Politik

Oktoberfest-Attentat bleibt ungeklärt: Ein dunkler Fleck

Christian Bartlau

Es war das blutigste Attentat der deutschen Geschichte. Am 26. September 1980 explodierte auf dem Oktoberfest in München eine Bombe, die 13 Menschen tötete und über 200 verletzte. In einer ersten Stellungnahme machte Franz Josef Strauß, damals Ministerpräsident Bayerns und neun Tage später Kanzlerkandidat der Union bei den Bundestagswahlen, die RAF für den Anschlag verantwortlich. Kurz darauf wurde jedoch klar, dass der bei dem Vorfall ums Leben gekommene Täter Gundolf Köhler Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen hatte.

Feuerwehr und Festbesucher kümmern sich um einen Verletzten.
Feuerwehr und Festbesucher kümmern sich um einen Verletzten.(Foto: picture-alliance / dpa)

Dennoch deuteten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf die Tat eines einzelnen, verwirrten 21-Jährigen hin. An dieser Einzeltäterthese halten die offiziellen Stellen bis heute fest, und bis heute ist sie stark umstritten. "Es beleidigt meinen Intellekt, dass ich glauben soll, ein von seinem Studium frustrierter junger 21-Jähriger habe ohne Background, ohne Mittäter und ohne organisatorischen Zusammenhang eine Bombe gebastelt und sei dann von Baden-Württemberg aus nach München gefahren, um sie auf dem Oktoberfest zu zünden", sagt der Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag im Gespräch mit n-tv.de.

Der rechtspolitische Sprecher der Grünen richtete im Mai zusammen mit seiner Fraktion in einer Kleinen Anfrage rund 300 Fragen an die Bundesregierung, die 29 Jahre nach dem Attentat weiterhin offen sind. Was etwa ist von der internen Einschätzung zweier Staatssekretäre des Bundesministeriums des Inneren zum Oktoberfest-Attentat zu halten, wonach "der Bombenanschlag durch rechts-extremistische Kreise inszeniert worden ist"? Warum wurden Aussagen von Zeugen missachtet, die Köhler vor dem Anschlag mit zwei Männern gesehen haben?

Neue Erkenntnisse aus Stasi-Akten

Fragen, die seit Jahren regelmäßig durch die Öffentlichkeit gehen. Anstoß zur jetzigen Diskussion gaben neue Enthüllungen, die der Journalist Tobias von Heymann in seinem Buch "Die Oktoberfestbombe" öffentlich gemacht hat. Von Heymann suchte bei der Birthler-Behörde nach Akten, die das einstige DDR-Ministerium für Staatssicherheit über das Attentat angelegt hatte. Was er fand, überstieg seine Erwartungen: "Als gleich bei der ersten Akteneinsicht Unterlagen über die 'Aktion Wandervogel' auftauchten, ahnte ich, weitere Recherchen könnten sich richtig lohnen", so von Heymann zu n-tv.de. Verfassungsschützer aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen leiteten 22 Stunden vor dem Attentat unter diesem Decknahmen eine Operation gegen die Wehrsportgruppe Hoffmann ein - eine rechtsradikale paramilitärische Organisation, in der Gundolf Köhler seine technische und ideologische Grundausbildung erhielt.

"Die Verbindungen zwischen rechtsextremen Gruppierungen und staatlichen Stellen sind gut belegt. Sie waren durchsetzt mit V-Männern des Verfassungsschutzes, Spitzeln des BND und erstaunlich vielen Bundeswehrangehörigen", erklärt Montag. Es gibt den Verdacht, dass der Staat auf diesem Weg das nötige Know-How eingebracht hat, um terroristische Aktivitäten zu ermöglichen, etwa für Bombenanschläge wie auf dem Oktoberfest. Montag: "Man muss sich Gedanken machen, ob hier der Hund mit dem Schwanz oder der Schwanz mit dem Hund gewackelt hat." Bei einer Hausdurchsuchung bei den Eltern von Köhler wurden zwar zahlreiche Hinweise darauf gefunden, dass der Geologiestudent an Bomben gebastelt hatte. Allerdings entdeckte die Polizei weder Spuren des Sprengstoffs, der am 26. September benutzt worden war, noch eine Zündvorrichtung. Von Heymann betont: "Was für ein Zünder das TNT in der Bombe zur Explosion brachte, ist bis heute zumindest nicht öffentlich bekannt. Die Ermittler fanden am Tatort Reste eines Kabels. Um TNT zu sprengen, braucht man sehr starke Zünder - beim Militär verwendet man deshalb spezielle Zündkapseln. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Köhler sich selbst solch eine Kapsel besorgt haben konnte. Es gab und gibt für diese Zünder keinen Schwarzmarkt."

Tobias von Heymanns "Die Oktoberfest-Bombe" ist 2008 im Nora-Verlag erschienen.
Tobias von Heymanns "Die Oktoberfest-Bombe" ist 2008 im Nora-Verlag erschienen.

Ein logistisches Problem für Terroristen, vor dem übrigens auch die Sauerland-Gruppe stand. Die bekam ihren Zünder laut Aussage des Angeklagten Attila Selek von Mevlüt K. - einem mutmaßlichen V-Mann für den türkischen Geheimdienst.

Rechtsterrorismus hatte ungeahnte Qualität

Nach dem Studium von über 12.000 Stasi-Akten für sein Buch ist von Heymann überzeugt, dass der DDR-Geheimdienst über die rechtsradikalen Netzwerke und ihre Verbindungen zu staatlichen Stellen in der Bundesrepublik und in ganz Europa bestens informiert war. Im Jahr 1982 waren 45 Informelle Mitarbeiter (IM) in der Szene tätig. Laut von Heymann waren die Rechtsterroristen viel gefährlicher und besser vernetzt, als bisher bekannt. "Vor drei Jahren hätte ich das Wort Rechtsterrorismus nicht in den Mund genommen. Heute weiß ich, dass es ein flächendeckendes Netz an rechtsradikalen Terrororganisationen gab, die gut ausgebildet, strategisch bestens organisiert und eng mit geheimen Kommandostrukturen verzahnt waren." Stand eine solche rechtsterroristische Gruppe hinter dem Oktoberfest-Attentat? Von Heymann sieht dafür ausreichend Indizien: "Die Stasi hat diesen Vorfall nicht als singuläres Ereignis betrachtet, sondern als Teil einer Anschlagserie, die in der Bundesrepublik und weiteren Teilen Westeuropas von rechten Terroristen begangen wurde."

Demonstranten stehen am 20. Jahrestag des Anschlages vor dem Mahnmal am Haupteingang des Oktoberfestes.
Demonstranten stehen am 20. Jahrestag des Anschlages vor dem Mahnmal am Haupteingang des Oktoberfestes.(Foto: picture-alliance / dpa)

Im August 1980 forderte der traurige Höhepunkt dieser Serie 85 Menschenleben, als auf dem Hauptbahnhof der italienischen Stadt Bologna eine Bombe explodierte. Dahinter steckte ein europaweites NATO-Kommando, das in Italien unter dem Namen "Gladio" bekannt wurde. Es organisierte sogenannte "Stay-Behind"-Gruppen, die für den Partisaneneinsatz im Falle eines Einmarsches der Sowjetunion in Westeuropa gedacht waren. Solche Verbände existierten erwiesenermaßen während der 70er und 80er Jahre auch in der Bundesrepublik.

Beweismittel sind vernichtet

Bleibt die Frage nach einer Verbindung zwischen diesen militärischen Strukturen und den paramilitärischen deutschen Wehrsportgruppen. Von Heymann spricht vage von einer "erschreckenden Analogie" zwischen den Aufgaben der Stay-Behind-Organisationen und den rechtsterroristischen Gruppierungen, die dem anti-kommunistischen Kampf auch ideologisch verbunden waren. Wegen ihrer Sonderrolle bei einem möglichen Krieg, hat die Stasi die Mitglieder dieser Stay-Behind-Verbände äußerst eng beschattet und ihrem Aufspüren höchste Priorität eingeräumt. Von Heymann fand in den Stasi-Unterlagen sehr detaillierte Belege dafür, wie die BND-Zentrale in Pullach mit ihren Agentengruppen Funkkontakt hielt: "Es ergingen etwa Anweisungen an diese Gruppen, Depots anzulegen."

Jerzy Montag ist rechtspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.
Jerzy Montag ist rechtspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

So belegen Stasi-Dokumente zweifelsfrei, dass der BND mit einer "Gruppe 27" über Funk kommunizierte und dieser mehrfach befahl, "geeignete Orte" für "Materialverstecke" zu erkunden. Von Heymann: "Landkarten der Stasi zeigen sehr präzise, dass diese 'Gruppe 27' exakt in dem Gebiet der Lüneburger Heide tätig war, wo auch der Rechtsextremist Heinz Lembke seine Waffen- und Sprengstofflager anlegte und sich an militanten Wehrsportübungen von Neonazis beteiligte." Lembke bezeichnete sich selbst als "Werwolf", der im Falle einer sowjetischen Intervention hinter feindlichen Linien Sabotage- und Guerilla-Aktionen durchführen wollte. Lembke verfügte über mehr als 30 größere Waffenlager in der Lüneburger Heide. Wegen des Verdachts, den Sprengstoff für das Oktoberfest-Attentat besorgt zu haben, wurde sein Haus kurz nach dem Anschlag von der Polizei durchsucht - ohne Ergebnis. Erst 1981 stießen Waldarbeiter zufällig auf seine Waffendepots. Einen Tag vor seiner Vernehmung wurde er erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Nur ein weiterer merkwürdiger Vorgang in einem bis heute nebulösen Fall.

Die Generalbundesanwaltschaft hat als Reaktion auf die neuen Erkenntnisse angekündigt, die Akten der Staatssicherheit zumindest zu prüfen. Ob es zu einer Neuaufnahme der Ermittlungen kommt, ist allerdings unklar. Montag weist darauf hin, dass in Italien durch die Aufnahme von Strafprozessen um die "Gladio"-Ereignisse die Strukturen dieser Geheimorganisation und ihre Verflechtungen in die offizielle Politik beleuchtet werden konnten. In Fall des Oktober-Attentats dürfte das schwierig werden. Sämtliche Beweismittel zum Attentat wurden bereits 1997 vernichtet. Ein Umstand, der Montag wütend macht: "Das grenzt an eine strafbare Handlung. Mord ist ein Verbrechen, das nicht verjährt. Dass in einem Mordverfahren, das nie rechtskräftig abgeschlossen wurde, Beweise in staatlicher Hand vernichtet werden, ist skandalös."

Platzt die "politische Bombe"?

Der Bundestagsabgeordnete hofft, dass mit der Kleinen Anfrage die Debatte in den Medien und der kritischen Öffentlichkeit neu aufbricht, auch wenn die offiziellen Antworten der Bundesregierung "nichtssagend und formelhaft" sind. "Die Frage, ob es im Dunstkreis geheimer Organisationen zu einer entsetzlichen Kooperation mit neonazistischen Kreisen gekommen ist, treibt mich um. Wenn dafür der Nachweis gelänge, wäre das auch heute noch eine politische Bombe."

Buch-Autor von Heymann ist optimistisch, dass die Hintergründe des 26. September 1980 in den Fokus der Geschichtsschreiber rücken werden: "Das ist eine Geschichte des Kalten Krieges, der lange vorbei ist. Ich bin zuversichtlich, dass die neuen Informationen heute ohne die alten Reflexe aufgenommen werden, schließlich kann sie niemand mehr instrumentalisieren".

Quelle: n-tv.de

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