Politik
Öllecks gelten als eine der größten Bedrohungen für die Natur in Nigeria. Zugleich ist der Rohstoff aber die bedeutendste Einkommensquelle der Nigerianer. Rund 80 Prozent des Staatseinkommens stammt aus der Förderung.
Öllecks gelten als eine der größten Bedrohungen für die Natur in Nigeria. Zugleich ist der Rohstoff aber die bedeutendste Einkommensquelle der Nigerianer. Rund 80 Prozent des Staatseinkommens stammt aus der Förderung.(Foto: REUTERS)

Alternativnobelpreisträger über den Klimagipfel: "Doha ist Heuchelei"

Nnimmo Bassey ist einer der bedeutendsten Umweltschützer Afrikas. Im Gespräch mit n-tv.de spricht der Träger des alternativen Nobelpreises darüber, wie Entwicklungsländer von einer grünen Wende profitieren könnten. Von der UN-Klimakonferenz in Doha erhofft er sich dabei allerdings keine Hilfe.

n-tv.de: Wer durch Nigeria reist, durch Städte wie Warri oder Port Hartcourt, sieht Müll überall. Plastikdosen und Tüten werfen die Menschen unbedacht auf den Boden. Tiefer im Delta sprudelt vielerorts Öl aus zerborstenen Pipelines. Monatelang kümmert sich niemand darum. Wie ist es um das Umweltbewusstsein der Nigerianer bestellt?

Nnimmo Bassey: Das Umweltbewusstsein ist weiterhin sehr klein. Plastikmüll, Rodungen des Regenwaldes, Gas- und Ölverschmutzung - Nigeria hat da etliche Probleme.

Warum ist das so?

Nnimmo Bassey ist Träger des alternativen Nobelpreises und Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation Friends of the Earth International. Er wirbt weltweit für den Umweltschutz.
Nnimmo Bassey ist Träger des alternativen Nobelpreises und Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation Friends of the Earth International. Er wirbt weltweit für den Umweltschutz.(Foto: REUTERS)

Die nigerianischen Behörden verstehen unter Umweltschutz, einmal im Monat die Straßen fegen zu lassen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wo der Müll eigentlich herkommt. Und die internationalen Erdölkonzerne vernachlässigen ihre Verantwortung. Während die PR-Abteilungen der Unternehmen behaupten, sie würden handeln, vermeiden es die Konzerne, Zwischenfälle zu melden.  Außerdem warten sie ihre Leitungen viel zu selten. Mit jedem Tag kommen weitere Öllecks hinzu.

Das heißt, die Lage in Nigeria verschlechtert sich tatsächlich noch?

Ja. In der Stadt Calabar tritt aus Anlagen der Agip-Gruppe (Eni) seit mehr als zwei Monaten Öl aus. Und niemand tut etwas, um die Lecks zu schließen oder die verunreinigten Gegenden zu säubern. Die Nigerianer sind auf die Natur angewiesen, doch derzeit bringt uns die Umweltverschmutzung um. Die Regierung hätte schon längst einen nationalen Umweltnotstand erklären müssen.

Geringes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, eine Regierung, die das Problem vernachlässigt und internationale Konzerne, die sich um Schäden nicht scheren – wie ist es, in so einem Umfeld als Umweltschützer zu arbeiten?

Es ist eine Herausforderung - schon seit zwei Jahrzehnten. Aber es gelingt uns in immer mehr Gemeinden, dass die Menschen für den Schutz ihrer Umwelt kämpfen. Das gibt uns Kraft. Und wir spüren, dass auch Regierungsvertreter langsam Interesse daran entwickeln, das Richtige zu tun. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden.

Angeblich werden in Nigeria täglich 400.000 Barrell Öl gestohlen. Bei Versuchen, Pipelines anzuzapfen, kommt es immer wieder zu Explosionen mit dramatischen Folgen.
Angeblich werden in Nigeria täglich 400.000 Barrell Öl gestohlen. Bei Versuchen, Pipelines anzuzapfen, kommt es immer wieder zu Explosionen mit dramatischen Folgen.(Foto: REUTERS)

Während Deutschland etwa seit Jahren auf eine Energiewende und den Schutz der Natur setzt, steht Nigeria wie viele andere Entwicklungsländer also erst am Beginn eines noch ungewissen Wandels. Anders als Deutschland muss das Land aber auch eine besonders hohe Hürde überwinden. Die Staatseinnahmen Nigerias stammen zu 80 Prozent aus der Erdölindustrie. Kann Nigeria von einer Energiewende, von einem grünen Wandel überhaupt profitieren? Wie müsste ein Green New Deal für das Land aussehen?

Ein Green New Deal. (lacht) Es ist bedauerlich, dass Nigeria sich fast vollständig vom Erdöl abhängig macht. Denn es hat der Nation bisher überhaupt nicht geholfen. Es hat stattdessen vielmehr drängende Probleme geschaffen - wirtschaftliche und ökologische, soziale und politische.

Vom Ölreichtum Nigerias profitiert nur eine kleiner Zirkel der Superreichen. Das Geschäft mit dem Öl steckt voller Korruption und sorgt für Neid und Konflikte zwischen den Regionen mit und denen ohne Vorkommen.

Wir schwimmen da in sehr dunklen Gewässern. Es ist völlig unsinnig die Zukunft Nigerias mit Öl zu planen. Wir wissen nicht einmal, wie viel Öl die Konzerne jeden Tag fördern. Und da wir das nicht wissen, haben wir auch keine Ahnung, wie lange die Vorräte überhaupt noch reichen würden. Ein Green New Deal für mich bedeutet: Wir müssen weg vom Öl. Wir dürfen keine weiteren Ölfelder eröffnen. Stattdessen sollten wir zunächst den Öldiebstahl eindämmen. Laut dem Finanzministerium werden von organisierten Kriminellen mit internationalen Verbindungen jeden Tag 400.000 Barrel Öl gestohlen. Gelingt es den Diebstahl einzudämmen, würden sich die Staatseinnahmen verdoppeln. Dieses Geld müssen wir dann in erneuerbare Energien investieren.

Wie genau würde das Aussehen?

Aktivisten hoffen auf Impulse vom Klimagipfel in Doha. Sie fordern die arabischen Staaten auf, voranzuschreiten.
Aktivisten hoffen auf Impulse vom Klimagipfel in Doha. Sie fordern die arabischen Staaten auf, voranzuschreiten.(Foto: picture alliance / dpa)

Um die Gier nach den Öleinnahmen und die damit verbundene Korruption einzudämmen gilt es, kommunale oder regionale Strukturen der erneuerbaren Energieversorgung zu etablieren. Ziel muss es sein, eine Energiesouveränität der Bürger zu schaffen. Das wäre für mich der Green New Deal für Nigeria. Und wir machen auf allen Ebenen Druck, damit es dazu kommt.

Was könnte Deutschland tun, um zu helfen?

Deutschland könnte Technologien teilen. Und ich meine natürlich nicht, dass Deutschland seine Kenntnisse für den Bau von Atomkraftwerken nach Nigeria exportiert. Vielmehr sollte es die nigerianische Regierung ermuntern, von den Erfahrungen, die Deutschland mit der Energiewende gemacht hat, zu lernen. Das nützt schließlich auch Deutschland. Der Wohlstand einer Nation ist heutzutage nicht mehr ohne den Wohlstand einer anderen zu denken.

Damit wären wir in Doha. Die Mitgliedsstaaten der UN verhandeln dort dieser Tage, wie sie den weltweiten Klimawandel verhindern können. Und beim Thema Erderwärmung spielt natürlich auch das Öl im Boden Nigerias, einem der Top-Förderer der Welt, eine Rolle. Wie kommt es, dass sie jetzt nicht in der Hauptstadt Katars am Verhandlungstisch sitzen und für eine grüne Wende in Nigeria kämpfen?

Ich boykottiere den Gipfel ganz bewusst, weil ich von den Ergebnissen in Kopenhagen, Cancun und Durban enttäuscht bin. Was weltweit geschieht ist Heuchelei. Alle Prognosen von Wissenschaftlern deuten darauf hin, dass der Großteil der bekannten Erdölreserven auf der Welt im Boden bleiben muss, um undenkbare Folgen zu verhindern. Die Vertreter der Regierungen der größten Kohlenstoffdioxid-Emittenten sind nicht wirklich mit dem Ziel nach Doha gegangen, die Erderwärmung zu stoppen. Während sie versuchen, den Anschein zu erwecken, weltweit etwa zu bewegen, versuchen sie vielmehr sicherzustellen, dass sie ihren Ausstoß Zuhause möglichst nicht verringern müssen. Für mich ist Doha eine weitere verschwendete Chance.

Kann Doha denn nicht zumindest einen grünen Wandel in den Entwicklungsländern, der Teil der Lösung im Kampf gegen die Erderwärmung sein muss, voranbringen?

Auf dem Gipfel in Cancún wurde der grüne Klimafonds eingerichtet, der Entwicklungsländer bis 2020 mit 100 Milliarden Dollar pro Jahr versorgen sollte, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen: Bisher ist das bis heute zugesicherte Geld noch nicht eingezahlt. Die Industrieländer stecken ihre Finger in die falschen Wunden. Der Militäretat der reichen Staaten betrug im vergangenen Jahr 7,1 Billionen Dollar. Und die Industrieländer sind nicht einmal bereit, 100 Milliarden Dollar in einen Fonds zu stecken, der allein noch nicht einmal das Problem lösen würde.

Mit Nnimmo Bassey sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen