Politik
Nach Veranstalterangaben haben mehr als 60.000 Menschen gegen Erdogan in Köln demonstriert.
Nach Veranstalterangaben haben mehr als 60.000 Menschen gegen Erdogan in Köln demonstriert.(Foto: imago/epd)
Samstag, 24. Mai 2014

"Taksim ist überall": Erdogan zerteilt Köln

Von Christoph Herwartz, Köln

Ein Besuch trägt die türkische Politik nach Deutschland. In Köln kann man spüren, wie gespalten die vielfältige türkische Gesellschaft ist.

Video

Der Ebertplatz in Köln ist für große Demonstrationen nur bedingt geeignet. Bäume versperren die Sicht, von der Bühne aus lässt sich gar nicht sehen, wie viele Menschen über die Straßen hierhin strömen. Laut Polizei sind es 30.000, die Veranstalter sprechen von mehr als doppelt so vielen. Sie rufen Slogans, in denen die Worte "Erdogan" oder "Taksim" vorkommen, manchmal auch auf Deutsch: "Taksim ist überall, Taksim ist überall." Heute muss der Ebertplatz als Ersatz für den Taksim herhalten, den Platz in Istanbul, den Ministerpräsident Erdogan immer wieder gewaltsam von Demonstranten befreien lässt, wo Tränengas in die Menge geschossen wurde und Menschen starben.

Die Demo begleitet den Besuch Recep Tayyip Erdogans in Köln, wo er am Abend sprechen wird. Erdogan ist der Ministerspräsident, der für eine konservativ-islamisch geprägte und gleichzeitig nationalistische Türkei steht und der keinen Widerspruch duldet. Seit er Regierungschef ist, gibt es Proteste. Dass er seit dem vergangenen Jahr immer mehr Gewalt ausübt, hat seine Gegner zusammengeschweißt. "Seit Erdogan da ist, tun wir uns mit Alewiten und Kurden zusammen", sagt das Mitglied einer linken türkischen Partei aus Frankfurt. Auch Kurden sind da, türkische Christen, Armenier.

Die Menschenmasse setzt sich in Bewegung. Die Sprechchöre und Transparente sind mehrheitlich auf Türkisch, aber die Demonstranten übersetzen gern, wenn man fragt. Eine Frau bringt nur ein paar holprige Worte auf Deutsch heraus, ihr Akzent zeigt deutlich, woher sie kommt: Mit etwa 100 anderen ist sie eigens aus Paris angereist, um gegen Erdogan zu demonstrieren. Man trifft hier Leute aus der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und allen Teilen Deutschlands. Sie erzählen von ihren Verwandten in der Türkei, die sich auf Facebook oder an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr trauen, etwas Kritisches zu äußern. "Es wird viel Druck gemacht", sagt eine Frau aus Krefeld. Sie erzählt von Journalisten in ihrer anderen Heimat, die ihre Jobs verlieren und von Regierungskreisen mundtot gemacht werden.

Erinnerung an Soma

Hier auf den Kölner Ringen werden hundertfach Dinge ausgesprochen, für die eine Demo in der Türkei derzeit sofort aufgelöst würde. "Erdogan ist der Feind aller Andersgläubigen", ruft eine Frau von einem Lkw, "er ist der Architekt einer Parallelgesellschaft". Die Frau aus Krefeld glaubt, dass er sich nur durch Druck und Wahlfälschung an der Macht hält.

Viele der Demonstranten tragen gelbe Helme, sie sollen an die Opfer des Grubenunglücks von Soma erinnern. 301 Menschen starben vor knapp zwei Wochen, Erdogans Worte der Anteilnahme wurden überlagert von der flapsigen Bemerkung, so etwas passiere nun einmal und sei nicht zu verhindern. "Keine Kohle wird die Väter wärmen welche ihre Söhne verloren haben", steht auf einem Transparent." Ein anderes ist in holprigem Kölsch beschrieben: "Verzäll denge Blödsinn zu Hause."

Auf der anderen Rheinseite sieht die Welt ganz anders aus. Hier stehen junge Männer vor der Kölnarena, in der am Abend Erdogan erwartet wird. Auf ihre T-Shirts ist das Konterfei des Ministerpräsidenten gedruckt, sogar Erdogan-Fanschals gibt es. In der Arena heizt der Moderator schon einmal 15.000 Menschen an. Wenn sie den Namen ihres Regierungschefs rufen, klingt das ganz anders, als drüben auf dem Ebertplatz.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen