Politik
Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Hollande und die anderen EU-Chefs sitzen in Oslo im Publikum. Italiens Premier Monti (r.) schaut etwas unwirsch.
Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Hollande und die anderen EU-Chefs sitzen in Oslo im Publikum. Italiens Premier Monti (r.) schaut etwas unwirsch.(Foto: REUTERS)

Nobelpreis für die EU: Europa, hör die Signale!

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Europa ist doch nicht verloren. In Oslo erhält die EU den Friedensnobelpreis. Das Komitee will damit würdigen, motivieren und vor allem erinnern: Europa ist besser als sein Ruf und weit mehr als Schuldenkrise und Griechenland-Rettung. Die Entscheidung für die EU ist, aller Kritik zum Trotz, völlig richtig.

Vor der Preisverleihung waren Schulz (2.v.l.), Barroso (M.) und Van Rompuy zu Gast bei König Harald und Königin Sonja.
Vor der Preisverleihung waren Schulz (2.v.l.), Barroso (M.) und Van Rompuy zu Gast bei König Harald und Königin Sonja.(Foto: AP)

Der rote Teppich in Oslo ist ausgerollt. Die Fotografen sind bereit für das große Blitzlichtgewitter. Die Limousine hält an und wer steigt aus? Es ist ein Trio. José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy und Martin Schulz. Sie repräsentieren in diesem Moment 502 Millionen Menschen aus 27 Ländern. Wär' ganz schön eng geworden auf dem Teppich. Deshalb sind die drei gekommen. Der EU-Kommissionspräsident, der Ratspräsident und der Parlamentspräsident: Es ist nicht ihr Preis, aber irgendwer muss ihn ja holen.

Mitte Oktober verkündet das Komitee in Oslo seine Entscheidung: Die EU erhält den Friedensnobelpreis 2012. Für über sechs Jahrzehnte Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte in Europa. Die Reaktionen sind verhalten bis kritisch. Die ehemaligen Preisträger Desmond Tutu, Mairead Maguire und Adolfo Peret Esquivel monieren, dass die EU "eindeutig kein Vorkämpfer für den Frieden" sei, wie dies der Preisstifter Alfred Nobel in seinem Testament im Sinn gehabt habe.

Ein Friedensnobelpreis für eine Organisation und dann noch für die EU: Für viele passt das nicht zusammen. Für den "Durchschnitts-Europäer" ist die EU keine flammende Wahrwerdung der kühnsten Vision eines Vielvölkerstaates. Ob Glühbirnenverbot oder Rettungs-Hebel für Griechenland - Trippelschritte zu einer Einigung zwischen 27 Ländern bedeuten im Alltag meist vor allem eines: Krampf. Die EU ist ein bürokratisches Monster. Aber ist sie nicht noch viel mehr?

Das Lebenswerk ist noch nicht beendet

Es ist ein bisschen wie in einer Ehe. Der europäische Gedanke hat sich nicht völlig abgenutzt, aber gegenüber dem Alltagsfrust tritt er gern in den Hintergrund. Dabei hat der Wille nach Frieden die Mitgliedsstaaten doch einst zusammengeführt. Zunächst Deutschland und Frankreich, im Laufe der Jahre kamen immer mehr hinzu, in den 80ern die von Diktaturen gebeutelten jungen Demokratien Griechenland, Portugal und Spanien, nach dem Fall der Mauer die Staaten aus dem ehemaligen Ostblock. Doch über die gemeinsame Errungenschaft von 60 Jahren Frieden nach zwei blutigen Weltkriegen spricht kein Mensch mehr. Bis die Herren aus Oslo daran erinnerten.

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Der Friedensnobelpreis hat den Schein moralischer Heiligsprechung. Wer seinen Zweck verstehen will, darf ihn aber nicht nur emotional hinterfragen, er muss genau hinschauen. Die Auszeichnung von US-Präsident Barack Obama im Jahr 2009 war umstritten. So richtig ausgezeichnet im Zeichen des Weltfriedens hatte sich Obama bis dahin doch noch gar nicht. Ein Preis, der verliehen wird, den man sich aber erst noch verdienen muss? Ja, das Nobelpreis-Komitee wollte Obama moralisch verpflichten und für die Zukunft ermutigen. Das hat - man denke an die Ausweitung des Drohnen-Krieges - nicht so gut geklappt.

Doch diesmal ist es anders. Die Entscheidung für die EU ist nachvollziehbarer als im Fall Obama. Der Friedensnobelpreis 2012 soll nicht nur ermutigen, sondern auch würdigen. Er würdigt die Versöhnung eines Kontinents, dessen Staaten über Jahrhunderte gegeneinander Krieg führten. Die Gründung der Montanunion 1952, der Mauerfall 1989, die Osterweiterung: All diese Etappen sind bewältigt und aufgetürmt zu einem großen Ganzen. Eine blaue Fahne mit zwölf goldenen Sternen. Und jetzt selbstzufrieden zurücklehnen? Von wegen. Die nächste Herausforderung - die Rückkehr zu wirtschaftlicher Stabilität - hat die EU längst fest im Visier. Im Gegensatz zu Obama hat sich die EU den Preis schon ein bisschen verdient. Der Nobelpreis prämiert ein Lebenswerk, das noch längst nicht beendet ist.

Der Friede sei mit euch

Im Publikum: Prinzessin Mette-Marit und Prinz Haakon.
Im Publikum: Prinzessin Mette-Marit und Prinz Haakon.(Foto: REUTERS)

Natürlich gibt es Probleme in Europa. In vielen Fragen kommt die Gemeinschaft nicht voran. Länder wie die Türkei, die seit Jahren vergeblich darauf warten, Mitglied zu werden. Andere wie Großbritannien, die eine Sonderrolle fordern und die Konsenssuche zusätzlich erschweren. Die europäische Asylpolitik ist unter Menschenrechtsaspekten fragwürdig. Unter den zehn größten Rüstungsexporteuren der Welt befinden sich sieben europäische Staaten. Auch wirtschaftlich mag es manche falsche Entscheidung gegeben haben. Und jetzt kommt plötzlich dieser Preis für die EU, antizyklisch, mitten hinein in eine ihrer größten Krisen.

Und doch kommt die Auszeichnung genau zur richtigen Zeit. Sie soll die Europäer ermutigen, ihr Werk auch in dieser schweren Phase fortzusetzen. Im Angesicht von Schuldenkrise, Staatsbankrott und Pleite-Banken soll der Preis ermahnen, das Erreichte nicht zu vergessen und alles aufs Spiel zu setzen. Mund abputzen, Ärmel hochkrempeln und weiter - das ist die Botschaft. Und doch ist eins wichtig: Der Preis gilt ausdrücklich der Friedens- und nicht der Wirtschaftspolitik. Begriffe wie Vergemeinschaftung, Solidarität und Diplomatie mögen für viele einen Beigeschmack bekommen haben, doch sie stehen stellvertretend für die Jahrzehnte währende Friedenspolitik. Für eine Politik, die sich eben doch gegen militärische Präferenzen und nationale Alleingänge entschieden hat. Viele Menschen in Europa suchen nach wie vor vergeblich nach einer echten Vision, nach einem verbindenden Element. Aber ist das nicht eben jener Frieden, sind sich darin - bei allen Meinungsverschiedenheiten - nicht alle einig?!

In der Vergangenheit erhielten meist einzelne Personen den Nobelpreis. Im Fall der EU wäre das schwierig. Die europäische Einigung hat so viele Gesichter. Natürlich hätte man Helmut Kohl oder Jacques Delors auszeichnen können. Wahrscheinlich hat sich niemand mehr um die EU verdient gemacht. Der Preis hätte ein Gesicht gehabt statt einer kopflosen Organisation. Aber es wäre nicht richtig gewesen. Hätte dieser Preis dann nicht die vielgelobte Einheit torpediert? Beim Nobelpreis 2012 mag das Gesicht fehlen, aber das ändert nichts daran, dass die EU den Preis verdient hat. Die Medaille und die Urkunde, die Schulz, Van Rompuy und Barroso heute entgegen nehmen, ist ein klarer Fingerzeig: Der europäische Patient ist nicht verloren, es gibt vieles, worauf er unglaublich stolz sein kann. Wenn man ihn nur mal daran erinnert.

Quelle: n-tv.de

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