Politik
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Montag, 02. Mai 2011

Was bedeutet Bin Ladens Tod?: Ein Sieg für Barack Obama

von Hubertus Volmer

Macht der Tod von Osama bin Laden die Welt sicherer? Das bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: Die arabischen Länder haben derzeit ganz andere Sorgen. Doch für die USA ist die Tötung ihres Erzfeindes eine entscheidende Zäsur und Präsident Obama kann mit dem Erfolg beim ganzen Volk punkten.

"Sein Tod macht die Welt zu einem sichereren Ort", glauben EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy. So weit ging nicht einmal Barack Obama. "Es gibt keinen Zweifel, dass Al-Kaida weiterhin versuchen wird, uns anzugreifen", sagte der US-Präsident, als er den Tod des Terroristenführers Osama bin Laden verkündete. "Wir müssen und wir werden wachsam bleiben".

Die Sicherheitsvorkehrungen in den USA wurden erhöht: Polizei in der Grand Central Station in New York.
Die Sicherheitsvorkehrungen in den USA wurden erhöht: Polizei in der Grand Central Station in New York.(Foto: AP)

Obama betonte zum wiederholten Male, dass die USA sich nicht in einem Krieg mit dem Islam befinden. "Bin Laden war kein muslimischer Anführer. Er hat Massenmorde an Muslimen begangen." Sein Tod solle von allen begrüßt werden, "die an Frieden und menschliche Würde glauben".

Dennoch versetzte das Außenministerium in Washington Botschaften und Konsulate weltweit in erhöhte Alarmbereitschaft. Die US-Regierung appellierte "dringend" an die US-Bürger in besonders brisanten Regionen, "angesichts der Unsicherheit und Unberechenbarkeit der gegenwärtigen Lage" Massenversammlungen oder gar Demonstrationen zu meiden. Bis zum 1. August soll die Warnung zunächst gelten. Das Auswärtige Amt in Berlin mahnte ebenfalls zu erhöhter Vorsicht bei Auslandsreisen. Racheakte könnten auch andere westliche Einrichtungen als die der USA treffen.

Niedergang oder Radikalisierung?

Die Sorge liegt auf der Hand: Statt zum Niedergang seines Terrornetzwerks könnte der Tod des Al-Kaida-Chefs zu einer neuen Welle der Radikalisierung in der islamischen Welt führen - oder wenigstens zu einer neuen Welle von Anschlägen. "Es könnte sein, dass es zu einem Aufschrei unter fanatischen Islamisten kommt und zu vermehrten Anschlägen", sagt etwa der Friedensforscher Werner Ruf.

Anhänger der pakistanischen Partei Jamaat-e-Islami demonstrieren gegen die Tötung ihres Idols.
Anhänger der pakistanischen Partei Jamaat-e-Islami demonstrieren gegen die Tötung ihres Idols.(Foto: AP)

Auch Britta Petersen, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung im pakistanischen Lahore, hält es für möglich, "dass Al-Kaida jetzt erst recht das Haupt erheben wird, um zu zeigen, dass sie zwar Osama verloren haben, aber noch lange nicht erledigt sind". Sie könne sich vorstellen, dass Bin Ladens Tod "Al-Kaida jetzt wieder neuen Schwung geben wird", sagte Petersen n-tv.de.

Ebenso könnte es allerdings sein, dass Al-Kaida nun geschwächt ist. "Bin Laden war das Symbol für die Langlebigkeit der Al-Kaida und ihren entschlossenen Widerstand gegen den Westen", sagt Thomas Hegghammer, Militärexperte am norwegischen Forschungsinstitut für Verteidigung. "Jetzt ist das Symbol weg." Die dezentrale Struktur von Al-Kaida schwäche Kommando und Kontrolle der Organisation bereits seit Jahren.

Schon seit langem gilt Bin Laden nicht mehr als der zentrale Kopf seines Netzwerks. Die meisten der jüngeren Al-Kaida-Aktionen seien "in der Peripherie und nicht im Zentrum angestoßen" worden, sagt Paul Pillar, ein früherer hochrangiger US-Geheimdienstler. Pillar nennt vor allen anderen den Al-Kaida-Zweig im Jemen, die unter der Bezeichnung Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel agiert. Ihr Anführer Anwar al-Awlaki soll den US-Soldaten angestiftet haben, der im November 2009 bei einem Amoklauf in Fort Hood in Texas 13 Menschen getötet hat.

Bin Laden für Araber "nur schlechte Erinnerung"

Amerikanische Zeitungen vom 2. Mai.
Amerikanische Zeitungen vom 2. Mai.(Foto: REUTERS)

Ein Blick auf die arabische Welt zeigt, dass es durchaus Grund zur Hoffnung gibt. Denn zwischen Marokko und Syrien haben die Völker ganz andere Sorgen als das Wohl oder Wehe eines in Pakistan versteckten Terroristenchefs. "Bin Laden ist nur eine schlechte Erinnerung", sagt Nadim Houry von Human Rights Watch in Beirut. Die Region sei längst in eine andere Richtung unterwegs - hin zu Freiheit und Demokratie.

Houry räumt ein, dass die Al-Kaida-Anschläge "in der ersten Zeit möglicherweise einige Fantasien" beflügelt hätten. "Aber seine sinnlosen Zerstörungsakte vernichteten jede Anziehung, die er damals vielleicht hatte."

"Auf Bin Laden hatten in der öffentlichen Meinung einmal Hoffnungen geruht, aber heute sagen die arabischen Nationen, wir brauchen niemanden, der für uns spricht, und sorgen selbst für den Wandel", sagt auch Mahdschub Sweiri von der Universität in Katar. Bin Ladens Tod werde nur den wenigen etwas bedeuten, die noch an die Strategie glaubten, dem Westen maximalen Schaden zuzufügen.

"USA, USA, USA!"

Und so bleiben die USA als einziges Land, für die der Tod Bin Ladens einen tiefen Einschnitt bedeutet. Zehn Jahre nach den folgenschwersten Angriffen auf die USA seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Drahtzieher endlich zur Strecke gebracht. Der spontane Jubel in New York und vor dem Weißen Haus zeigt, wie wichtig dies für die kollektive Psyche des Landes ist.

Ein gespaltenes Land findet zusammen - für wie lange?
Ein gespaltenes Land findet zusammen - für wie lange?(Foto: REUTERS)

"Es ist Krieg, und ich fühle: Wir haben gewonnen", sagt ein Feuerwehrmann am Ground Zero in New York. Ein Präsident, der einen Krieg gewonnen hat, gewinnt normalerweise auch die darauf folgenden Wahlen - wobei Mitglieder der US-Regierung bereits darauf hinweisen, dass George Bush senior die Wahl von 1992 trotz des siegreichen Golfkriegs verlor. Denn bei aller Euphorie haben Obamas Berater nicht vergessen, dass ihr Chef derzeit mit die schlechtesten Umfragewerte seiner Amtszeit hat.

Obama hatte im Wahlkampf versprochen, Bin Laden zur Strecke zu bringen: "Wir werden Bin Laden töten." Damit hat er einen Fehler und ein Versäumnis seines Vorgängers korrigiert: Der Abzug der US-Truppen aus dem Irak hat begonnen. Und Bin Laden ist tot.

Zudem hat Obama jetzt die Chance, sein gespaltenes Land wenigstens kurzzeitig zu einen. Der Ruf der Stunde ist "USA, USA!", vereinzelt auch "Yes We Can". Doch wer jetzt "Politik" im Sinn hat, wie die Amerikaner den ewigen Parteienstreit abfällig nennen, wird beim Wähler sofort in Ungnade fallen. Das dürfte auch für die "Tea Party"-Radikalen in den Reihen der Republikaner gelten, deren zentrales Ziel bislang die Blockade ist.

Obama erinnerte in seiner Ansprache aus dem Weißen Haus an das Gefühl von Einigkeit, dass die USA nach dem 11. September 2001 erfüllte. "Ich weiß, dass es zuweilen ausgefasert ist. Dennoch ist die Leistung des heutigen Tages Zeugnis der Großartigkeit unseres Landes und der Entschlossenheit des amerikanischen Volkes."

Phillies-Fans skandieren "USA, USA" im Spiel gegen die Mets.
Phillies-Fans skandieren "USA, USA" im Spiel gegen die Mets.(Foto: REUTERS)

Die neue Einigkeit war selbst im Baseball-Stadion zu spüren. Bei der Begegnung von Philadelphia Phillies und New York Mets - zwei Vereine, die eine ebenso intensive wie legendäre Gegnerschaft verbindet - wunderten sich die Spieler auf einmal, warum die Zuschauer beider Seiten auf einmal einmütig "USA, USA!" riefen.

Bilderserie

Bin Ladens Ende löst keines der großen Probleme der USA - Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Energiepreise. Vor zehn Jahren traf der Schock von 9/11 auf ein Land, dem es gut ging. Heute leiden die USA eher unter dem Gefühl, zusehen zu müssen, wie die alte Überlegenheit langsam schwindet. Das Land, das sich wie kein zweites nach Stärke und Einheit sehnt, ist verunsichert und gespalten. Doch wenn sogar Phillies- und Mets-Fans gemeinsam singen, könnte möglicherweise auch der Hass abebben, der die politische Kultur der USA seit zwei Jahren vergiftet. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

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Quelle: n-tv.de

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