Politik
Erdogan wirft rote Blumen ins Publikum. Auch ohne Blumen hätte der türkische Premier seine Fans begeistert.
Erdogan wirft rote Blumen ins Publikum. Auch ohne Blumen hätte der türkische Premier seine Fans begeistert.(Foto: REUTERS)
Samstag, 24. Mai 2014

Tausende bejubeln Premier: Erdogans ungebremste Macht

Von Christoph Herwartz, Köln

Solche Reden gibt es sonst in Deutschland nicht: Der türkische Ministerpräsident versetzt seine Zuhörer in Ekstase. Gibt es überhaupt noch etwas, das ihn stoppen könnte?

Der türkische Ministerpräsident bewegt sich mit kleinen Schritten, er winkt fast zögerlich, sein Gesicht rührt sich nicht. So langsam, wie er unter der Tribüne hervorkommt, mit so viel Wucht reagieren die Menschen auf seinen Auftritt. "Recep Tayyip Erdogan", skandieren sie. "Recep Tayyip Erdogan!" Pfiffe gellen durch die Halle, die Menschen brüllen wie in Ekstase. Der Lärmpegel wird bis zum Ende der Veranstaltung nicht mehr nachlassen. Der Moderator heizt weiter an: "Recep Tayyip Erdogan" Pause. Und wieder: "Recep Tayyip Erdogan". Jedes Mal kommt lautes Gejohle zurück.

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Es gibt keine politische Parole, unter der sich die 18.000 Deutschtürken hier versammelt haben, nur diesen Namen. Sie rufen ihn wie die Namen der Popstars gerufen werden, die sonst hier auftreten. Manche Meisterschaftsspiele der Kölner Haie in dieser Halle wirken geradezu öde im Vergleich mit den Emotionen, die hier frei werden.

Erdogan spricht früh das heikle Thema an, an dem er sowieso nicht vorbeikommen kann: Das Grubenunglück von Soma, bei dem vor elf Tagen 301 Menschen starben. Seine ersten Äußerungen dazu hatten in der Türkei Wut hervorgerufen. Hier sagen die Leute, er sei falsch verstanden worden. Erdogan macht jetzt das, was er immer macht, wenn er angegriffen wird: Er schaltet auf Gegenangriff, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Die "Kreise", die ihn kritisierten, wollten das Unglück für sich ausnutzen. "Doch dieses Spiel wird niemals erfolgreich sein."

Überhaupt diese "Kreise", so wird es live übersetzt, sie sind das Leitmotiv der Rede. Die "Kreise" spotten über die Menschen in den Bergwerken, sie seien ungebildet, die "Kreise" liegen am Bosporus und betrinken sich, die "Kreise" wollen das Volk terrorisieren, die "Kreise" glauben, sie stünden über dem Volk und könnten auf es herabblicken, die "Kreise" wollen verhindern, dass die Türkei sich weiterentwickelt. Mal sind mit diesem Wort die Demonstranten auf dem Taksim gemeint, mal Parteien und Medien im Ausland, mal der Prediger Fethullah Gülen. Aus Erdogans Sicht haben sie sich alle verschworen. Wenn er sie anspricht, pfeifen und buhen die Leute auf den Rängen.

"Die" und "wir"

Erdogan, das ist der Mann, der die Türkei scheinbar im Alleingang verändert hat: Er hat die Wirtschaft liberalisiert und zum Wachsen gebracht. Er hat Schulden abgetragen und gleichzeitig Arbeitsplätze geschaffen. Aber nicht nur das: Vor allem hat er den Menschen eine Stimme gegeben, die mit der strikten Trennung von Staat und Religion noch nie einverstanden waren. "Vor den Schulen weinten die Mütter", sagt Erdogan. "Sie durften ihre Töchter nicht zur Schule schicken, weil sie Kopftuch tragen." Man kann es nicht abstreiten, dass ein solches Gesetz problematisch ist.

Auch Erdogans immer betont konservativ gewandete Ehefrau Emine war in Köln dabei.
Auch Erdogans immer betont konservativ gewandete Ehefrau Emine war in Köln dabei.(Foto: dpa)

Jahrzehntelang lag die Macht über die Türkei in der Hand einer Elite, die Staat und Religion strikt trennte und das Land so zum vielleicht modernsten muslimischen Staat der Erde machte. Doch die fromme Landbevölkerung litt unter dem System. "Sie sagten: Du bist ein Arbeiter, darum musst du Arbeiter bleiben", ruft Erdogan. "Mit einem Kopftuch kannst du den Haushalt machen, aber nie Arzt oder Lehrer oder Rechtsanwalt werden und schon gar nicht ins Parlament. Das haben sie gesagt, immer wieder." Die Islamisierung der türkischen Politik beschreibt Erdogan als Akt der Emanzipation: "Wir haben das Kopftuch befreit."

"Die" und "wir". "Die", das sind die arroganten "Kreise", die Demonstranten auf dem Taksim und auch die auf dem Ebertplatz in Köln. "Wir", das sind die Unterdrückten, die nun endlich einmal zu ihrem Recht kommen. Eine Besucherin wird nachher sagen, dass sie es toll findet, dass Erdogan so selten von sich selbst spricht, und so oft von "uns". Gleichzeitig äußert er nicht den Hauch von Verständnis gegenüber den 3,5 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr gegen ihn protestiert haben. Lieber spricht er von "Terroristen" und kapselt sie ab.

Er kann sich das leisten, er hat die Mehrheit hinter sich. Mehrfach erwähnt er die Kommunalwahlen, die erst drei Wochen her sind und seiner Partei AKP die wichtigsten Bürgermeisterposten des Landes bescherten. "Egal, was die 'Kreise' schreiben und kommentieren, sie haben ihre Antwort bekommen und werden sie weiter bekommen." Und überhaupt: Es sei "schwarze Propaganda", dass in der Türkei keine Pressefreiheit herrsche. Als Beweis wiegt er die Pressefreiheit gegen die Folgen von Ausschreitungen auf: "Ist es Pressefreiheit, Polizisten umzubringen und Soldaten zu beschießen?" Bei solchen Sätzen buhen die Menschen im Oval der Kölnarena, ihre Rufe gelten den Demonstranten und Journalisten.

Wer wird wohl als Staatspräsident kandidieren?

Erdogan spricht auch über die Situation der Türken in Deutschland, er ruft sie auf, zu wählen und sich zu integrieren. Ansonsten könnte diese Rede so auch in Istanbul oder Ankara stattfinden - nur dass dann die Gegendemonstranten auf mehr Widerstand treffen würden.

Erdogan ruft auch dazu auf, im August den türkischen Präsidenten mit zu wählen und erklärt detailliert, was man dabei alles beachten muss. Wer der Kandidat der AKP sein wird, sei noch nicht entschieden, so der Ministerpräsident. Als er das sagt, stimmen einige noch einmal einen Sprechchor mit seinem Namen an: "Recep Tayyip Erdogan! Recep Tayyip Erdogan!"

Nach diesem Abend voller Begeisterung und Ekstase kann man sich nur schwer ausmalen, was Erdogan noch stoppen kann. Er lässt unliebsame Journalisten feuern und legt sich mit halb Westeuropa an. Er lässt Demonstranten zusammenschlagen und bringt die Hinterbliebenen von verunglückten Bergleuten gegen sich auf. Er sperrt Twitter und Youtube, wenn ihm die Kritik zu scharf wird. Aber diese Menschen folgen ihm bedingungslos. Was wäre wohl der Punkt, an dem sie ihn nicht mehr unterstützten?

Nach der Veranstaltung stehen draußen vor der Tür ein paar junge Frauen und unterhalten sich über das, was sie da gerade erlebt haben. Wenn man ihnen diese Frage stellt, schaut man nur in große Augen.

Quelle: n-tv.de

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