Politik
Für Touristen ist Athen noch immer eine wundervolle Stadt - selbst im Regen.
Für Touristen ist Athen noch immer eine wundervolle Stadt - selbst im Regen.(Foto: dpa)
Samstag, 24. Januar 2015

"Krise ist wie ein Erdbeben": Griechen hoffen, "dass es besser wird"

Von Jan Gänger, Athen

Die jahrelange Rezession hinterlässt in Griechenland tiefe Spuren: Arbeitslosigkeit, Gehaltskürzungen, Perspektivlosigkeit - aber auch viel Gemeinsinn. Ein Besuch in der Hauptstadt der europäischen Krise.

Wer in Athen ankommt, übersieht die Krise leicht. Geschäftiges Treiben, laut tosender Verkehr, das Gewusel einer Großstadt - das lenkt den Blick ab von den zahlreichen geschlossenen Geschäften und ihren mit Plakatresten zugeklebten Schaufenstern.

Zur Not muss Sarkasmus helfen: "Keine Arbeit, kein Geld, kein Problem", heißt es auf diesem T-Shirt in einem Geschäft in Athen.
Zur Not muss Sarkasmus helfen: "Keine Arbeit, kein Geld, kein Problem", heißt es auf diesem T-Shirt in einem Geschäft in Athen.(Foto: dpa)

"Die Krise ist wie ein Erdbeben", sagt Ipatia Doussis-Anagnostopoulou. "Jeder ist davon betroffen. Selbst wenn man nicht im Epizentrum steht, spürt man die Erschütterungen." Die Medizinprofessorin leitet die NGO Anthropos, die in Griechenland Kinder impft und sich durch Spenden finanziert. Sie hat sich vorher in Äthiopien engagiert. Jetzt versucht sie in ihrer Freizeit, in ihrem Land die Folgen der jahrelangen Rezession zu lindern. "Wer in Griechenland seinen Job verliert, verliert auch die Krankenversicherung", sagt die Medizinerin n-tv.de. Die Folge: Arztbesuche und Medikamente werden für viele Menschen unerschwinglich.

"Die Zivilgesellschaft muss helfen", so Doussis-Anagnostopoulou. "Wir können und wollen den Staat nicht ersetzen. Wir springen ein, bis es wieder besser wird." Die Familie spiele eine wichtige Rolle, um mit den Folgen der Krise fertigzuwerden, so die Ärztin. Häufig müsse ein Gehalt oder eine Pension für eine ganze Familie reichen.

Aufträge? Nahe null.

Das kann Vivi Sparmani bestätigen. "Es ist hart", sagt die Lehrerin. "Die Schüler tragen eine Last, die zu schwer für sie ist." Die Probleme der Gesellschaft würden zum Problem der jungen Menschen gemacht. "Wir machen es ihnen schwer, Pläne zu schmieden und zu träumen." Auch die 38-Jährige bekommt die Folge der Krise zu spüren. Rund 17.000 Euro netto hat sie einst im Jahr verdient. Jetzt sind es 10.000 Euro. "Das ist ein mittleres Einkommen", erläutert Sparmani.

Dimitris Kelesidis verdient schlechter. Der 25-Jährige hat im vergangenen Herbst seinen Abschluss als Bauingenieur gemacht und ist arbeitslos. Er wohnt zu Hause und hält sich mit Malerarbeiten oder Renovierungsarbeiten über Wasser. Sein Bruder hat das Bauunternehmen des Vaters übernommen. Aufträge? Nahe null. Und Stellenanzeigen? Kaum. Und wenn, dann mit absurden Anforderungen. Wen er wählen wird, weiß Kelesidis noch nicht. "Keine Partei kann es richtig machen", sagt er. Er werde das kleinste Übel wählen.

Dagegen weiß Kostas schon, wem er seine Stimme gibt: der rechtsextremen "Goldenen Morgenröte". Warum er das tut? "Weil ich keine Muslime in meinem Land haben will. Wir haben fünf Millionen Muslime in Griechenland", schimpft der ehemalige Seemann. Den Einwand, das sei bei insgesamt elf Millionen Einwohnern wohl übertrieben, lässt er nicht gelten. "Ich bin kein Faschist und kein Neonazi", sagt er und ergänzt: "Pakistanis sind die schlimmsten. Die verkaufen nicht nur Drogen, sondern auch ihre Seele." Bisher hat Kostas immer die sozialdemokratische Pasok gewählt. Doch die habe sich von ihrer Basis entfernt. "Nun bekommt das System das mit gleicher Münze zurückbezahlt."

Bauingenieur Kelesidis hat daran gedacht, das Land zu verlassen und anderswo Arbeit zu finden. Einer seiner Professoren habe ihm ein Empfehlungsschreiben für eine auf der arabischen Halbinsel tätige Baufirma gegeben, erzählt er. Doch er sei nicht fortgezogen. Die kulturellen Unterschiede seien zu groß. Nun denkt er darüber nach, sich in Griechenland selbstständig zu machen: "Es lohnt sich zu kämpfen."

Quelle: n-tv.de

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