oder innerhalb weniger Tage am Einsatzort sein zu können, erfordert andere Ausrüstung, Ausbildung und Planung." Und die Soldaten müssten bei diesem Tempo praktisch schon in ihrer Uniform neben ihrem Tornister schlafen. Flugzeuge müssten bereitstehen, Hubschrauber, womöglich auch Züge. "Aufwand heißt immer auch Kosten", sagt Major.

Und weitere nicht zu unterschätzende Kostenpunkte kommen hinzu. So ist geplant, in den baltischen Staaten sowie in Polen und Rumänien ständige Stützpunkte aufzubauen. Dort soll zu jeder Zeit auch Material und Munition für die VJTF bereitliegen. Nur so, davon sind einige Experten überzeugt, lasse sich das gewünschte Tempo erreichen.

Laut Major ist es angesichts all dieser Punkte kein Zufall, dass Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg die deutsche Kanzlerin und den Außenminister ausgerechnet an dem Tag trifft, an dem das Deutsch-Niederländische Korps das Kommando der NRF übernimmt. "Stoltenberg kommt mit der Sammelbüchse", sagt sie. "Er kommt, um zu sagen: Alle gucken auf euch. Wenn ihr jetzt sagt, wir machen das, dann macht der Rest mit." Deutschland hat Signalwirkung. Deutschland steht aber noch aus einem zweiten Grund unter gewaltigem Druck.

Die VJTF war in der Nato stets nur ein Kompromiss. Die baltischen Staaten haben sich seit der Annexion der Krim für einen harten Kurs gegen Russland eingesetzt und forderten eine deutlich erhöhte militärische Präsenz im Osten. Vor allem Deutschland stemmte sich aber dagegen, einen Bruch der Nato-Russland-Grundakte zu riskieren. In dem Dokument, das das Ende des Kalten Krieges noch einmal besiegelt, heißt es: Die Nato verspricht, "in der derzeitigen und vorhersehbaren Sicherheitsumgebung" keine "substanziellen Kampftruppen" in den östlichen Staaten der Allianz "dauerhaft" zu stationieren. Die "Speerspitze" stellt in der Form, wie sie auf dem Gipfel in Wales auf den Weg gebracht wurde, nun so etwas wie den Mittelweg dar. Keine permanente Stationierung einerseits, aber dennoch ein klares Zeichen der Nato dafür, dass ihre Mitglieder im Osten unter Schutz stehen andererseits. Will die Bundesrepublik den diplomatischen Kurs der Nato mit Russland beibehalten, darf das Bündnis bei der VJTF also keine allzu großen Einschränkungen zulassen. Sonst wäre der Widerstand der östlichen Partner wohl sicher.

Quelle: n-tv.de

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