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In Dresden folgten nach Polizeiangaben 15.000 Menschen dem Demonstrationsaufruf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".
In Dresden folgten nach Polizeiangaben 15.000 Menschen dem Demonstrationsaufruf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".(Foto: imago/Peter Blick)

15.000 bei Pegida in Dresden: Hier demonstriert die Mischpoke

Von Christoph Herwartz, Dresden

Seit Wochen schimpfen die Pegida-Demonstranten auf die Politik-Elite. Und deren Reaktion? Sie macht Pegida immer stärker.

Mischpoke. Dieses Wort steht auf Pappschildern und Transparenten. Es fällt auf der Bühne und in praktisch jedem Gespräch, das man hier führt, auf der Pegida-Demo in Dresden. Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, hat es gesagt vor ein paar Tagen in einer Talkshow. Wer es bei Wikipedia eingibt, um nachzugucken, woher das Wort eigentlich kommt, findet das Özdemir-Zitat als Beleg dafür, wie das Wort im Deutschen gebraucht wird. Abwertend wird es häufig gebraucht, und die 15.000 Pegida-Demonstranten tragen es nun vor sich her. Dass es so viele sind, hat auch mit Özdemir zu tun und mit dem Wort Mischpoke.

Denn wie Politik und Medien auf die Pegida-Demos reagiert haben, hätten sich die Organisatoren nicht besser ausmalen können. Pegida war friedlich, klein und vor allem rätselhaft. Nur wenige Demonstranten sprachen mit der Presse, die Organisatoren beantworteten Fragen nur knapp und nur schriftlich. Wer da demonstriert, konnte man eigentlich nicht seriös einschätzen. Auch die Veranstalter wussten lediglich, dass es immer mehr wurden. Doch die Medien hielt das nicht davon ab, Beiträge über Pegida mit dramatischer Musik zu unterlegen. Und Politiker distanzierten sich von etwas, das sie gar nicht kannten.

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In der vergangenen Woche, nachdem 10.000 auf die Straße gegangen waren, fiel dann das Wort Mischpoke und noch mehr: Landesinnenminister sprachen von "Rattenfängern", "ausländerfeindlicher Hetze", von "Nazis in Nadelstreifen". Bundesjustizminister Heiko Maas sieht in Pegida eine "Schande für Deutschland". Besonderes ärgern sich viele Demonstranten über die Aussage, dass hier die "Abgehängten" auf die Straße gehen, die "Angst vor dem Abstieg" haben. "Woll'n wir mal seh'n wer hier Angst haben muss", ruft einer.

"Es gibt eine tiefe Kluft zwischen Volk und Parteien", sagt Alexander Gauland, Landtagsabgeordneter der AfD in Brandenburg und als Beobachter bei der Demo. Es gibt nicht viele, die das hier so analytisch ausdrücken, aber im Prinzip sagen sie alle genau das: "Parteien gute Nacht, Bürger an die Macht", steht auf einem Transparent. Medien, Umfrageinstitute, Experten gehören allerdings genauso zur verhassten Politik-Elite. "Lügenpresse, Lügenpresse", skandiert die Demo so laut, dass es etwas Bedrohliches hat.

"Die Menschen haben Angst"

Nur einen Slogan hört man noch häufiger: "Wir sind das Volk!" – der Spruch von den Leipziger Montagsdemos, die den Mauerfall erzwangen. Damals demonstrieren die Menschen gegen eine Diktatur, heute gegen eine Demokratie. Man kann das als Missbrauch des Slogans sehen, aber die Botschaft ist sehr deutlich: Diese Menschen fühlen sich von ihren Politikern und ihren Medien nicht vertreten.

Was folgt jetzt daraus? Die Forderungen von Pegida passen auf eine spärlich bedruckte DIN-A4-Seite, und viele der Forderungen würde die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten unterschreiben: Mehr Sozialarbeiter für Flüchtlinge, sexuelle Selbstbestimmung und die Aufnahme politisch Verfolgter. Kritischer ist die Forderung, eine Integrationspflicht ins Grundgesetz zu schreiben. Aber geht man dafür auf die Straße?

"Die Menschen haben Angst", sagt eine Frau aus Chemnitz. Ihre Freundinnen werden als "Spermaeimer" beschimpft, wenn sie in der Stadt ihre Babys auf dem Arm halten. Es ist der Schlusspunkt einer Diskussion kurz vor der Bühne, in die sich mit der Zeit immer mehr Menschen eingeschaltet haben. Die alte Vorgabe, nicht mit der Presse zu reden, gilt offensichtlich nicht mehr. Die Debatte dreht sich darum, ob Minarette in deutschen Städten erlaubt sein sollten, wie das die im Westen nur aushalten mit den ganzen Muslimen und wie man es eigentlich aushalten kann, in Berlin-Kreuzberg zu wohnen. Die Leute sind aufgebracht, sie finden, dass die Politik seit Jahren versagt. Bis auf ein paar Details können sie nicht genau sagen, was sie anders machen würden. Aber man kann wunderbar mit ihnen darüber reden und streiten, wenn man sie nicht gleich für dumm erklärt.

Natürlich ist so eine Beobachtung immer nur ein Ausschnitt. Kameraleute werden auch schon mal weggeschubst oder angeblafft. Neonazis haben sich in die Demo gemischt. Die NPD feiert Pegida in einer Pressemitteilung: "Das Volk hat wieder eine Stimme!"

Doch wer in Deutschland von einer angeblichen "Islamisierung" schwadroniert, hat sich erstens zu wenig mit dem Thema Migration befasst und zweitens muss er genau darauf achten, Neonazis keine Plattform zu schaffen. Das hat Pegida bisher gerade nicht gemacht. Schon der Titel "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" unterstellt eine Gefahr, die es nicht gibt.

Und natürlich stehen hier eher keine Intellektuellen beisammen, die einen ausgearbeiteten Plan für neue Gesetze haben – sondern Menschen mit einer diffusen Unzufriedenheit, die wollen, dass auch das ernst genommen wird.

"Ich sage Ihnen, wie das läuft", sagt ein Demonstrant. "Man geht hier hin, demonstriert friedlich. Und dann steht am nächsten Tag in der Zeitung, man sei ein Nazi. Das erzählt man seiner Frau. Und dann sagt die: 'Das schau ich mir auch mal an.' Und dann werden es immer mehr. " So kann das jetzt noch lange weitergehen.

Quelle: n-tv.de

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