Politik
Fidel Castro.
Fidel Castro.(Foto: REUTERS)
Samstag, 13. August 2016

Fidel Castro wird 90: Gebeugt, gealtert, aber nie gestürzt

Von Christian Bartlau

90 Jahre und ein bisschen müde: Fidel Castro feiert heute seinen runden Geburtstag – jedenfalls nach seiner Zählung. Von seiner Partei hat er sich verabschiedet, von seinem Kampf allerdings nicht.

Die kleine Schummelei lassen sie ihm durchgehen, dem Meister der Inszenierung, der heute seinen 90. Geburtstag feiert – obwohl er in Wirklichkeit erst 89 Jahre alt wird. Fidel Castro selbst hat seine Geburt auf 1926 vorverlegt, die 26 ist für ihn eine mythische Zahl, und Zeit seines Lebens hat er auf die Kraft von Mythen, von Ideen und Überzeugungen vertraut. So hat er ein kleines Land in die Revolution geführt, wenn auch nicht hinaus. Kuba, das Castro von 1959 bis 2006 regiert hat, steht heute vor einer Zeitenwende - und der einstige Máximo Líder nur noch selten im Rampenlicht.

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Von seiner Partei hat er sich schon verabschiedet, beim Kongress in Havanna Ende April. "Bald werde ich wie alle anderen sein", sagte der greise Castro. "Für jeden von uns kommt die Zeit." Erst dann, das zeigte sich im März, wird er auch seinen großen Kampf beenden. Als US-Präsident Barack Obama den einstigen Feindstaat Nummer Eins besuchte, nahm Castro noch einmal revolutionäre Haltung an. In der Parteizeitung "Granma" schrieb er einen Brief, in dem er die "honigsüßen Worte" von Obama geißelte: Die Vergangenheit hinter sich lassen wollte der US-Präsident? Nicht mit Fidel Castro. "Wir haben keine Geschenke des Imperiums nötig", schrieb er, unversöhnlich und stolz, auch mit 90 Jahren noch. Getreu dem Motto seines Genossen Che Guevara: "Hasta la victoria siempre." Und für Castro ist eben das der große Sieg: Dass er noch da ist, dass die USA ihn nicht stürzen konnten. Eine weitere Annäherung an den verhassten großen Nachbarn, die komplette Öffnung Kubas gar für das amerikanische Kapital – das würde Castro als Niederlage auffassen.

Für Kuba, gegen die USA

Wer die Vergangenheit zwischen den USA und Kuba verstehen will, findet dieser Tage genügend Material. Dutzende Artikel erscheinen zum 90. Geburtstag Castros, die ARD zeigte den Dokumentarfilm "Ein Leben für die Revolution". Der Streifen konzentriert sich allerdings auf die Biographie des Revolutionsführers, befragt Weggefährten und zeigt Originalaufnahmen. Einen anderen Ansatz wählt Elke Bader in ihrem Hörbuch "Fidel Castro – Revolutionär und Staatspräsident". Auf vier CDs bettet sie seinen Lebensweg ein in die großen Zeitläufe, zeichnet nicht das Porträt eines einzelnen Mannes, sondern einer Epoche.

Am 13. August 1926 – jedenfalls laut Fidel Castros Version - bringt die Köchin Lina Ruz González einen Sohn zur Welt, Fidel Alejandro Castro Ruz. Der Vater des Jungen: ausgerechnet Linas Chef Angel Castro Argiz, dem eine Zuckerrohrplantage gehörte. Ausführlich widmet sich Bader dem Kuba, in dem der kleine Fidel heranwächst: Es ist ein Vasallenstaat der USA, die amerikanischen Unternehmen bedienen sich an den Reichtümern der Insel, die Manager in den Bordells und die Mafiabosse in den Casinos. Der junge Castro, ein talentierter Sportler, studiert Jura und die Schriften Jose Martis, des legendären Freiheitskämpfers gegen die Spanier. Deren Kolonialregime konnte Kuba 1898 abschütteln, geriet aber sofort unter die Vorherrschaft der USA.

Der Kampf für Kuba – und damit unweigerlich gegen die USA, die Kuba bis heute als Teil ihrer natürlichen Einflusszone begreifen - wird für Castro immer an erster Stelle stehen, auch als er später durch Che Guevaras Einfluss zum Kommunisten wird. Castros berühmteste Losung lautet nicht umsonst "Patria o muerte", Vaterland oder Tod. Hören kann man den typischen Ausruf des Máximo Líder leider nicht, Elke Bader verzichtet auf originale Tondokumente, was man als Purismus einer reinen Hörbuch-Autorin deuten könnte, wären nicht immer wieder Lieder zu hören, die für kubanisches Flair sorgen sollen. So aber fällt das Fehlen von Fidels Castros Stimme auf.

Niedergang an der Seite der Sowjetunion

Die 4 CDs mit 16-seitigem Booklet sind im Griot-Hörbuchverlag erschienen und kosten 14,90 Euro.
Die 4 CDs mit 16-seitigem Booklet sind im Griot-Hörbuchverlag erschienen und kosten 14,90 Euro.

Der Weg des jungen Anwalts zur Ikone der Revolution und zum alleinigen Machthaber in Kuba ist schon oft erzählt worden, vieles ist zur Folklore geworden: Der gescheiterte Angriff auf die Moncada-Kaserne vom 26. Juli 1953, die Gerichtsverhandlung mit dem legendären Ausspruch "Die Geschichte wird mich freisprechen", der eigentlich aussichtslose Guerilla-Krieg an der Seite Che Guevaras, der Sieg der Revolution, die Kuba-Krise, die unzähligen Attentate der CIA. Elke Bader erzählt das alles routiniert und ausführlich, und in vielen übersetzten Originalzitaten.

Sie schildert auch, dass Linke aus aller Welt in Castro einen Helden sehen, und viele im Laufe der Jahre mit ihm brechen – weil er zwar das Land alphabetisiert und ein fortschrittliches Gesundheitssystem organisiert, aber eben auch die freie Meinungsäußerung brutal unterdrückt. Der Guerilla-Kämpfer folgt den blassen Apparatschiks aus Moskau, das gefällt den Revolutionsromantikern gar nicht. Für Castro zahlt sich das Bündnis zunächst aus, Russland kauft den Zucker und bezahlt mit Fabriken, Medikamenten und Autos. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fällt der größte Handelspartner einfach weg, die Wirtschaft kollabiert. Es gibt kein Benzin mehr für die Autos, keine Schuhe, nicht einmal Zahnpasta.

Castro beschwört den Überlebenswillen seines Volkes, predigt "Socialismo o muerte", macht aber gleichzeitig, ganz Überlebenskünstler, einige Zugeständnisse: Der Dollar wird als Parallelwährung akzeptiert, der Tourismus gefördert. Diese "Sonderperiode" führt ab 1996 zu einer Verbesserung der Lage - trotz der unnachgiebigen Haltung der USA, die ihren Handelsboykott Anfang der 90er Jahre nochmals verschärft. Doch sie können Castro einfach nicht in die Knie zwingen. Mit dem Siegeszug der linken Bewegungen in Südamerika Ende der 90er gewinnt Castro auch wieder Verbündete. Vor allem Venezuelas Staatschef Hugo Chavez zeigt sich gern an Castros Seite, schickt Öl und erhält im Gegenzug Lehrer und Ärzte.

Maskottchen der Revolution

Aber Fidel Castro hat seine Kraft eingebüßt. Der westdeutsche Diplomat Henry Jordan hatte Castro 1959 noch einen "jungen Tiger" genannt, nun ist er ein alter Elefant. Immer noch von mächtiger Gestalt und Würde, aber faltig und langsam. Und dickköpfig. Von der Macht lässt er erst, als sein Körper versagt. "Castro gestürzt", so lauten stets die gehässigen Schlagzeilen, wenn seine Beine mal wieder ihren Dienst versagen. Aber er wurde nie gestürzt. Erst 2006, von einer schweren Darmerkrankung fast getötet, übergibt er die Amtsgeschäfte an seinen Bruder Raul Castro, offiziell tritt er 2008 als Staatspräsident ab.

Fortan sieht man ihn selten, und wenn, dann stets in prominenter Gesellschaft. Staatsoberhäupter wie Hugo Chavez und Dmitri Medwedew besuchen Castro und lassen sich mit ihm ablichten wie mit einem alternden Sportstar. Die olivgrüne Uniform hat der Máximo Líder schon lange abgelegt und gegen gemütliche Jogginganzüge eingetauscht, wie es einem Ruheständler gebührt. Castro kann in der Vergangenheit leben, in der er es allen gezeigt hat, in der er zu einer Ikone der Revolution wurde. Wie stolz er darauf ist, überlebt zu haben, zeigt ein schönes Zitat, das Bader gegen Ende ihres Hörbuchs ausgräbt: "An dem Tag, an dem ich wirklich sterbe, werden sie es nicht glauben."

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Quelle: n-tv.de

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