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Ein EU-Austritt Großbritanniens würde auch Deutschland treffen - davon ist Marcel Fratzscher überzeugt.
Ein EU-Austritt Großbritanniens würde auch Deutschland treffen - davon ist Marcel Fratzscher überzeugt.(Foto: REUTERS)

Wenn die Briten den "Brexit" wagen: "Großbritannien wäre der Verlierer"

Endlich raus aus der Europäischen Union: Viele Menschen in Großbritannien sympathisieren mit diesem Gedanken. Aus Sicht von DIW-Chef Marcel Fratzscher hätte der "Brexit" jedoch drastische Konsequenzen - nicht nur für das Königreich.

n-tv.de: Der britische Regierungschef David Cameron hat seinen Landsleuten versprochen, bei einem Wahlsieg im kommenden Jahr bis Ende 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union abzuhalten. Ein Bericht im Auftrag des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson kommt nun zu dem Schluss, dass Großbritannien die EU aus wirtschaftlichen Gründen besser verlassen sollte - wenn sich an den Verhältnissen in Brüssel nichts ändert. Was halten Sie von der Studie?

Marcel Fratzscher ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Seit Februar 2013 leitet er das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.
Marcel Fratzscher ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin. Seit Februar 2013 leitet er das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Marcel Fratzscher: Eine solche Studie ist immer riskant. Prognosen zu machen, wie sich das Wirtschaftswachstum in der EU entwickeln wird, ist enorm unsicher. Erst recht, wenn man so lange Horizonte nimmt, wie diese Studie das getan hat. Die Studie unterstellt der EU letztlich, dass sie das Wachstum in ganz Europa in den nächsten Jahren und Jahrzehnten schwächen wird. Und vor allem dass der internationale Handel sehr schwach steigen wird. Dem liegen sehr zweifelhafte Annahmen zugrunde. Daher glaube ich nicht, dass man eine solche Studie seriös machen kann, so dass man zu ganz konkreten Zahlen, wie das dort geschehen ist, kommen kann.

Was für zweifelhafte Annahmen meinen Sie?

Das sind beispielsweise Annahmen über die Entwicklung des Handels. Man nimmt in dieser Studie an, dass sich der internationale Handel der EU und damit natürlich auch Großbritanniens mit externen Partnern nicht so dynamisch entwickeln wird. Man versucht hier bis 2034 Vorhersagen zu treffen. So etwas ist nicht wirklich serös.

Schauen wir mal auf die möglichen Folgen, die ein EU-Austritt für Großbritannien hätte. Welche Nachteile hätte ein solcher "Brexit"?

Es gibt vor allem zwei große Nachteile. Zum einen die Kosten für den Finanzsektor. Großbritannien ist enorm abhängig vom Finanzplatz London, das neben New York, Tokio und Hongkong eines der wenigen Finanzzentren der Welt ist. London profitiert enorm von der Eurozone. So wird der Euro zum größten Teil dort gehandelt. Also in einem Finanzmarkt, der den Euro gar nicht als eigene Währung hat. Wenn Großbritannien aus der EU austreten und eine andere Regulierung entwickeln würde, dann könnte sich fortsetzen, dass die Europäer darauf bestehen, dass die Finanztransaktion des Euro auch in der Eurozone abgewickelt wird. Das hätte für Großbritannien massive negative Folgen.

Können Sie diese benennen?

Der Finanzplatz London wäre damit gefährdet. Ein Großteil des Handels in Euroanleihen oder -währung könnte abwandern Richtung Frankfurt, Paris, Mailand und Madrid. Bei der Regulierung würden sich unterschiedliche Standards durchsetzen. Die Briten beklagen ja jetzt schon, dass ihre Stimme nicht genug gehört wird. Für Finanz-Institutionen wäre der Anreiz dann viel größer, nicht nach London zu gehen, sondern in der Eurozone zu bleiben. Damit wäre für London ein deutlicher Arbeitsplatzverlust und weniger Wachstum verbunden, und ein riesiger Verlust an Steuereinnahmen durch weniger internationale Transaktionen. London würde einen Teil seiner Mittlerrolle als Finanzplatz verlieren.

Sie sprachen noch von einem zweiten großen Nachteil.

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Die EU spricht in allen internationalen Fragen - sei es Handel oder internationales Währungssystem - mit einer Stimme. TTIP verhandelt die EU beispielsweise für alle Mitgliedsstaaten mit den USA. Das Gleiche gilt für das mögliche Handelsabkommen mit China, dass jetzt angedacht wird. Als Gemeinschaft hat die EU einen viel stärkeren Einfluss als ein einzelnes Land alleine hätte. Dadurch haben alle EU-Länder immense Vorteile. Großbritannien wäre durch einen Austritt quasi isoliert in vielen globalen Fragen und könnte seiner Position nicht wirklich mehr das gleiche Gewicht wie bisher verleihen.

Hätte ein EU-Austritt auch Vorteile?

Großbritannien würde marginal Mitgliedsbeiträge sparen, bei Rechtsprechung und Regularien wäre man nicht mehr auf Brüssel angewiesen wäre, sondern könnte viel selber machen. Das brächte viel mehr Entscheidungsfreiheit als jetzt innerhalb der EU. Letztlich wären die Vorteile also politisch und populistisch, und die Nachteile wirtschaftlicher Natur.

Wäre es ein Vorteil, mit dem Pfund schon eine eigene Währung zu haben?

Es wäre zumindest kein noch größerer Nachteil. Wenn Griechenland etwa den Euro und die EU verlassen würde, dann wären die Kosten größer. Eine eigene Währung zu haben, macht es nicht ganz so schwer.

Mal angenommen, Großbritannien würde die EU verlassen: Was wären die Konsequenzen für Rest-Europa?

Für die EU wäre es eine wirtschaftliche Schwächung. Vor allem die Größe gibt ihr global eine wichtige Rolle. Sie würde den Finanzplatz London verlieren und damit die Fähigkeit, gemeinsame Standards zu setzen. In einigen Bereichen würde es zu noch stärkeren Konflikten zwischen der EU und Großbritannien kommen als in der Vergangenheit, zum Beispiel was die Bankenunion und die Finanztransaktionssteuer angeht.

Und was hieße ein "Brexit" für Deutschland?

Vor allem Deutschland würde einen wichtigen Partner verlieren. Da sehe ich einen großen Kostenfaktor. Wir wissen, dass sich viele EU-Länder stärkere Elemente einer Transferunion wünschen, also eine gemeinsame Haftung. In Deutschland ist der Konsens, dass Länder mehr Eigenverantwortung übernehmen sollten. Deutsche und Briten betonen gern das Subsidiaritätsprinzip, wonach die Entscheidungen auf der kleinstmöglichen Ebene getroffen werden sollen.

Großbritannien wäre durch einen Austritt nicht mehr Teil des Binnenmarktes. Wie aufwändig wäre es, neue Verträge und Vereinbarungen zu schließen

Letztlich würde man mit Großbritannien wohl ähnlich umgehen wie mit der Schweiz oder Norwegen, und sagen: Ja, wir können eine Freihandelszone haben, aber ihr müsst euch dann nach unseren Regularien und Kriterien richten. Großbritannien würde da eher als Verlierer hervorgehen. Die EU würde ihre Interessen hier deutlich behaupten.

Aus der Studie über den EU-Austritt steht auch: Das beste Szenario wäre es Mitglied einer umfassend reformierten EU zu sein, Die beispielsweise ihren Handel mit Drittstaaten ausbaut. In welchem Sinne müsste die EU reformiert werden, um für Großbritannien lukrativ zu sein?

Großbritanniens Interesse liegt vor allem im Ausbau des Handels und in der Öffnung der Finanzmärkte. Man möchte keine weitere Integration. Hier besteht der große Widerspruch. Der Euro kann nur bestehen, wenn weitere Reformen folgen: eine Bankenaufsicht, an der sich langfristig alle EU-Länder beteiligen, eine stärkere Koordinierung auf Seiten der Fiskalpolitik. Der Wunsch Großbritanniens, diese Integration nicht weiter zu betreiben, widerspricht dem Ansinnen, den Euro nachhaltiger zu machen. Das ist ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Wenn die Lücke zu groß wird, dann wird es immer schwerer, eine gemeinsame Politik zu machen. Und langfristig muss diese Lücke geschlossen werden.

Wir sprechen die ganze Zeit über einen möglichen britischen EU-Austritt. Warum könnte es für Großbritannien denn wiederum sogar sinnvoll sein, der Eurozone beizutreten?

Ich glaube nicht, dass das kurzfristig realistisch ist, aber Großbritannien hätte sicherlich eine Menge Vorteile, der Eurozone beizutreten. Es kann ja jetzt schon keine richtig unabhängige Geldpolitik mehr durchführen, Die Abhängigkeit von der Eurozone ist mittlerweile so hoch, dass man deutlich sieht, dass die beiden Wirtschaftszyklen ähnlich verlaufen. Die englische Notenbank muss sich sehr nach der Politik der EZB richten. Man würde durch einen Beitritt das Wechselkurs-Risiko aus dem Markt nehmen. Für Großbritannien würde das den Finanzplatz London deutlich stärken, wenn man in der Eurozone wäre. Und die Briten könnten noch direkter Einfluss nehmen auf die Finanzregulierung.

Mit Marcel Fratzscher sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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